31.07.2017 | Von Tobias Anslinger

Globalance-CEO: „zukunftsorientiert“ statt nachhaltig

Reto Ringger ist einer der Pioniere der Nachhaltigen Geldanlage – obwohl er das Wort „nachhaltig“ heute eher meidet. Gemeinsam mit der Privatbank Donner & Reuschel bringt er seinen „Globalance Footprint“ jetzt auch nach Deutschland – und legte zum Start im Juni auch gleich einen neuen Fonds auf. Ein Gespräch über Erfinder, Follower, Nischen und – na klar, die Zukunft.

Reto Ringger, Globalance Bank_n
Reto Ringger ist Gründer der Globalance Bank und einer der Pioniere der Nachhaltigen Geldanlage. Foto: Globalance

DIE STIFTUNG: Herr Ringger, wie unterscheiden sich die Nachhaltigkeitsdebatten in der Geldanlage Ihrer Wahrnehmung nach in Deutschland, der Schweiz und Österreich?
Reto Ringger: Die Schweiz ist bezüglich des Angebots und der Professionalität der Anbieter eindeutig am Weitesten. Man darf sagen, dass viele Pioniere und Innovatoren auf diesem Feld aus der Schweiz kommen. Schweizer Vermögensverwalter wie SAM oder auch Sarasin haben das Thema „erfunden“ und sich schon vor über 20 Jahren darauf fokussiert. Auch im Bereich von Mikrofinanzanlagen sind führende Anbieter wie Responsability und Blue Orchard in der Schweiz beheimatet.

Deutschland ist eher ein „Follower“, man sieht an den Marktanteilen, dass hier noch ein großes Marktpotential besteht. Ich werte das als Zeichen dafür, dass in Deutschland erst wenige professionelle und überzeugende Produkte auf dem Markt sind.

DIE STIFTUNG: Diese Marktanteile zeigen, dass der Anteil der nachhaltigen Fonds am gesamten Fondsmarkt weiterhin relativ gering ist (Deutschland 2,8 / Schweiz 7,0 / Österreich 7,6 Prozent). Darüber kann auch das absolute Wachstum des Gesamtmarktes der Nachhaltigen Geldanlagen in diesen Ländern um 29 Prozent im Vergleich zu 2016 nicht hinwegtäuschen. Ist Nachhaltigkeit Nische?
Ringger: Welche Investments in solchen Statistiken als „nachhaltig“ oder nicht nachhaltig gewertet werden, ist immer auch eine Frage der Methodik und der Einordnung. Wenn Sie zum Beispiel produktunabhängige Ausschlusskriterien in Betracht ziehen, sprechen wir über 1,5 Billionen Euro Assets under Management (über 60 Prozent des verwalteten Vermögens) in Deutschland. Das ist ein deutlicher Trendindikator, auch wenn ich Ausschlusskriterien für keinen besonders intelligenten Ansatz halte.

DIE STIFTUNG: Sie sind jemand, der das Wort „nachhaltig“ in Zusammenhang mit der Geldanlage meidet und stattdessen lieber von „zukunftsorientiert“ spricht. Ist das am Ende nicht Wortklauberei?
Ringger: Wichtiger als Definitionen ist, was dahinter steht. Wir wollen mit „zukunftsorientiert“ signalisieren, dass wir die Zukunft stärker gewichten als die Vergangenheit und im Bereich der Analyse von Unternehmen neue Wege gehen. Das bestehende Angebot an Nachhaltigkeitsfonds setzt verhältnismäßig schwache Kriterien um und fokussiert auf operative Leistungskennzahlen der Unternehmen, wie Energie- oder Wasserverbrauch in den Fabriken.

DIE STIFTUNG: Wie sieht Ihr Ansatz genau aus?
Ringger: Wir stellen bei der Auswahl die Zukunftsfähigkeit der wichtigsten Produkte/Dienstleistungen eines Unternehmens ins Zentrum. Wir investieren ausschließlich in Firmen, welche in ihrem Kerngeschäft die großen Herausforderungen unserer Zeit adressieren und finanziell davon profitieren. Das bedeutet beispielsweise, die besten Unternehmen für die Energiewende oder den erschwinglichen Zugang zu Wissen, gesunde Ernährung oder Gesundheitsversorgung zu selektieren. Zudem achten wir darauf, dass diese Unternehmen über einen positiven Footprint verfügen und eine positive Wirkung auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt haben.

DIE STIFTUNG: Wie funktioniert die Logik der Globalance-Footprint-Analyse und was kann eine Stiftung, die diese Dienstleistung nutzt, daraus konkret für sich ablesen?
Ringger: Stiftungen erhalten über den Footprint einen Wirkungsnachweis ihrer Anlagen auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt und können so sicherstellen, dass sie sowohl durch ihren Stiftungszweck als auch durch ihre Geldanlage eine positive gesellschaftliche Wirkung entfalten.

