12.04.2017 | Von Die Stiftung

„Bürgerstiftung ist kein Lückenbüßer“

Die Zivilgesellschaft bedarf ideeller und materieller Impulse, um in einer Zeit der Veränderung zum aktiven Gestalter zu werden und nicht zur zum passiven „Empfänger“ zu verkommen. Während die traditionelle Form der Stiftung zwar einen gemeinnützigen, aber nicht immer einen besonders gemeinschaftlichen Gedanken in der Art und Weise, wie sie arbeitet, verfolgt, ist die Bürgerstiftung in dieser Hinsicht genau das Gegenteil: Sie lebt vom Mitmachen und Mitstiften Vieler. Mit den eingeworbenen finanziellen Mitteln kann sie ihre Vermögensausstattung stärken, eigene Projekte umsetzen oder andere Einrichtungen fördern.

Alle reden vom Wandel in unserer Gesellschaft. Was vielen allerdings noch nicht so richtig bewusst ist: Bei den meisten Menschen ist er auch schon angekommen – in der Form von neuen Arbeits- und Lebenskonzepten etwa, oder auch der Vernetzung unseres Alltags durch die Möglichkeiten der Digitalisierung. Wie sollen wir diesen Megatrends, die unsere Gesellschaft verändern, also am besten begegnen und was kann die Allgemeinheit dafür – oder dagegen – tun?

Bürgerstiftungen flächendeckend vorhanden

Seit etwa 20 Jahren gibt es in Deutschland das Konzept „Bürgerstiftung“. Die ersten wurden in Gütersloh und Hannover gegründet. Mittlerweile findet man sie gut über das gesamte Bundesgebiet verteilt. Ihr Fokus ist dabei sehr regional oder sogar lokal – manchmal nur eine kleine Gemeinde, meist eine Stadt, selten ein ganzes Bundesland. Sie alle eint der Gedanke, eine Stiftung „von Bürgern für Bürger“ zu sein.

Doch welche Impulse sind von Bürgerstiftungen für den gesellschaftlichen Wandel zu erwarten? Wir haben mit Birgit Schäfer, Vorsitzende der Bürgerstiftung Hamburg, gesprochen. Die Bürgerstiftung Hamburg, 1999 gegründet, ist die größte ihrer Art in Deutschland.

Birgit Schäfer: „Wir sind Mittler, Förderer, Koordinator“

DIE STIFTUNG: Wie hilft die Hamburger Bürgerstiftung mit, den gesellschaftlichen Wandel zu begleiten?
Birgit Schäfer: Unser Stiftungszweck ist zunächst einmal relativ weit gefasst. Das gibt uns die nötigen Spielräume, einerseits selbst operativ mit eigenen Projekten tätig zu werden, andererseits aber auch Förderstiftung zu sein. Den inhaltlichen Schwerpunkt unserer Arbeit legen wir aktuell auf Kinder und Jugendliche im benachteiligten Umfeld, auf Familien mit Kleinkindern in herausfordernden Situationen sowie auf den generationenübergreifenden Dialog zwischen Jung und Alt.

DIE STIFTUNG: Sind Sie als Bürgerstiftung nicht viel zu regional aufgestellt, wenn Sie damit in der Gesellschaft etwas bewirken wollen?
Schäfer: Die räumliche Fokussierung auf einen Ort oder eine Region gehört ja zum Wesen der Bürgerstiftungen. Darin liegt ein enormes Potential, das Wissen und die Strukturen vor Ort möglichst gewinnbringend zu nutzen..

DIE STIFTUNG: In welcher Funktion finden Sie sich dabei wieder?
Schäfer: Ziel unserer Arbeit ist es, Teilhabe-Möglichkeiten für die Menschen zu schaffen, Vorsorge zu leisten und zur Selbsthilfe anzustiften. Dabei sind wir Mittler, Förderer, Moderator und Koordinator. Wir orientieren uns weniger an abstrakten Themen – Stichwort „Megatrends“ – sondern an der konkreten Realität in Hamburg.

DIE STIFTUNG: Können Sie ein konkretes Projekt nennen, an dem ein innovativer Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft deutlich wird?
Schäfer: Aktuell setzen wir operativ ein Projekt um, das sich dem Thema „Service Learning“ in allgemeinbildenden Hamburger Schulen verschrieben hat und dort bereits in den Lehrplan integriert wurde. Konkret geht es darum, den Kindern und Jugendlichen schon frühzeitig den Sinn gesellschaftlichen Engagements näherzubringen und ihnen aufzuzeigen, auf welche Weise sie sich engagieren können.

DIE STIFTUNG: Was braucht es Ihrer Meinung nach, um die Wirkung von Bürgerstiftungen noch weiter zu erhöhen?
Schäfer: Dass jeder zunächst auf seinen eigenen Stiftungszweck schaut, ist logisch und nachvollziehbar. Die Zusammenarbeit von Stiftungen untereinander funktioniert in Hamburg schon sehr gut – auch mit den großen, hier ansässigen Stiftungen wie der Zeit-Stiftung, der Joachim Herz Stiftung oder der Körber-Stiftung. Dennoch sehe ich gerade in puncto Kooperationen und Vernetzung noch Steigerungsbedarf für die Bürgerstiftungen. Und zwar nicht nur mit anderen Stiftungen, sondern vor allem auch hin zur Politik und zu staatlichen Stellen.

DIE STIFTUNG: In manchen, eher strukturschwachen, Regionen Deutschland gibt es Tendenzen, dass Stiftungen immer stärker Aufgaben des Staates übernehmen, weil dieser finanziell dazu nicht mehr in der Lage ist oder sein Geld anderweitig verwendet. Springen Sie in Hamburg auch mal für die Stadt in die Bresche?
Schäfer: Kooperationen mit der Politik zu suchen, heißt nicht, für sie in die Bresche zu springen. Die Bürgerstiftung ist nicht der Lückenbüßer für den Staat, sondern sein Partner. Der Bildungsauftrag, um das richtige Themenfeld für die Bürgerstiftung Hamburg zu nennen, muss auch weiterhin hoheitliche Aufgabe des Staates bleiben. An dieser Stelle sollte der Einfluss von Stiftungen auch natürlicherweise enden. Wir können und wollen nur ergänzend und innerhalb der von der Politik gesetzten Rahmenbedingungen aktiv werden.

Warum auch in Stuttgart die Bürgerstiftung eine wichtige Einrichtung bei der Begleitung des gesellschaftlichen Wandels ist und wie sie dort zum aktiven Player wird, lesen Sie übrigens in einem Interview mit Helga Breuninger, u.a. Vorsitzende der Bürgerstiftung Stuttgart, in der aktuellen Ausgabe von DIE STIFTUNG.

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