08.03.2018 | Von Martina Benz

Weltfrauentag: „Die Familie ist der Sehnsuchtsort“

Am Weltfrauentag richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Situation von Frauen weltweit. Dass es aber das ganze Jahr über viel zu tun gibt, weiß Katrin Bahr von Condrobs e.V.. Sie warnt sogar vor Stagnation und Rückschritten im Bereich der Emanzipation. Ein Frauensalon soll helfen.

Weltfrauentag
Weltweit wird am heutigen Weltfrauentag auf den Kampf für mehr Gleichberechtigung und die Rechte von Frauen aufmerksam gemacht. Foto: Thorben Wengert / pixelio.de

Heute ist Weltfrauentag. Welche Bedeutung schreiben Sie diesem Tag zu und wieso?
Katrin Bahr: Der Weltfrauentag ist wichtig, um auf die Bedeutung der Gleichberechtigung für Frauen hinzuweisen und diese Gleichberechtigung zu stärken. In vielen Ländern sind Frauen viel benachteiligter als bei uns. Aber auch bei uns gibt es noch viel zu tun.

Wie schätzen Sie denn die Rolle der Frau in der deutschen Gesellschaft ein?
Bahr: Es ist schon sehr viel passiert, dennoch bleiben Fragen offen und Themen zu bearbeiten – zum Beispiel gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Vereinbarkeit von Familie und Karriere, bedarfsgerechte Kinderbetreuungsmöglichkeiten und vieles mehr. Wir brauchen Modelle, in denen sich Erwerbsarbeit und Reproduktionsaufgaben gleichwertig verbinden lassen. In unserem Frauensalon wollen wir vor Stagnation bzw. sogar Rückschritten warnen.

Was ist ein Frauensalon?
Bahr: Am 13. März findet der Condrobs Frauensalon zum zweiten Mal statt. Es handelt sich um eine von uns ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe. Unser Ziel ist es, mit Frauen zu Themen, die uns beschäftigen, ins Gespräch zu kommen. In diesem Jahr stellen wir uns die Frage, wie neokonservativ wir Frauen sind.

Wie neokonservativ ist denn die heutige Frau in Deutschland, zum Beispiel in Bezug auf Familie?
Bahr: Früher haben zwar noch viel mehr Frauen ganz selbstverständlich in Kleinfamilien gelebt und sind auch geblieben, wenn es schwierig war. Aber der Wunsch nach Kleinfamilie besteht nach wie vor, das sehen wir auch bei unserer Klientel. Die Familie ist der Sehnsuchtsort.

Geht Condrobs in seinen Angeboten speziell auf die Bedürfnisse von Frauen ein?
Bahr: Ja. Wir haben spezielle Einrichtungen für Frauen. Neben einer therapeutischen Wohngemeinschaft, einer Mutter-Kind-Einrichtung für junge Mütter mit erhöhtem Erziehungshilfebedarf sowie unserem paritätischen Kooperationsprojekt, der Unterkunft für geflüchtete Frauen, beschäftigen wir in einem Gastronomieprojekt auch speziell langzeitarbeitslose Frauen. Außerdem sind unsere Angebote in allen gemischtgeschlechtlichen Einrichtungen stets geschlechterspezifisch, um die weibliche Identität, die Unabhängigkeit und den Selbstwert bei Frauen und bei Männern gleichberechtigt zu stärken.

Sie sind Bereichs-Geschäftsführerin bei Condrobs. Ist es bei Ihnen üblich, Frauen in Führungspositionen vorzufinden?
Bahr: Ja, natürlich. Wir haben in allen Führungsebenen 50 Prozent oder mehr Frauen.

Wie schätzen Sie die Situation allgemein im sozialen Sektor ein?
Bahr: Im sozialen Sektor sind Berufe zu finden, die häufiger von Frauen ergriffen werden. Deshalb sind insgesamt auch deutlich mehr Frauen im sozialen Sektor beschäftigt. Leider spiegelt sich das nicht in den Führungsebenen wider, die häufig männlich besetzt sind. Im Normalfall wird nach Tarif bezahlt, Unterschiede können sich aber durch Kindererziehungszeiten ergeben. Zudem fordern Männer häufiger vorzeitige Gehaltserhöhungen und erhalten sie auch.

Foto: Condrobs

Zur Person: Katrin Bahr ist Bereichs-Geschäftsführerin „Angebote für Frauen und Männer in München“ beim gemeinnützigen Condrobs e.V..

Am 13. März 2018 findet der Frauensalon von Condrobs e.V. in München statt. Erfahren Sie mehr.

 

 

 

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Der Weltfrauentag

Der Weltfrauentag wird jedes Jahr am 8. März weltweit begangen. Er ist Teil des Kampfes um Emanzipation, Gleichberechtigung und den Schutz von Frauen.

Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung lenkt die Aufmerksamkeit zum Weltfrauentag auf die Gewalt, der viele Frauen ausgesetzt sind. „Weltweit hat rund ein Drittel aller Mädchen und Frauen physische oder sexualisierte Gewalt erfahren. Die Täter kommen häufig aus dem unmittelbaren Umfeld. Die Folgen für die Betroffenen sind oft gravierend: Viele werden ungewollt schwanger und müssen Schule oder Ausbildung abbrechen, werden mit HIV infiziert, leiden an Depressionen oder begehen Selbstmord“, gibt die Stiftung in einer Pressemitteilung bekannt. Renate Bähr, Geschäftsführerin der DSW, betont: „Besonders Mädchen in Entwicklungsländern sind von gravierenden Menschenrechtsverletzungen wie Kinderehen und Genitalverstümmelung betroffen“. In den ärmsten Ländern der Welt würde jedes achte Mädchen vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet, was wiederum ihre Bildungschancen verschlechtere, Armut verschärfe und für viele aufgrund von zu frühen Schwangerschaften sogar den Tod bedeute. Die Stiftung fordert deshalb die Stärkung der Rechte von Frauen und Mädchen. Besonders Regierungen müssten hierbei aktiv werden, um Täter strenger zu verfolgen, Gewaltprävention zu betreiben und Praktiken wie Kinderehe oder Genitalverstümmelung abzuschaffen.

Spiegel Online weist zum Weltfrauentag 2018 außerdem darauf hin, wie wichtig die gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Gleichstellung von Frauen auch in Deutschland noch sei. „Frauen leiden öfter unter Altersarmut als Männer, sind sie alleinerziehend, droht ihnen der gesellschaftliche Abstieg, Frauen werden öfter Opfer von häuslicher Gewalt als Männer, sie bekommen weniger Gehalt als Männer, auch bei gleicher Leistung. Beschweren sie sich, heißt es oft, sie seien selbst schuld, sie würden schlechter verhandeln, die falschen Berufe wählen, die falschen Männer heiraten. Dabei ist es die Gesellschaft, die sie alleine lässt“, so der Vorwurf in dem Artikel.

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