07.11.2017 | Von Martina Benz

Rückgrat bewiesen, Preis erhalten

Mascha Kaukas Stiftung „Amazonica“ engagiert sich im tiefsten Urwald Ecuadors. In Ausgabe 5-2017 stellte DIE STIFTUNG die Person Mascha Kauka in ihrer Serie „Stifter und Anstifter“ vor – woraufhin die Horst-Lütje-Stiftung sie mit dem „Rückgratpreis“ auszeichnete. Ein Preis, zwei Menschen, zwei Interviews.

Preis
Fast ausschließlich von Hand bauten die Shuar ihre „Amazonica Akademie“ im ecuadorianischen Regenwald wieder auf. Foto: Stiftung Amazonica

DIE STIFTUNG: Herr Lütje, wie oft verleihen Sie den „Rückgratpreis“?
Horst Lütje: Laut Satzung kann ich jährlich bis zu 3.000 Euro vergeben – gestückelt oder auf einmal. In der Regel vergebe ich stückweise 1.000 Euro.

DIE STIFTUNG: Welche Idee steckt hinter der Auszeichnung?
Lütje: Leute beweisen in der Regel kein Rückgrat. Es passieren Dinge und keiner tut was. Deshalb zeichne ich die Leute aus, die sich doch für andere einsetze. So habe ich den Preis zum Beispiel an einen Konditor verliehen, der in der U-Bahn einer Frau beigestanden hat, die überfallen wurde. Er erlitt einen Messerstich in der Leiste, ist seitdem einbeinig und kann seinen Beruf nicht mehr ausüben. Einmal im Jahr bezahle ich ihm außerdem eine Kur, da wir ein gutes Verhältnis haben. Jedes Jahr zu Weihnachten bedankt er sich und schickt einen Weihnachtsgruß.

DIE STIFTUNG: Wieso sind Sie der Meinung, dass Frau Kauka Ihre Auszeichnung verdient hat?
Lütje: Sie setzt sich ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit für ihren Stiftungszweck ein. Dass sie noch dazu Spaß daran hat freut mich und das will ich unterstützen. Es ist nicht ohne, was sie da macht. Im Urwald arbeiten, sich Infektionen aussetzen. Man kann nicht die Welt retten, weshalb ich es oft halte wie die Engländer, die sagen „charity begins at home“: Meistens zeichne ich lokale Helden aus. Aber ich finde es auch toll, wenn eine Deutsche sich im Ausland engagiert. Der Preis soll hierfür eine kleine finanzielle Unterstützung sein.

DIE STIFTUNG: Frau Kauka, Sie haben von der Horst-Lütje-Stiftung den Rückgratpreis erhalten. Was bedeutet er für Sie?
Mascha Kauka: Ich freue mich wahnsinnig darüber, vor allem weil es der allererste Preis ist, den ich für meine Arbeit im Regenwald erhalte. Nach 35 Jahren! Es freut mich, dass Herr Lütje durch den Artikel in Ihrem Magazin nachvollziehen konnte, was hinter meinem Engagement steckt. Und dass er zu dem Schluss kam, dass das Anerkennung verdient hat. Denn als solche sehe ich den Preis. Ganz besonders gut gefällt mir, dass es sich um einen Rückgratpreis handelt. Nicht nur, weil er gerade für die Auszeichnung einer Stiftung, in denen oft einzelne Personen viel Rückgrat zeigen, besonders passend ist. Rückgrat ist zudem eine der drei Zutaten, die man unbedingt braucht, um Projekte erfolgreich umzusetzen. Die beiden anderen Elemente, Know-how und Geld, helfen beide nichts, wenn das Durchhaltevermögen fehlt. In unserer Arbeit mit Menschen, die aus einer ganz anderen Welt stammen, ist Rückgrat eine wesentliche Zutat, um ans Ziel zu kommen.

DIE STIFTUNG: Was verstehen Sie denn unter Rückgrat?
Kauka: Für mich ist das eine permanente Haltung. Es geht darum, weniger an sich selbst zu denken und die eigenen Befindlichkeiten zurückzustellen. Und es geht darum, der Zielgruppe ehrlich und offen gegenüber zu treten. Das wiederum schafft Vertrauen. Ein Stück weit kann man sich Rückgrat übrigens auch antrainieren und steigern – durch die wiederkehrende Erfahrung, dass Geduld wirklich etwas bringt.

DIE STIFTUNG: In welchen Momenten, haben Sie diese Erfahrung gemacht?
Kauka: Eigentlich mache ich sie permanent. Wir arbeiten mit tausenden von Indianern zusammen, da gibt es ständig Nackenschläge. Sei es in Form von Krankheit, was einen Zeitverlust in der Projektarbeit bedeutet, oder in Form von Todesfällen, was noch mehr Zeitverlust bedeutet. Der Umgang mit dem Tod ist bei den Völkern in der Amazonasregion ein ganz anderer. Durch die Begleitung des Sterbenden und den langen Trauerprozess ist dort schnell mal ein ganzes Dorf ein bis zwei Monate lang blockiert, wenn die Großmutter im Sterben liegt. Das Rückgrat muss ich in solchen Fällen aber nicht so sehr in Ecuador  beweisen, sondern vielmehr hier in Deutschland. Erklären Sie mal dem dem Entwicklungshilfe-Ministerium, welches manche Projekte kofinanziert, oder den Spendern, dass die Mittel nicht kontinuierlich  eingesetzt werden können, weil eine Person gestorben ist. Diese Verbindung zweier Welten erfordert viel Geduld und Ausdauer. Doch es lohnt sich.

