13.01.2016 | Von Die Stiftung

„Unter einer dicken Kruste aus Trägheit und Misstrauen“

DIE STIFTUNG: Weshalb war die Gründung des Verbands für gemeinnütziges Stiften notwendig? Ist er mit dem Bundesverband Deutscher Stiftungen vergleichbar?
Petra Navara: Gemeinnütziges Stiften hat in Österreich zwar eine alte Geschichte, aber keine Tradition. Der Gesetzgeber hat das Potenzial, das Stiftungen hinsichtlich ihres Beitrags zur Gestaltung unserer Gesellschaft und ihrer Zukunft innewohnt, bisher weit unterschätzt und unterbunden, indem der den rechtlichen Rahmen unattraktiv gehalten hat. 2014 haben maßgebliche Kräfte an der Entwicklung eines Gemeinnützigkeitspakets mitgewirkt, das 2015 in Verhandlung ging. Dies war der Anstoß zur Gründung des Verbands für gemeinnütziges Stiften.
Mit dem Bundesverband Deutscher Stiftungen ist unser Verband von der grundsätzlichen Ausrichtung und seinem Portfolio vergleichbar, in der Dimension können wir uns als Neugründung in einem kleinen Land mit Ihrem etablierten Bundesverband natürlich nicht messen.

DIE STIFTUNG: Was genau ist die Arbeit des Verbands, wofür engagiert er sich und was möchten Sie damit erreichen?
Navara: Der Verband für gemeinnütziges Stiften will in zwei Bereichen wirken: Zum einen lobbyiert er aktuell das Gemeinnützigkeitspaket. Da das politische Feld für gemeinnütziges Stiften aber damit nicht bestellt ist, wird er laufend an der Verbesserung der gesetzlichen Rahmenbedingungen arbeiten, sowohl auf Bundes- wie auch auf Landesebene, um schließlich ähnliche Bedingungen herzustellen, wie sie in Deutschland oder in der Schweiz gelten, wo gemeinnützige Stiftungen Mittel in Milliardenhöhe für das Gemeinwohl einsetzen.
Zum anderen ist es Ziel, einen Wandel in der Gesellschaft in der Wahrnehmung ihrer Herausforderungen, Verantwortungen und Ressourcen herbeizuführen: Welche Herausforderungen stellen sich uns heute und morgen? Kann der Staat sie für uns bewältigen? Oder die Wirtschaft? Oder müssen wir selbst an ihrer Bewältigung mitarbeiten? Welche Ressourcen – Kompetenz und Kapital – haben wir dazu zur Verfügung? Und wie wollen wir sie einsetzen?
Als Zivilgesellschaft haben wir sowohl die Aufgabe als auch die Mittel unsere Gesellschaft und unsere Zukunft zu gestalten. Wir müssen es nur tun. Dieses Bewusstsein möchten wir stärken.

DIE STIFTUNG: Wer kann bei Ihnen Mitglied werden? Was sind die Vorteile, die Mitglieder haben?
Navara: Im Verband für gemeinnütziges Stiften können juristische Personen Mitglied werden, die gemeinnützig tätig sind. Wir sprechen in erster Linie Privatstiftungen an, gemeinnützige Stiftungen sowieso, aber auch Verbände oder gemeinnützige GmbHs und Vereine könnten eine Mitgliedschaft beantragen.
Die Mitglieder kommen in den Genuss des klassischen Angebots eines Verbands – Vernetzung und Entwicklung, Interessensvertretung gegenüber Politik und Verwaltung, Information und Wissenstransfer, Beratung und Weiterbildung, Imagepflege und Medienarbeit.
Der Verband arbeitet programmatisch an einer Verbesserung der Projektpraxis, indem er den Austausch mit Expertinnen und Erfahrungsträgern lanciert und in weiterer Folge Standards für die Projektarbeit entwickelt. Inhaltlich bietet der Verband Formate, die ein Denken neuer Wege, ein entwickeln alternativer Strategien und das Experimentieren fördern. Austausch und Lernen erfolgen über geografische, sektorielle und institutionelle Grenzen hinaus. Das Leistungsangebot umfasst auch die Hilfestellung zur Gründung gemeinnütziger Stiftungen und Fonds, die Identifikation von geeigneten Kooperationspartnern und Informationen zur Entwicklung der österreichischen Stiftungsszene.

DIE STIFTUNG: Welches Potenzial sehen Sie in Ihrer Arbeit und auch in der österreichischen Stiftungslandschaft?
Navara: Das Potenzial österreichischer Stiftungen schlummert unter einer dicken Kruste aus Trägheit und Misstrauen. Wenn wir es gemeinsam schaffen, sie aufzubrechen, wird brachliegendes Kapital Innovationen und Projekte in den Bereichen Soziales, Bildung, Gesundheit, Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur etc. nähren und „Österreich zum Blühen bringen“, um mit unserem Gründungs-Motto zu schließen.

DIE STIFTUNG: Frau Navara, wir wünschen Ihnen für Ihr Vorhaben alles Gute.

Das Interview führte Jennifer E. Muhr.

 

Petra Navara 3_ Photo by Eva KernPetra Navara ist Geschäftsführerin des Verbands gemeinnützigen Stiftens.

 

 

 

 

 

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