02.04.2014 | Von Die Stiftung

Hausaufgaben für die Engagementpolitik

Sicher kann der Dritte Sektor in Deutschland einiges von den USA lernen, aber sollte er tatsächlich alles übernehmen? Und was ist vom Staat in Sachen Engagementförderung zu erwarten? Diese und andere Fragen diskutierten die Teilnehmer des ersten Forums Aktive Bürgerschaft am 27. März in Berlin.

Sicher kann der Dritte Sektor in Deutschland einiges von den USA lernen, aber sollte er tatsächlich alles übernehmen? Und was ist vom Staat in Sachen Engagementförderung zu erwarten? Diese und andere Fragen diskutierten die Teilnehmer des ersten Forums Aktive Bürgerschaft am 27. März in Berlin.
Von Gregor Jungheim

 

Die Stadt Cleveland im US-Bundesstaat Ohio hat der Cleveland Foundation einiges zu verdanken. Nicht nur die Entwicklung eines alternativen Schulsystems, die Aufwertung eines Stadtviertels, die Förderung von Existenzgründungen,

ein Krankenhaus und eine Weiterbildungseinrichtung, sondern auch ein College gehen auf die 1914 gegründete erste Bürgerstiftung der Welt zurück. Beiträge zum Gemeinwohl einer einst prosperierenden und heute eher strukturschwachen Kommune in einem Umfang, von dem deutsche Bürgerstiftungen nur träumen können. „Wenn ein großer Magnet jedes Gebäude und jede Einrichtung anziehen würde, an dem die Stiftung beteiligt war, wäre von der Stadt nicht mehr viel übrig“, berichtete die Journalistin Dr. Petra Krimphove auf dem ersten Forum Aktive Bürgerschaft am 27. März in der Berliner DZ Bank. „Die Veranstaltung trug den Titel „Von Vater Staat zu Uncle Sam – wohin entwickelt sich das Bürgerengagement?“. Rund 200 Gäste von zahlreichen zivilgesellschaftlichen Institutionen besuchten die vom engagementfördernden Verein Aktive Bürgerschaft initiierte Diskussionsrunde im Regierungsviertel, an der Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Zivilgesellschaft teilnahmen.

„In den Augen vieler Amis gibt es nichts Schlimmeres als einen Staat, der sich in alles einmischt“, erklärte Krimphove, die für ihre Recherchen regelmäßig in die USA reist und auch Cleveland besucht hat. „Wenn ich allerdings sage: ,Bis hierher und nicht weiter‘, muss ich mich auch um das kümmern, was jenseits des Zauns liegt.“

Könnte dies auch ein Modell für das Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft in Deutschland sein? Prof. Dr. Annette Zimmer bezweifelte, dass diese Rechnung so einfach aufgeht: „Was wäre wenn die Amis die Wiedervereinigung gemanagt hätten?“, fragte die wissenschaftliche Leiterin des Zentrums für Non-Profit-Management an der Universität Münster. „Würden Städte wie Weimar oder Jena heute auch so aussehen und gäbe es jetzt lauter kleine Cleveland Foundations?“ Der deutsche Weg eines weniger schlanken Staates mit umfassenden Aufgaben und Zuständigkeiten habe durchaus seine Berechtigung gehöre nicht immer nur runtergemacht, so die Politikwissenschaftlerin.

Mit roten und grünen Karten konnten die Besucher mehrmals abstimmen. Hier das Meinungsbild zur Frage „Muss der Staat der Bürgergesellschaft mehr Mitentscheidungsmöglichkeiten bieten?“

Dass allerdings auch zivilgesellschaftlichen Organisationen in Deutschland bereits große Veränderungen gelungen sind, machte Dr. Christian Brauckmann aus dem Vorstand der WGZ Bank deutlich: „Genossenschaftliche Banken sind als Selbsthilfeorganisationen gegründet worden, für Menschen, die damals keinen Zugang zu Krediten hatten. Das war auch so was wie bürgerschaftliches Engagement.“

Die Frage, was nun vom Staat an Engagementförderung erwartet werden kann, richteten die Moderatoren Dr. Stefan Nährlich und Holger Backhaus-Maul an Dr. Ralf Kleindiek. „Wir wollen Strukturen entwickeln, damit sich bürgerschaftliches Engagement entfalten kann“, sagte der Staatssekretär im Bundesfamilienministerium. Was aber, wenn klare Ideen zur gesellschaftlichen Veränderung einfach nur Geld brauchen? „Das kommt auf die Summe an“, bekundete der Staatssekretär. „Wenn aus Ideen viele Nachahmer entstehen, dann ist uns das wichtig.“

Eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Politik und Verwaltung attestierte der Vorstandsvorsitzende Ulrich E. Deissner der Bürgerstiftung Braunschweig. Selbst wenn nicht immer alle Partner einer Meinung sind. „Viele Politiker haben Sprechblasen im Mund“, erzählte Deissner. „Wir dagegen können auch mal eine dicke Lippe riskieren.“

In jedem Fall wird bürgerschaftliches Engagement an Bedeutung gewinnen und sollte deshalb auch vom Staat mehr Entscheidungskompetenz erhalten – so das klare Votum des Publikums, dass sich mit grünen und roten Abstimmungskarten sowie schriftlich eingereichten Fragen an der Diskussion beteiligen konnte. Bis dahin gilt es jedoch noch einige Hindernisse aus dem Weg zu schaffen. So war Kleindiek der Ansicht, dass es mehr als Freiwilligendienste brauchen werde, um eine Gesellschaft zu stärken. Brauckmann betonte, dass Engagement freie Zeit brauche, die durch G8 knapper geworden sei. Zimmer betonte, dass trotz vielen Menschen mit mehrfachen Ehrenämtern das Angebot längst nicht alle erreiche. Um niemanden auszuschließen, sollten noch weitere Engagementformen gefunden werden. Auch müsse sich die Förderung der Zivilgesellschaft auf unbequeme Formen erstrecken, wie z.B. ein Protestinvestment. Krimphove appellierte an die Zuhörer und Mitdiskutanten, Scheitern nicht immer nur negativ zu besetzen, was dazu ermutigen könne, im Engagement mehr auszuprobieren.

Moderator Nährlich bemängelte schließlich, dass im Tatort zahlreiche Stifter und bürgerschaftlich Engagierte Bösewichter seien. Zumindest hier ist eine Veränderung in Sicht. Die Ende Januar ausgestrahlte Tatort-Folge „Adams Alptraum“ aus Saarbrücken erzählt von einem ehrenamtlichen Schwimmtrainer, der durch eine falsche Hetzkampagne in den Social Media für einen Pädophilen gehalten und lebensbedrohlich verletzt wird. Die Aufklärung des Rufmordes gelingt –doch leider zu spät für den engagierten Schwimmtrainer.

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