DIE STIFTUNG: In welchen Aspekten der Stiftungsarbeit ist besonders viel Geduld und Rückgrat gefragt?
Kauka: Zum Beispiel bei der Gründung eines eigenen Unternehmens für eine bestimmte indigene Gruppe. Die Waldbewohner sind keine Unternehmer, sie haben keine Ahnung von Organisation, verantwortungsbewusstem Umgang mit Geld und konsequentem Arbeiten. Auch die Gesetzgebung ihres Landes ist ihnen fremd. Doch sie brauchen heutzutage Einkommensmöglichkeiten und Ausbildung, um vor Ort Arbeitsplätze zu schaffen und so in ihrem ursprünglichen Territorium, dem Wald, weiter zu überleben. Hierbei ist es wichtig, nicht nur einzelne helle Köpfe zu fördern. Die Familien in den Walddörfern sollten zumindest rudimentär nachvollziehen können, welche Veränderungen gebraucht und eingeführt werden. Also muss man alles auf einem sehr niedrigen Niveau erklären – bildhaft und unendlich viele Male.

DIE STIFTUNG: Was für Unternehmen gründen Sie?
Kauka: Wir haben einer Gruppe von Shuar in Ecuador dabei geholfen, ein eigenes Tourismusunternehmen zu gründen. Es ist staatlich anerkannt, die Shuar werden erstmals Buchhaltung machen und Steuern zahlen. Mit diesem Unternehmen betreuen sie den gesamten Service an unserer „Amazonica Akademie“, die eine Niederlassung in ihrem Dorf hat. Das Shuar-Unternehmen ist zudem Gesellschafter der Akademie. Bislang hat meines Wissens noch kein indigenes Unternehmen es geschafft, zu bestehen. Doch erst, wenn es einmal geklappt hat, können andere sehen, dass und wie es funktioniert. Wir begleiten das Projekt deshalb sehr intensiv. 2010 kamen auch bereits erste Besucher. Das gesamte Dorf war auf den Beinen und sah Erfolge. Doch dann gab es einen riesen Rückschlag durch einen Parasitenbefall im Sommer 2016. Das Akademiegebäude musste abgerissen und neu aufgebaut werden. Nun steht es kurz vor der Fertigstellung.

DIE STIFTUNG: Es gibt also immer viel zu tun. Was haben Sie denn mit dem Preisgeld vor?
Kauka: Das Preisgeld kommt der Stiftung als Spende zu Gute. Der Wiederaufbau der Akademie hat uns fast 90.000 Dollar gekostet – Geld, das an anderen Stellen fehlt. Manche Projekte mussten hinten angestellt werden und es ist schwieriger, laufende Kosten zu decken. Wir können deshalb gerade jeden Cent gebrauchen. Konkret soll das Preisgeld in unsere aktuelle Spendenaktion für drei erblindende Shuar-Schwestern fließen. Nach und nach schwand ihr Augenlicht und vor zwei Jahren haben wir erfahren, dass die Krankheit, die dahinter steckt, unheilbar ist. Wir haben sie in der Provinzhauptstadt Puyo auf die Blindenschule geschickt, um ihnen dennoch eine Zukunft zu ermöglichen. Die Älteste ist inzwischen im zweiten Jahr im Englisch-Intensivkurs, um Dolmetscherin für die Akademie zu werden. Um den Unterhalt der Mädchen weiter zu finanzieren benötigen wir nun Spenden – und ich möchte mich ganz herzlich bei der Horst-Lütje-Stiftung für die gerade ganz besonders wertvollen 1.000 Euro bedanken.

DIE STIFTUNG: Letzte Frage an Sie, Herr Lütje: Warum sind Sie eigentlich Stifter geworden?
Lütje: Ich selbst komme aus dem Hinterhof. Mein Vater war Schlosser und hatte kein Geld. Ich schlief mit drei Geschwistern in einem Bett. Während des Nationalsozialismus – viel national, wenig sozialistisch, sage ich da nur – hat mir ein engagierter Lehrer, einen Freiplatz für die sonst kostenpflichtige mittlere Reife besorgt. Durch viel Fleiß und sicher auch ein wenig Glück bin ich zum Millionär geworden. Nicht aber zum Konsumenten. Meine Frau und ich – beide über 85 – versorgen uns selber, obwohl wir uns ein Pflegeheim leisten könnten. Meine beiden Söhne können für sich selbst sorgen. Also habe ich meine Ersparnisse der Horst-Lütje-Stiftung geschenkt, um das in unserer Gesellschaft verdiente Vermögen meinen Mitmenschen zu spenden. Wenn man keinen überdurchschnittlichen hohen Einfluss in der Gesellschaft hat, kann man mit Geld über eine Stiftung am meisten erreichen. Meine Stiftung soll vor allem die Bildung von Kindern und Jugendlichen aus prekären Verhältnissen fördern.

Zu den Personen:

Mascha Kauka ist Gründerin der Stiftung Amazonica, die sich in Ecuador für die indigene Bevölkerung einsetzt.

Horst Lütje ist Gründer der Horst-Lütje-Stiftung, die Kinder und Jugendliche aus prekären Verhältnissen unterstützt sowie den Rückgratpreis für besonderes Engagement verleiht.

Den Beitrag, welcher zur Verleihung des Rückgratpreises an Mascha Kauka führte, finden Sie hier.

 

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