05.12.2017 | Von Martina Benz

Wie gefährlich ist ein Land?

Gemeinnützige Organisationen sind auch in gefährlichen Ländern aktiv und müssen dort ganz besonders für die Sicherheit ihrer Mitarbeiter sorgen. Doch wie bewertet man die Gefahrenlage in einem Land? Josef Frei gibt einen Einblick in die Methodik der Welthungerhilfe.

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Die Welthungerhilfe nutzt Farben, um zu symbolisieren wie gefährlich ein Land ist. Quelle: Deutsche Welthungerhilfe e.V.

DIE STIFTUNG: Wie definiert die Welthungerhilfe Gebiete, die gefährlich sind?
Josef Frei: Wir setzen hierfür fünf Parameter an: bewaffneter Konflikt, Terrorismuslage, Kriminalität, Naturkatastrophen sowie Ungehorsam bzw. Demonstrationen und Unruhen. Um die Lage im jeweiligen Land in Bezug auf diese Parameter zu beurteilen, schicken wir jeweils im Januar und im Juni eine Fragenmatrix an all unsere Länderdirektoren: drei Fragen je Parameter, die auf einer Skala von eins bis fünf vom Team vor Ort bewertet und beantwortet werden. Wichtig ist, dass an der Bearbeitung immer auch nationale Mitarbeiter beteiligt sind, die die Situation meist besser einschätzen können. Gefragt wird zum Beispiel, ob die Gefahr eines bewaffneten Konfliktes besteht. Die Antwort „gar nicht“ wird hierbei mit eins, die Antwort „akute Gefahr“ mit fünf bewertet.

DIE STIFTUNG: Was machen Sie dann mit diesen Daten?
Frei: Um für jeden Parameter konkrete Zahlen zu generieren, stützen wir uns auf Umrechnungswerte der UN. Jeder Antwortwert von eins bis fünf wird mit einem Faktor multipliziert. Hierdurch soll die Gefahrenlage realistischer wiedergegeben werden. Die Antwortwerte zum Parameter „bewaffneter Konflikt“ werden beispielsweise mit 0,4 – also mit einem höheren Multiplikator – versehen als die des Parameters „Naturkatastrophen“, die mit 0,02 multipliziert werden. Der Grund: Ein bewaffneter Konflikt ist unberechenbarer und somit gefährlicher. Auf diese Art und Weise entsteht für jedes Land, bzw. auch für einzelne Regionen, eine „Gefahrensäule“. Je höher die Säule, desto gefährlicher.

DIE STIFTUNG: Die Säulenhöhe entspricht also der Summe der mit dem jeweiligen Faktor multiplizierten Antwortwerten. Welche Aussage treffen Sie im Anschluss auf Grundlage der Säulenhöhe?
Frei: Die Säulenhöhe entspricht letztendlich einer Zahl und diese ist einer Farbe zugeordnet: Alles unter drei ist grün, also ungefährlich. Alles von drei bis fünf blau, von fünf bis sieben gelb, also schon etwas riskanter. Hierunter fallen Länder wie Äthiopien oder Kenia. Von 7 bis 9 ist orange und ab 9 rot, also gefährlich.

DIE STIFTUNG: Und welche Schlussfolgerung wird daraus gezogen?
Frei: Jede Organisation muss letztendlich selbst entscheiden, wie risikohungrig sie ist und welchem Risiko sie sich aussetzen will. Dank solch eines Rankings kann sie diese Entscheidung aber bewusst treffen und gegebenenfalls bestimmte Gebiete meiden. Wir bei der Welthungerhilfe halten uns eher defensiv. Obwohl wir auch in zehn Ländern mit hohem Risiko aktiv sind, meiden wir dort die gefährlichsten Gebiete.

DIE STIFTUNG: Entscheidet sich eine Organisation dafür, auch in die gefährlichsten Länder zu entsenden, worauf sollte sie bei der Auswahl der Mitarbeiter achten?
Frei: Bei jungen Menschen bin ich echt dagegen, sie in hochriskante Gegenden zu schicken. Was ich da alles erlebt habe… Aber da war ich schon älter. Als 20-Jähriger ist es noch viel extremer, solche Dinge zu sehen – das muss man jungen Leuten echt nicht zumuten. Später, wenn sie abgehärtet sind und Erfahrung gesammelt haben, ist dafür immer noch Zeit genug.

In der Ausgabe 06/2017 von DIE STIFTUNG können Sie mehr zum Thema Sicherheit bei Auslandseinsätzen lesen.

 

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Foto: Deutsche Welthungerhilfe e.V.

 

 

 

Josef Frei, Referent Sicherheitsmanagement bei der Welthungerhilfe, kontrolliert bei einem Projektbesuch im Sudan zusammen mit zwei lokalen Mitarbeitern die lokalen Sicherheitsmaßnahmen.

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