03.04.2017 | Von Die Stiftung

Kleinen Seelen heilen helfen

Ein sehr belastendes Erlebnis kann für ein Kind schnell zum Trauma werden und es sein Leben lang beeinträchtigen – wenn es bei der Verarbeitung keine Unterstützung bekommt. Die Aetas Kinderstiftung hilft kleinen Seelen, bevor sie krank werden. Dank ihr blickt der heute 12-jährige Mark wieder mit Zuversicht in die Zukunft.

Zeichnung von Mark: Eine "Heute-Krake", zwei "Vergangenheitskraken" und zwei "Zukunftskraken" halfen Mark beim Erkennen und Zuordnen seiner Gefühle (unten) und Fähigkeiten (oben). Diese Erkenntnisse werden ihm auch in Zukunft nützen. (Urheber: Aetas Kinderstiftung)

Ein sehr belastendes Erlebnis kann für ein Kind schnell zum Trauma werden und es sein Leben lang beeinträchtigen – wenn es bei der Verarbeitung keine Unterstützung bekommt. Die Aetas Kinderstiftung hilft kleinen Seelen, bevor sie krank werden. Dank ihr blickt der heute 12-jährige Mark wieder mit Zuversicht in die Zukunft.
Von Martina Benz

Mark war noch in der Schule, als seine Mutter den Vater tot auffand. Es war Herbst. Eine innere Unruhe hatte die 41-Jährige vor ihrem Sohn nach Hause getrieben. Dort wurde ein Albtraum für sie wahr: Ihr Mann hatte sich im eigenen Wohnzimmer das Leben genommen. Der Grund: eine schwere Depression.

„Erst mal ging´s für mich nur um Mark“, erzählt die Mutter heute. Den richtigen Namen ihres Sohnes möchte sie lieber nicht veröffentlichen. Er sei seinem Vater sehr nahe gewesen. Einem Mann, den selbst die Witwe heute noch als „den besten Vater, den ich kenne“ beschreibt. Wie sollte sie also ihrem Sohn erklären, dass genau dieser geliebte Mensch nicht nur für immer von ihnen gegangen war, sondern Mutter und Sohn auch noch aus eigenen Stücken zurückgelassen hatte? Und wie erklärt man einem Kind, was genau eine Depression ist?

Begleitung in Krisenzeiten

Die Gründer der Aetas Kinderstiftung, Tita Kern und Florian Rauch, wurden immer wieder mit solchen Familienschicksalen konfrontiert: die ausgebildete systemische Familien- und Traumatherapeutin in ihrer Arbeit in der Krisenintervention im Rettungsdienst, der studierte Kaufmann im selbst gegründeten Bestattungsunternehmen „Aetas – Lebens- und Trauerkultur“. Beide machten in ihrer Arbeit dieselbe Erfahrung: Eltern wissen nach solch einem Schicksalsschlag nicht, wohin mit dem Kind, wenn es beginnt krank zu werden.

Die Gründer der Aetas Kinderstiftung: Tita Kern und Florian Rauch
Die Gründer der Aetas Kinderstiftung: Tita Kern und Florian Rauch

Bereits 2007 hatten Tita Kern und ein Kollege deshalb die „Aufsuchende Psychosozial-Systemische Notfallversorgung“ entwickelt und wandten diese seitdem erfolgreich an. Mit der Stiftungsgründung 2013 wurde dann ein festes Zuhause dafür geschaffen. Um Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 17 Jahren, die eine traumatische Erfahrung machen mussten, zu begleiten. Es kann sich um schlimme Unfälle handeln, um Suizidversuche, um schwere Krankheiten, Gewalterfahrungen, Abschied oder Sonstiges. Im Vordergrund steht die Belastung.

Trauer statt Trauma

Eine Belastung, die so stark ist, dass ein Kind sie nicht alleine verarbeiten kann. „In der frühen Phase hat sich noch nichts festgesetzt“, erklärt Tita Kern. Und genau da greift die Stiftung ein. Um den kleinen Seelen zu helfen, bevor sie krank werden. Damit die Wunden heilen können. Damit aus Trauma Trauer werden kann.

In den ersten zehn Tagen nach einer Tragödie steht den betroffenen Familien während der sogenannten Akutbegleitung 24 Stunden ein Ansprechpartner zur Verfügung. Wenngleich Marks Mutter das Angebot nicht ständig wahrnahm, war es gerade in der Phase direkt nach dem Tod von großer Bedeutung für sie, Rücksprache bezüglich ihrer nächsten Schritte halten zu können. Ist es richtig, Mark gleich wieder in die Schule zu schicken? An den Ort, den er am meisten mit seinem Vater verbindet. „Schule war Papa. Er hat immer mit ihm gelernt. Nach seinem Tod wollte der Junge nichts mehr davon wissen. Er verkroch sich hinter Tablet und Fernseher“, berichtet die Mutter. Dennoch waren gerade die gewohnten Strukturen und Tagesabläufe wichtig für sein inneres Gleichgewicht.

