23.04.2018 | Von Martina Benz

„Die Uhren ticken anders“

Tanja Kanzler wechselte vor zwei Jahren aus der freien Wirtschaft zu Condrobs, einer Non-Profit-Organisation, die in den Bereichen Prävention, Jugendhilfe, Suchthilfe und Hilfe für geflüchtete Menschen tätig ist. Nun wagt sie einen Blick zurück auf diese Entscheidung.

Kanzler
Tanjs Kanzler hat vor zwei Jahren beruflich die Weichen neu gestellt und einen neuen Weg eingeschlagen: Sie arbeitet nun im sozialen Sektor. Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Sie kennen beide Seiten: Unterscheiden sich die Arbeitsweisen im Dritten Sektor von denen in der freien Wirtschaft?
Tanja Kanzler: Eine meiner ersten Aufgaben war es, einheitliche Stellenbeschreibungen zu entwickeln. Wir haben dafür ein ganzes Jahr gebraucht. Das hätte ich mir früher nie vorstellen können. So etwas gibt es in der freien Wirtschaft einfach nicht. Im gemeinnützigen Sektor dauert alles etwas länger. Die Uhren ticken einfach anders. Bei Condrobs werden von der Geschäftsleitung bis  zur operativen Ebene alle in so einen Prozess mit eingebunden. Das braucht Zeit. Aber es schafft auch die Grundlage für eine allgemeine Akzeptanz der Ergebnisse. Soziale Arbeit ist nachhaltig – und diese Haltung spiegelt sich auch in internen Prozessen wieder. Man macht sich viele Gedanken, es wird viel diskutiert. Darauf muss man vorbereitet sein.

Hat das bei Ihnen zu Frust geführt?
Kanzler: Im Gegenteil. In der freien Wirtschaft passiert es leicht mal, dass ein erarbeitetes Projekt einfach nur in der Schublade des Chefs landet. Hier weiß ich, dass meine Arbeit Beachtung findet.

Gibt es noch weitere Unterschiede, die Sie hervorheben würden?
Kanzler: In Wirtschaftsunternehmen sind die Korridore oft doch recht eng. Ich bin aber jemand, die gerne kreativ arbeitet, eigene Ideen umsetzt, Dinge ausprobiert und aufbaut. Hier habe ich dafür viel mehr Raum. Gleichzeitig ist mein Know-how aus früheren Jobs durchaus bereichernd, denn es gibt Prozesse aus der Wirtschaft, die auch in sozialen Organisationen sinnvoll sind – gerade in so großen wie Condrobs. Man muss sie nur anpassen.

Bei Condrobs gibt es noch weitere Wirtschaftsaussteiger. Waren Ihnen diese eine Hilfe bei der Umstellung?
Kanzler: Diese Personen waren für mich gerade zu Beginn wichtige Ansprechpartner, da sie eine ähnliche Sicht auf die Dinge, aber schon mehr Erfahrung bei Condrobs hatten. Der Austausch mit ihnen war und ist deshalb sehr wertvoll für mich.

Würden Sie den Schritt aus der Wirtschaft in den Dritten Sektor weiterempfehlen?
Kanzler: Ich habe meine Entscheidung noch keine Minute bereut. Natürlich gibt es Momente, in denen ich mich nach einem höheren Gehalt sehne. So wie momentan bei der Wohnungssuche in der Miethochburg München. Meine neu gewonnenen Freiheiten, die Arbeitsatmosphäre und die sinnvollen Aufgaben lassen mich das aber gerne in Kauf nehmen. Man muss es einfach wollen. Ich bin Coach und konnte mich als Personalerin während der Umstellung zum Glück recht gut selbst anleiten. Manche Menschen brauchen da vielleicht etwas mehr Betreuung, obwohl auch für sie dieser Schritt durchaus der Richtige ist. Für den Erfahrungsaustausch mit solchen Leuten bin ich immer offen, denn auch die Vernetzung außerhalb der eigenen Organisation hilft beim Wechsel  – und der lohnt sich definitiv.

Foto: Condrobs

Tanja Kanzler ist Referentin Personalentwicklung bei Condrobs e.V.

 

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