Davon abgesehen sind zukunftsorientierte Unternehmen robuster gegen Krisen und Reputations-Schocks und somit langfristig erfolgreich. Sie greifen einer stärkeren Regulierung z.B. der Schadstoffemissionen und Umweltbelastung meist weit voraus, bei einer entsprechenden Änderung der Regulierung sind sie daher in der Regel nicht oder zumindest deutlich weniger als ihre Peers betroffen.

Auch das Risiko von Kontroversen, die Prozesskosten, Strafzahlungen, Kurseinbrüche und ähnliche Auswirkungen zur Folge haben, ist nach unserer Einschätzung geringer. Das bedeutet ein verbessertes Rendite/Risikoprofil für das Stiftungsvermögen. Wenn gewünscht, können wir den Stiftungen auch aufzeigen, inwiefern sie mit ihren Anlagen den „Sustainable Development Goals“ (SDGs) der UNO entsprechen.

DIE STIFTUNG: Wie sehen die Kosten bzw. das Bezahlmodell aus, wenn man als Stiftung diese Analyse nutzen möchte?
Ringger: Globalance Invest ist ein Vermögensverwalter und bietet das Research bzw. die Analyse nicht als separates Produkt an. Die Stiftung erhält das Research und das Footprint-Reporting im Rahmen der Vermögensverwaltung. Die Footprint-Analyse steht exklusiv allen Kunden von Globalance Invest offen. Die Gesamtgebühren für die Vermögensverwaltung, Analyse, Transaktionen, Depotführung etc. bewegen sich je nach Anlagevolumen zwischen 0,4 und 1 Prozent.

DIE STIFTUNG: „Die Methodik des Globalance Footprint steht für eine Weiterentwicklung der herkömmlichen vergangenheitsbezogenen qualitativen und nachhaltigen Analysen: Sie misst den Dimensionen Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit ein entsprechend hohes Gewicht bei und ist somit vorausschauend“, heißt es in der Pressemitteilung zu Ihrem neuen Angebot. Aber Sie können diese beiden Kriterien doch auch nur auf der Basis von vergangenheitsbezogenen Daten beurteilen – was genau ist dann vorausschauend?
Ringger: Das Ziel der Analyse ist, sich ein Bild über die Zukunftsfähigkeit der Produkte und Dienstleistungen eines Unternehmens zu machen. Am Beispiel eines Automobilkonzerns gilt es, nicht nur den CO2-Ausstoß in der Produktion zu messen, sondern zu evaluieren, wie die Firma auf eine Welt mit strengeren CO2-Grenzwerten vorbereitet ist – das ist im Kontext von Elektromobilität, Car Sharing und Emissionsvorschriften in den chinesischen Megacities hochrelevant für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.

Oder: Wie gehen Nahrungsmittelkonzerne mit dem Problem des Übergewichts der Konsumenten um – bieten sie Ersatzstoffe für Zucker an? Mexiko hat kürzlich eine Zuckersteuer erlassen, mit der Folge, dass die Umsätze betroffener Lebensmittelhersteller substantiell eingebrochen sind. Das alles sind Themen, welche die Zukunft betreffen und uns ein Bild über die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen vermitteln.

DIE STIFTUNG: Wo stehen wir in zehn Jahren mit der Nachhaltigen Geldanlage?
Ringger: Wichtiger als das Labelling der Fonds ist ein Umdenken in der Vermögensanlage, das diese Themen im Mainstream verankert. Verantwortungsbewusstsein hat für viele Menschen heute eine viel größere Bedeutung als noch vor ein paar Jahren. Politik und Unternehmen haben das verinnerlicht, nur der Finanzmarkt bislang noch zu wenig. Immer mehr private und institutionelle Anleger wollen aber mehr über ihr Vermögen und vor allem über die Wirkung ihrer Anlagen auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wissen. Daher gehe ich davon aus, dass in zehn Jahren entsprechende Anlagekriterien und die zugrundeliegende Philosophie Mainstream sind.

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Zur Person: Reto Ringger ist Gründer der Globalance Bank. 1995 hatte er die Sam Group gegründet, die sich auf wirkungsorientierte Investments konzentriert. Die Bank legte 1997 den weltweit ersten Anlagefonds mit Fokus auf Sustainability-Investments auf. Später lancierte Sam in Kooperation mit Dow Jones den weltweit ersten Aktienindex für nachhaltige Anlagen. 2008 verkaufte Ringger Sam an die Robeco-Gruppe.

Gemeinsam mit der deutschen Privatbank Donner & Reuschel bietet die Globalance Bank seit Ende Juni in Deutschland die Vermögensverwaltung „Globalance Invest“ an. Diese agiert als Zweigniederlassung von Donner & Reuschel in München. Zum Start legten die Partner den „D&R Globalance Zukunftbeweger-Fonds“ auf, der in zukunftsorientierte Unternehmen investiert.

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