Später geht das Konzept dann in die Regelbegleitung über. Diese dauert etwa ein Jahr. Erst wöchentlich, dann alle zwei Wochen traf Tita Kern sich mit Mutter und Sohn – und arbeitete hierbei vor allem mit dem kleinen Mark intensiv zusammen. Bei ihm zu Hause. Die Stiftung arbeitet bewusst aufsuchend. Um das Umfeld mit einzubeziehen und  um den Kindern nicht durch den Besuch einer Praxis das Gefühl zu vermitteln, sie seien krank.

Große Hilflosigkeit

„Ich würde alles dafür tun, dass Mark weiterhin offen ist, Hilfe sucht und nicht schwermütig wird wie sein Vater. Die zwei sind sich so ähnlich.“ Die große Sorge um ihren Sohn kann die Mutter auch mit ihrer lockeren, klaren Art nicht überdecken. Dieser Schutzmechanismus, eine Art der Distanzierung vom Geschehenen, zeige, wie nah ihr all das in Wirklichkeit gehe, erklärt die Psychologin. Wie intensiv die Gefühle und wie groß die Sorge um Mark seien.

„Die Hilflosigkeit, die Eltern empfinden, wenn sich die Bilder im Kopf der Kinder nicht wegtrösten lassen, ist enorm“, so Tita Kerns Erfahrung. „Keine Mutter und kein Vater ist darauf vorbereitet, mit solch einer Extremsituation umzugehen“, berichtet die psychologische Beraterin. Meistens unterschätzten sie zudem die Symptomatik ihrer Kinder. Nicht zuletzt, weil sich viel nur im Kopf der Kleinen abspielt und diese es nicht nach außen kommunizieren – um die Eltern zu schützen.

In Marks Alter geht es vor allem darum, Kopf und Herz so weit zu unterstützen, dass das Kind stark genug ist, die ganze Wahrheit zu kennen und damit umzugehen. „Die großen Gefühle waren sein Thema“, so seine Therapeutin. Und die Frage nach dem „Wie“ und dem „Warum“ des Suizids. Menschen ertragen unbeantwortete Fragen nicht gut, auch Kinder nicht. Aus diesem Grund sucht man immer nach Antworten. Kinder geben sich dann oftmals selbst die Schuld, beispielsweise für den Tod des Vaters.

Kindgerechte Worte finden

Nach 15 Sitzungen, in denen Mark gemeinsam mit Tita Kern und seiner Mutter das „Warum“ des Suizids aufgearbeitet hatte, war er bereit, die Antwort auf das „Wie“ zu erfahren – direkt von seiner Mutter. Diese hatte zuvor gemeinsam mit Tita Kern üben dürfen, ihm Schritt für Schritt zu erklären, was sein Vater getan hatte, bis sein Herz aufhörte zu schlagen.

„Eltern sollten niemals falsche Erklärungen abgeben“, so die Psychotraumatologin. Wenn man einem Kind sagt, eine gestorbene Person sei für immer eingeschlafen, so entsteht daraus leicht die Angst, dass auch andere nahestehende Menschen nicht mehr aufwachen könnten. Oder Angst davor, selbst einzuschlafen. Viel besser sei es, offene und ehrliche Erklärungen so zu formulieren, dass ein Kind sie verstehen kann, weiß Tita Kern aus Erfahrung.

„Im Liebhaben war der Papa 1A!“

Eine besonders herausfordernde Zeit wird für Mark und seine Mutter wohl immer der Herbst sein. „Jeder Tag dieser Jahreszeit riecht nach der Zeit, in der es passiert ist“, erklärt Tita Kern die starken Emotionen, die mit dem Todestag verbunden sind.

Doch Mark weiß nun, dass die dunklen Gedanken im Kopf seines Vaters nichts mit seinen Gefühlen ihm gegenüber zu tun hatten. Die Beziehung zu seinem Papa hat sich wandeln, die Liebesenergie in eine neue Art der Beziehung zu ihm fließen dürfen. Denn die Verbindung bricht nach dem Tod nicht ab, sie verändert sich nur. Und heute weiß Mark: „Im Liebhaben war der Papa 1A!“

 

Über Aetas
Aetas ist im Raum München die erste und einzige Organisation mit dem Angebot der „Kinderkrisenintervention“. Neben der Akut- und Regelbegleitung bietet die Stiftung „Eltern- und Kinder-Stärkegruppen“, Schulungen von Fachpersonal in Kinder-Einrichtungen, einen jährlichen Kletterausflug für die Kinder im Sommer sowie ein Lichterfest für die Familien zum Jahresende an. Finanziert wird die Arbeit über Spenden. Die Anzahl der begleiteten Kinder ist von 184 im Jahr 2015 auf 260 im Jahr 2016 deutlich angestiegen. Der Amoklauf in München im Juli vergangenen Jahres dürfte diese Zahl noch weiter steigen lassen.

www.aetas-kinderstiftung.de

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