21.03.2018 | Von Die Stiftung

Nachhaltiges Finanzsystem: Frischer Wind aus Brüssel

Die EU will ein nachhaltiges Finanzsystem etablieren. Dazu hat sie nun einen Aktionsplan vorgelegt. Damit soll der Markt gestärkt und Klarheit über Begrifflichkeiten geschaffen werden. Worauf sollten Stiftungen bei nachhaltigen Anlageentscheidungen achten?

Nachhaltiges Finanzsystem
Im März hat die EU-Kommission einen Aktionsplan für ein nachhaltiges Finanzsystem vorgelegt. Foto: Schmuttel / pixelio.de

Die Europäische Union will Nachhaltigkeit in der Finanzwelt vorantreiben. Zwei Jahre nach der Pariser Klimakonferenz und dem weltweiten Beschluss der Sustainable Development Goals (SDGs) will sie daher neue Regeln für ein nachhaltiges Finanzsystem schaffen. Dazu hat die Kommission Anfang März 2018 einen Aktionsplan („Financing Sustainble Growth“) vorgelegt, um das Finanzsystem mit den spezifischen Bedürfnissen der europäischen und globalen Wirtschaft sowie mit der Umwelt und unserer Gesellschaft in Einklang zu bringen.

Das derzeitige Finanzsystem muss im Dienste einer nachhaltigen Entwicklung überdacht werden. Laut EU werden schätzungsweise jährlich Investitionen von ca. 180 Milliarden Euro benötigt, um allein die Klima- und Energieziele bis zum Jahr 2030 zu erreichen. Das erforderliche Kapital kann nicht allein aus öffentlichen Mitteln aufgebracht werden. Dem gegenüber steht der Finanzsektor mit Vermögenswerten von rund 100 Billionen Euro. Eine systemische Veränderung der Investitionskultur und die Neuausrichtung der Kapitalströme hin zu nachhaltigen Investitionen stellt einen bedeutenden Hebel dar, um die Nachhaltigkeitsherausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Daher nimmt die Europäische Kommission nun auch die Akteure der Finanzwelt in die Verantwortung. Ein nachhaltigeres Wachstum kann nur erreicht werden, wenn alle gesellschaftlichen Akteure abgestimmte Bemühungen unternehmen.

Drei strategische Ziele für ein nachhaltiges Finanzsystem

Ende 2016 hat die Europäische Kommission eine hochrangige Expertengruppe für nachhaltige Finanzierungen einberufen, die nach einem Jahr acht wesentliche Empfehlungen für den Aufbau einer nachhaltigen Finanzstrategie ausgesprochen hat. Auf Basis dieser Empfehlungen hat die EU Kommission ihren Aktionsplan aufgestellt, der insgesamt drei strategische Ziele beinhaltet. Das erste strategische Ziel liegt darin, die Kapitalströme zu nachhaltigen Investitionen zu lenken. Das bedeutet, dass zukünftig mehr Geld in „grüne“ Sektoren fließt soll und weniger in fossile Brennstoffe und Bereiche, die die Umwelt und das Wohlbefinden der Menschen belasten. Das zweite strategische Ziel sieht vor, dass Nachhaltigkeitskriterien künftig in das Risikomanagement einbezogen werden und finanzielle Risiken aufgrund von Klimawandel, Umweltzerstörung und sozialer Probleme berücksichtigt werden. Als drittes Ziel soll die Transparenz gefördert und die Langfristigkeit auf den Finanzmärkten gestärkt werden.

Aber was sind nachhaltige Investments überhaupt und wem vertrauen wir unser Geld an? Verbraucher stellen sich heute immer häufiger die Frage, wie ein Produkt hergestellt wird, was in unseren Lebensmitteln enthalten ist und unter welchen Bedingungen Menschen, die für uns produzieren, arbeiten müssen. Bei vielen Bürgern ist ein Bewusstsein dafür entstanden, dass unser Einkaufsverhalten einen globalen Einfluss hat und bestimmte Labels (bio, vegan, fair) uns helfen, informierte Kaufentscheidungen zu treffen. Anders sieht es mit unseren Geldanlagen aus. Die Tatsache, dass Banken und Versicherer an Rüstungsgeschäften beteiligt sind, in Atomkraft und klimaschädliche Öl- und Gasunternehmungen investieren, ist vielen Konsumenten nicht bewusst. Aufmerksamkeit hat eine aktuelle Studie der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) und der niederländischen Friedensorganisation PAX erregt: „Don’t Bank on the Bomb“ zeigt, dass deutsche Finanzinstitute seit dem Jahr 2014 etwa 10 Milliarden Euro in Atomwaffen und in Unternehmen, die Atomwaffen herstellen oder warten, finanziert haben. Ganz vorne mit dabei sind die Deutsche Bank und die Commerzbank. Laut der Studie sieht der Betrag weltweit noch viel erschreckender aus: Insgesamt wurden zwischen Januar 2014 und Oktober 2017 rund 525 Milliarden US Dollar in Atomwaffen investiert. Der weltweit größte Vermögensverwalter Blackrock sorgt derzeit für viel Aufmerksamkeit. Blackrock hatte im Zuge der öffentlichen Diskussion über Waffengewalt Waffenhersteller dazu aufgefordert, Fragen zur Waffensicherheit zu beantworten sowie ihre Verfahren zur Einhaltung von Gesetzen öffentlich zu machen. Blackrock ist mit elf Prozent Großinvestor bei American Outdoor. Einem Unternehmen, welches Handfeuerwaffen, Sportgewehre, Schießscheiben, Holster sowie Baumsägen und Messer produziert, und auch jene Waffe, mit der bei dem blutigen Amoklauf von Parkland ein 19-Jähriger Mitte Februar diesen Jahres 17 Menschen an einer Schule in Florida tötete.

