07.11.2017 | Von Martina Benz

Zu Hause in zwei Welten

1980 reiste Mascha Kauka als Touristin nach Ecuador – und ahnte noch nicht, dass diese Reise ihr Leben verändern würde. Inzwischen blickt die Bayerin auf über 30 Jahre Vereins- und Stiftungsarbeit im lateinamerikanischen Land zurück und fühlt sich im tiefsten Amazonas genauso zu Hause wie in München.

Welten
Drei bis fünf Monate des Jahres verbringt Mascha Kauka in der Regel in Ecuador. Foto: Stiftung Amazonica

Es ist stockfinstere Nacht, als sich ein Fackelzug aus rund 30 Waldindianern langsam dem kleinen Stelzenhaus am Fluss nähert. Einer nach dem andern treten sie ein, bilden schweigend einen Kreis um das junge Ehepaar und lassen sich auf dem Holzboden nieder. „Da saßen wir, umzingelt, mit unserem Kocher voll Spaghetti vor uns. Bis auf die Fackeln und die kleine Gasflamme vollkommene Finsternis. Wir hatten richtig Schiss“, erinnert sich Mascha Kauka heute zurück – an den Tag, an dem alles begann.

Es war das Jahr 1980. Sie und ihr Mann waren nach Ecuador gereist – neugierig auf unberührten Wald und indigene Völker. Als Touristen. Eine „Funktion“, die den Chachi, den Ureinwohnern der Provinz Esmeraldas, vollkommen fremd war. Sie kannten weiße Menschen nur als Missionare, Holzfäller oder Goldsucher. Eine ausführliche Befragung sollte das ändern. Wie viele Tagesreisen im Kanu Europa denn entfernt sei, wollten die Chachi wissen. Und was sie denn machten, wenn sie gerade keine Touristen seien. Aus den Gesprächen entstand Vertrauen. Kauka und ihr Mann waren akzeptiert und durften bleiben.

„Und wir blieben – 21 Jahre“, erzählt Mascha Kauka schmunzelnd. Sie sitzt in ihrem elegant eingerichteten Wohnzimmer im Süden von München. Erst ein paar Tage vor diesem Interview ist sie von einer Reise aus dem Regenwald Ecuadors zurückgekehrt.

Eine indigene Großfamilie

Stolz erzählt sie von ihren 18 Patenkindern, die sie dort hat. Eigene Kinder waren ihr und ihrem Mann nie vergönnt, obwohl sie sich das sehnlich wünschten. Statt Verbitterung, strahlt sie jedoch Wärme und Glück aus, wenn sie von dem für sie so wertvollen Schatz spricht, den sie im entfernten Ecuador entdeckt hat. Gemeinsam mit der ausgegrenzten Urbevölkerung kämpft sie für mehr Gerechtigkeit. Die dadurch entstandenen langjährigen persönlichen Kontakte in verschiedenen Regionen des Landes sind für sie wie eine indigene Großfamilie. Vor allem geht es der inzwischen 72-jährigen aber darum, den tropischen Regenwald und die Kultur der Völker zu schützen sowie ihnen eine Zukunft im Wald zu ermöglichen.

Mit dem Ende ihres Aufenthaltes bei den Chachi hielten sie und ihr Mann dieses Kapitel für abgeschlossen. Doch bevor sie abreisten, baten Häuptling Tapuyo und sein ältester Sohn das junge Paar um Hilfe. Sie benötigten vom Staat einen Landtitel für ihr traditionelles Siedlungsgebiet, sollte es nicht Holzgesellschaften und anderen skrupellosen Unternehmen  in die Hände fallen. Und dafür musste der bis dahin weiße Fleck auf der Landkarte vermessen werden.

Eine Wahnsinnsaufgabe, die fast nicht zu bewältigen schien. Abenteuerlustig hinterließ Mascha Kauka dem Häuptling dennoch ihre Visitenkarte, und schon bald erreichte sie ein Brief mit der erneuten Bitte um Hilfe. „Ich hätte es mir nicht verziehen, wenn diese Menschen ihr Land verloren hätten, weil ich ihnen nicht geholfen habe“, begründet sie heute ihren nächsten Schritt: Sie schickte einen Fragebogen in den Urwald, um das Volk besser kennenzulernen – und erhielt sieben Monate später eine 40-seitige Antwort. „Wer sich so viel Mühe gibt, der meint es ernst“, waren sie und ihr Mann ab diesem Zeitpunkt überzeugt. Die letzte Skepsis war verflogen.

1983 reiste Mascha Kauka erneut nach Ecuador, um das Volk, in das sie, wie sie es selbst liebevoll ausdrückt, „zufällig gepurzelt“ war, vor der Vertreibung zu retten. Um hierfür Spenden zu sammeln, hatte sie zuvor den gemeinnützigen Verein „Indio Hilfe“ gegründet.

„Der Wald hält fit“

Sechs zähe Jahre dauerte die Vermessungsarbeit im großteils noch unberührten Urwald, dann war es geschafft. Sechs Jahre, die nicht nur das erstaunliche Durchhaltevermögen Mascha Kaukas beweisen – leitete sie doch in Deutschland gleichzeitig ihren eigenen Verlag für Koch- und Kinderbücher weiter. Die Zeit vor Ort ermöglichte es der jungen Bayerin, die Kultur der Chachi kennen zu lernen. Und als die erste Hürde gemeistert war, standen auch schon die nächsten Herausforderungen an, bei denen die neuen Freunde Unterstützung brauchten: Die sammelnden und jagenden Flussnomaden  mussten sesshaft werden,  damit ihr Gebiet vom  Ecuadorianischen Staat  verwaltet werden konnte. Das bedeutete eine umfassende Begleitung der 7.000 Chachi in allen Lebensbereichen.

