08.06.2017 | Von Die Stiftung

Hans Böckler Stiftung: Pflege mehr als ein Vollzeitjob

Die Hans Böckler Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes stellte gestern die von ihr geförderte Studie „Pflege in den eigenen vier Wänden: Zeitaufwand und Kosten“ vor. Sie zeigt, dass die Pflege eines Verwandten oft mehr als ein Vollzeitjob ist: 63 Stunden in der Woche fallen in einem Haushalt mit pflegebedürftiger Person im Schnitt an. Nur zehn Prozent der Arbeiten übernehmen professionelle Dienste, alles Übrige leisten Angehörige, meist Ehefrauen oder Töchter. Auch wenn staatliche Arrangements wie die Pflegeversicherung die betroffenen Familien entlasten, bringt dies für die Familien einen enormen zeitlichen und teilweise auch finanziellen Aufwand mit sich. Trotz einiger politischer Initiativen funktioniert die Verzahnung von Pflege und Arbeitsmarkt noch nicht gut, befinden die Autoren der Studie.

Die Untersuchung zeigt nicht nur, wieviel Zeit die Pflege in Anspruch nimmt. Deutlich wurden auch Widersprüche in der Sozialpolitik, etwa wie sich soziale Ungleichheit bei der Betreuung hilfebedürftiger Menschen niederschlägt oder dass es bei der Verzahnung von Pflege und Arbeitsmarkt in mehrerer Hinsicht knirscht: Das gilt für die Arbeitsbedingungen osteuropäischer Pflegekräfte ebenso wie für die Vereinbarkeit von Job und Familie oder für knappe Einkommen und Rentenansprüche von Beschäftigten, die ihre Arbeitszeit aus Pflegegründen reduziert haben.

Hans Böckler Stiftung: Wohlhabende in höheren Pflegestufen

Dass Pflege sozial selektiv ist, habe aber nicht nur direkt mit den Einkommen zu tun. Die Angebote zur Pflegeberatung erreichen Hauptpflegepersonen aus bildungsfernen Schichten oft nicht, haben die Forscher festgestellt. Offenbar sind sie häufig auch mit den bürokratischen Anforderungen der Pflegeorganisation überfordert. Auffällig sei, so die Wissenschaftler, dass Pflegebedürftige in einkommensstarken Haushalten oft in höhere Pflegestufen eingruppiert sind als solche aus sozial schwächeren Kreisen. Da nicht ersichtlich ist, warum Wohlhabende pflegebedürftiger sein sollten als Arme, liegt die Vermutung nahe: Es gelingt den Angehörigen höherer Schichten besser, gegenüber der Pflegeversicherung einen größeren Bedarf geltend zu machen.

Wird Pflege als gesellschaftliche Aufgabe verstanden, müsse die Frage beantwortet werden, ob entweder das Leben im Heim zu einer attraktiven Alternative ausgebaut wird oder „häusliche Settings“ soweit entwickelt und finanziert werden, dass sie auch bei schwerster Pflegebedürftigkeit eine umfassende Versorgung garantieren.

www.boeckler.de

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