Investments in erneuerbare Energien, soziale Projekte sowie ökologische Landwirtschaft

Wenn Nachhaltigkeitskriterien Einzug in die Finanzindustrie finden soll, dann werden zukünftig bestimmte Geschäftsmodelle ausgeschlossen und Projekte stärker gefördert als bisher, die helfen sollen, Nachhaltigkeitsherausforderungen zu bewältigen. Bei nachhaltigem Investieren werden Kredite an Unternehmen vergeben, die aktiv einen Mehrwert für Mensch und Umwelt schaffen. Das sind beispielsweise Investments in erneuerbare Energien, soziale Projekte, Schulen sowie ökologische Landwirtschaft. Indem Produktionsprozesse effizienter gestaltet werden und versucht wird, die Kosten für die Beschaffung von Ressourcen unter Einhaltung von Nachhaltigkeitsaspekten zu senken, trägt nachhaltiges Investieren auch zur Wettbewerbsfähigkeit bei und fördert eine kohlenstoffarme, kreislauffähige und ressourceneffiziente Wirtschaft.

Da bislang keine einheitlichen Kriterien für nachhaltige Investitionen existieren, will die Kommission ein EU-Klassifikationssystem (Taxonomie) schaffen, das klar benennt, welche Aktivitäten als „nachhaltig“ angesehen werden können. Um ein einheitliches Verständnis zu schaffen, werden klare Leitlinien zu Aktivitäten formuliert, die als klimaschützende sowie umwelt- und sozialverträgliche Maßnahmen gelten. Dies ist ein wesentlicher Schritt dafür, innerhalb der Europäischen Union entsprechende Präferenzen zu vermitteln und damit die Kapitalflüsse in nachhaltigere Investitionen zu leiten. Ein anderer wichtiger Kernpunkt des Aktionsplans ist die Einführung eines Standards für „grüne“ Investmentprodukte und eines EU-Labels für „grüne“ Finanzprodukte. Dadurch sollen Verbraucher und Investoren nachhaltige Investments künftig besser identifizieren können. Der Aktionsplan sieht ebenfalls den Einzug von Nachhaltigkeit bei der Finanzberatung vor. Banken, Versicherungsunternehmen und Wertpapierfirmen sollen Kunden entsprechend ihrer Nachhaltigkeitspräferenzen beraten können. Die Kommission will zudem einen Legislativvorschlag zur Klärung der Pflichten der institutionellen Anleger und Vermögensverwalter vorlegen, um sicherzustellen, dass ESG-Faktoren (Environment, Social, Governance) zukünftig konsequent im Anlageprozess berücksichtigt werden.

Dynamischer Nachhaltigkeitsmarkt entwickelt

Eine zentrale Rolle, um Transparenz im Markt zu schaffen, spielen Analysehäuser und Nachhaltigkeitsratingagenturen. In den letzten Jahren haben sich Nachhaltigkeitsratings als wichtiges Instrument herauskristallisiert, um Unternehmen hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeitsleistung zu bewerten und so Transparenz im Markt zu schaffen. Innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte ist ein dynamischer Markt ist entstanden, in dem sich viele Akteure und Organisationen etabliert haben, wie spezialisierte Nachhaltigkeitsratingagenturen, Analysehäuser und Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Verbraucher, Investoren und andere Stakeholder sind nicht in der Lage, die Nachhaltigkeitsangaben von Unternehmen über deren Produkte und Prozesse innerhalb der Organisation und entlang der Lieferkette zu überprüfen, da sie keinen Zugang zu den relevanten Informationen haben. In einem Nachhaltigkeitsrating wird beispielsweise die Umweltleistung einer Organisation bewertet, ihre emissionsbezogenen Geschäftsaktivitäten, das Verhalten in Bezug auf Menschenrechte und Arbeitnehmerrechte. Aber auch die ökonomische Leistung in Bezug auf Innovationskraft und die Zukunftsfähigkeit eines Geschäftsmodells findet gleichermaßen Einzug in diese Bewertung. Verbrauchern und Investoren fällt es oft schwer, wirklich verantwortungsvolle Unternehmen von „Greenwashing“ zu unterscheiden. Ein Nachhaltigkeitsrating schafft hier Transparenz und dient Verbrauchern, Investoren und anderen Interessengruppen die Nachhaltigkeitsleistung einer Organisation zu überprüfen und informierte Kauf- sowie Investmententscheidungen zu treffen.