Die junge Verlegerin reiste von nun an regelmäßig hin und her zwischen den zwei so unterschiedlichen Welten, die ihr inzwischen beide so vertraut und lieb sind, dass sie sich nicht vorstellen kann, jemals freiwillig eine davon aufzugeben. „Solange ich transportfähig bin, fliege ich hin“, grinst sie und sieht dabei eher aus wie 42. „Der Wald hält fit“, meint sie. Kaum eine Falte ist in ihrem Gesicht zu entdecken. Ihre blauen Augen leuchten voller Tatendrang und es scheint, als hätte ihr nichts Besseres passieren können als damals in das Volk der Chachi zu „purzeln“.

Bis zu seinem Tod im Jahr 2006 war ihr Mann Uli ihr wichtigster Unterstützer. Während ihrer monatelangen Aufenthalte in Lateinamerika hielt er ihr den Rücken im Verlag frei. Auswandern kam für sie nie in Frage. Als gebürtige Bayerin wollte sie dem Süden Deutschlands und ihrer Familie niemals vollkommen den Rücken kehren. Und auch für die Arbeit in Ecuador sei es so besser: „Ich brauche den Abstand, um die Projekte dort sinnvoll korrigieren zu können. Außerdem kommen die Gelder aus Deutschland.“

Über 100 Mal ist sie inzwischen schon nach Ecuador gereist. Drei bis fünf Monate des Jahres verbringt sie in der Regel dort. Ihren Verlag hat sie 2004 verkauft, 2007 gründete sie die „Stiftung Amazonica“. „Stiftungen gelten als professioneller und seriöser. Um bei Geldgebern und Kooperationspartnern ernst genommen zu werden, reicht ein Verein nicht aus“, ist die Erfahrung der Stifterin. Vor allem für den Aufbau der ersten Urwaldakademie (siehe Infokasten) brauchte es die ideelle und finanzielle Unterstützung unterschiedlicher Partner.

Eine klare Meinung, eine charakterstarke Frau

Über die Jahre hat sich eine professionelle Stiftungsarbeit entwickelt, was wohl dem Ehrgeiz Mascha Kaukas geschuldet ist, alles, was sie anpackt, gut zu machen. Wirklich gute Arbeit leisten in ihren Augen nur wenige Hilfsorganisationen. Sie erinnert sich an eine Malariaepidemie, gegen die sie nach der Jahrtausendwende gemeinsam mit 112 Dörfern kämpfte. Die Wut darüber, dass keine andere Organisation bereit war mit anzupacken, steigt ihr noch heute ins Gesicht. „Als Hilfsorganisation muss man bereit sein, auf das einzugehen, was die Dörfer gerade brauchen, nicht stur einem Programm folgen.“ Auch die Debatte über die politisch korrekte Bezeichnung indigener Volksgruppen scheint ihr auf den Nerv zu gehen. „Erst mal sollte man den Leuten helfen, dann kann man darüber sprechen, wie sie zu nennen sind.“

Die Stärke und Leidenschaft, die in solchen Aussagen spürbar werden, haben sie alle Schwierigkeiten und sogar zwei Entführungen überstehen lassen. „Einfach ist es überhaupt nicht“, gibt die streitlustige Bayerin zu. Doch ihr Wille, nichts abzubrechen, nur weil es unbequem ist, und die Erfolge geben ihr immer wieder Kraft. Nicht zu vergessen die Liebe für die Menschen. „Das ist ein bisschen wie mit Kindern: Man tut alles für sie.“ Und umgekehrt: „Rund 80 Indianer haben mit Kanus meine ersten Entführer gestoppt. Da waren sie zu Recht mächtig stolz“, erinnert sie sich und scheint einen kurzen Moment den Tränen nahe – um dann doch noch mit einem Augenzwinkern hinzuzufügen: „Gib niemals einem Indianer deine Visitenkarte, wenn du nicht so enden möchtest wie ich.“

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Stiftung und Urwaldakademie kurz erklärt

Die „Stiftung Amazonica“ widmet sich der Aufgabe, die indigenen Völker Ecuadors gegen externe Bedrohungen fit zu machen, eine zeitgemäße Zukunft im Wald  zu schaffen und die tropischen Regenwälder zu schützen. Durch ein ganzheitlichen Konzept werden das gesamte Dorf und alle Lebensbereiche eingebunden. Begonnen wird immer auf kultureller Ebene. Indem die Dorfältesten die jungen unterrichten, wird neuer Respekt ihnen gegenüber und Stolz für die eigenen Traditionen erzeugt. Es folgen der Zugang zu Wasser, Strom, Sanitätsstationen, Landwirtschaft für die Selbstversorgung und Bildung. In Ausbildungszentren wird in allen lebensnotwendigen Aspekten unterrichtet. Seit 2013 gibt es außerdem die universitäre „Amazonica Akademie“ mit zwei Repräsentanzen in der Amazonasregion, in welche regelmäßig auch ausländische Dozenten, Studierende und Forscher reisen.

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www.amazonica.org

Durch diesen Beitrag ist die Horst-Lütje-Stiftung auf Mascha Kauka aufmerksam geworden und verlieh ihr daraufhin den mit 1.000 Euro dotierten Rückgratpreis. Ein Interview mit Frau Kauka und Herrn Lütje finden Sie hier.

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