09.10.2017 | Von Die Stiftung

MiFID II beendet den „Free Lunch”

Im Januar 2018 tritt die MiFID II-Richtlinie in Kraft. Für Assetmanager als auch Investmentbanken verändert das die Research-Landschaft fundamental. Denn ihr inhärenter Interessenskonflikt steht im Zentrum der Bestrebungen der Regulatoren für mehr Transparenz.

MiFID II
Investoren und Assetmanager müssen sich ab 1. Januar 2018 neu orientieren. Denn MiFID II beendet den „Free Lunch“. Foto: Roland Bieberbach/pixelio.de

Investoren und Assetmanager, welche in der Vergangenheit die Vielfalt der kostenlosen Analysen, Marktberichte und Sektorreports der Banken nutzten, müssen sich ab 1. Januar 2018 neu orientieren. Denn MiFID II beendet den „Free Lunch“: Zuerst stellt sich Assetmanagern die Frage, ob sie selbst für Research-Dienstleistungen bezahlen oder die Kosten an die Kunden abwälzen. Da einige prominente Assetmanager bereits medienwirksam erklärten, dass sie die Kosten selbst schultern, dürfte sich dieses Modell etablieren. In einem nächsten Schritt müssen die Assetmanager überlegen, welche Research-Bedürfnisse bestehen und wie diese befriedigt werden können.

MiFID II: Vier Varianten, Research zu gestalten

Grundsätzlich gibt es vier Varianten: Der Assetmanager bezieht weiter Research bei der Bank und zahlt künftig dafür. Oder aber der Assetmanager baut selbst auf eigene Kosten ein Research-Team auf, das auf seine Produkte ausgerichtete Analysen erstellt. Bei der dritten Variante kauft der Assetmanager sich bei Drittanbietern Dienstleistungen ein. Die vierte Variante ist eine Mischung aus den drei vorgenannten, bei der sich der Assetmanager quasi à la carte bedient.

Die Assetmanager werden aktuell mit sehr unterschiedlichen Preisvorstellungen seitens der Banken konfrontiert. Diese liegen zwischen 5.000 und 150.000 Euro pro Jahr. Für viele Assetmanager sind diese Kosten bis jetzt in keinem Budget enthalten, was dazu führen wird, dass der Research-Bedarf rigoros redimensioniert und entsprechend den Bedürfnissen und verfügbaren Mitteln angepasst werden muss.

Herausforderungen für Assetmanager

Investoren müssen sich aufgrund der Nutzung kostenpflichtiger Informationsquellen einen Budgetposten einrichten, während sich Banken mit qualitativ durchschnittlichen Analysekapazitäten darauf einstellen müssen, dass die Bereitschaft für die Dienstleistungen zu bezahlen seitens Investoren nicht vorhanden ist. Dies wird dazu führen, dass die Banken Ihre Research-Kapazitäten abbauen und institutionelle Investoren alternative Quellen erschließen müssen. Unabhängige Anbieter dürften das Vakuum zu füllen versuchen. Die Herausforderung für Assetmanager unter MiFID II wird die Evaluation der Anbieter und die langfristige Bindung eines Anbieters sein, damit nicht die Kosten für die Dienstleistung, sondern die Analysekapazität und deren Kontinuität als Mehrwert im Anlageprozess wahrgenommen wird.

Aktuell klopfen die Banken mit diversen Angeboten und hohen Diskrepanzen in punkto Preisgestaltung bei den Vermögensverwaltern an, um die Kosten bestehender Research-Abteilungen auf die Kunden abzuwälzen. Viele Banken gehen davon aus, dass die Bereitschaft der Kunden für Research zu bezahlen grundsätzlich vorhanden ist und das bestehende Geschäftsmodell mit leichten Modifikationen Bestand haben wird. Doch ist das wirklich realistisch?

Auch ein kleinerer institutioneller Investor hat in der Regel mehrere aktive Bankenbeziehungen und erhält oft redundanten Research von weiteren Banken im Rahmen der Geschäftsanbahnung. Wenn wir davon ausgehen, dass eine Bank neu rund 30.000 Euro für ihre Research-Aktivitäten jährlich in Rechnung stellt, ergäbe sich ab Januar 2018 ein jährlicher Kostenblock bei angenommenen zehn Bankbeziehungen von 300.000 Euro für eine bis anhin kostenlose beziehungsweise budgetneutrale Dienstleistung. Viele Investoren dürften vor diesem Hintergrund bei der Auswahl der Research-Quellen selektiver und restriktiver werden.

Kommt durch MiFID II der Research-Markt in Schwung?

Insbesondere Pensionskassen und Vorsorgewerke setzen losgelöst von der Regulation schon seit Jahren auf unabhängiges Research. Dies rührt daher, dass diese Investoren langfristig orientiert sind und sich seit jeher ihrer treuhänderischen Verpflichtung gegenüber aktiven und zukünftigen Rentnern bewusst sind. Dieser Entwicklung steht die traditionelle Symbiose zwischen Assetmanager und Bank gegenüber, bei der Transparenz und Rechenschaft gegenüber den Endkunden bisher wenig Beachtung fand.

Die durch MiFID II angestrebte Transparenz dürfte diesen Modus Operandi nun aus dem Gleichgewicht bringen und im Hinblick auf den Zeitplan eine Neuausrichtung beider Parteien erfordern. Es bleibt abzuwarten, wie die konkrete Umsetzung ab Januar 2018 erfolgen wird. Grundsätzlich ist die Entwicklung jedoch als positiv zu beurteilen, da sich die beste Qualität auch im Markt für Research langfristig durchsetzen wird. In der bisher von Banken dominierten Research-Landschaft dürften deshalb zukünftig vor allem Anbieter profitieren, welche die Assetmanager mit unabhängigen, Analysen und hoher Kontinuität in der Abdeckung bei ihren Anlageentscheiden unterstützen.

Zum Autor: René Hermann ist Partner von Independent Credit View (I-CV). I-CV ist eine unabhängige Research-Boutique für institutionelle Bondinvestoren in Zürich.

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