Kritik an Nachhaltigkeitsratingagenturen

Trotz ihrer zunehmenden Relevanz werden Nachhaltigkeitsbewertungen auch kritisch betrachtet. Kritiker behaupten, dass Ratings durch normative Urteile, methodische Entscheidungen und persönliche Entscheidungen der Analysten beeinflusst werden. Viele Ratingagenturen geben ihre Scoring- oder Gewichtungsmethodik nicht nachvollziehbar öffentlich bekannt. Darüber hinaus argumentieren Kunden und Verbraucher, dass viele Bewertungen existieren, die ähnliche Dinge auf unterschiedliche Weise messen. Kritiker geben häufig an, dass Bewertungen frühere Errungenschaften oder ehrgeizige Ziele betonen, anstatt darüber nachzudenken, wie Unternehmen in der Lage sind, zu einer nachhaltigen Zukunft beizutragen. Im September 2015 kam die Debatte in Schwung, als der Nachhaltigkeitsinvestmentspezialist RobecoSam bekannt gab, dass die Volkswagen AG aufgrund der jüngsten Enthüllungen manipulierter Emissionstests aus dem Dow Jones Sustainability Index (DJSI) gestrichen wurde. Wenige Wochen zuvor, als der jährliche DJSI veröffentlicht wurde, wurde Volkswagen in der Industriegruppe Automobile & Components als Branchenführer ausgezeichnet.

Um zukünftig für mehr Transparenz und fundierte Ratingergebnisse auf dem Markt zu sorgen, ist die Implementierung eines EU-Klassifikationssystems ein wichtiger Schritt. Dadurch, dass nun auch Fachleute aus den Bereichen Wissenschaft und Zivilgesellschaft bei der Etablierung eingebunden werden, ebenso wie Experten von Nachhaltigkeitsbanken sowie aus Nachhaltigkeitsratingagenturen oder Analysehäusern, könnte dies für den Markt bedeuten, dass die Rolle von Nachhaltigkeitsbewertungen an Bedeutung gewinnt. Die Initiative macht klar, dass die richtigen Anreize gesetzt, die Rahmenbedingungen entsprechend gestaltet und die Regulierung adäquat angepasst werden müssen, damit die Weichen richtig gestellt werden. Die Etablierung von holistischen Kriterien, die Nachhaltigkeit vollständig abbilden, ist unerlässlich, damit Greenwashing unterbunden wird. Zusätzlich müssen sich die Experten ebenso dafür einsetzen, dass gesellschaftlich-soziale Nachhaltigkeitsaspekte nicht aus dem Fokus geraten und nachhaltiges Investieren nicht zu einer reinen „grünen“ Debatte wird, in deren Schatten unethisches Investieren weiterhin möglich bleibt.

Reaktion auf Klimapolitik von Trump

Die EU macht deutlich, dass sie nach dem Austreten der Vereinigten Staaten aus dem Pariser Klimaabkommen, an vorderster Front der internationalen Bemühungen stehen möchte, um ein Finanzsystem aufzubauen, welches nachhaltiges Wachstum unterstützt. Um die Zukunft Deutschlands als attraktiven und wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort zu gewährleisten, muss eine Transformation des Finanzsystems hin zu mehr Nachhaltigkeit auch auf nationaler Ebene vorangebracht werden. Ein nachhaltiges Finanzwesen ist von entscheidender Bedeutung, um Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum in Deutschland zu fördern. Gleichzeitig ist es ein notwendiger Schritt, um die Interessen und das Wohlergehen unserer Umwelt und Gesellschaft zu bewahren. Deutschland muss sich seinen Herausforderungen, ob Energiewende, Digitalisierung, neue Mobilitätskonzepte oder Infrastrukturprojekte und deren Finanzierung, stellen. Mit dem Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung hat Nachhaltigkeit einen festen Platz im Deutschen Bundestag erhalten. Ein „Hub for Sustainable Finance” wurde vom Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) und der Deutschen Börse AG im Sommer 2017 gegründet, um gemeinsam Nachhaltigkeitsaktivitäten im Finanzsektor zu koordinieren und weiter voranzutreiben. Diese beiden Gremien sollten eine Klassifizierung, ähnlich der EU-Klassifizierung, implementieren, um Nachhaltigkeit auch auf nationaler Ebene zu definieren. Denn Nachhaltigkeit wird auch im gemeinschaftlichen Europa nicht immer gleich verstanden: So ist das südeuropäische Nachhaltigkeitsverständnis durch die Themen Solidarität und Gesellschaft geprägt, in Nordeuropa dominieren eher Umweltthemen und in anderen europäischen Ländern finden ethische Aspekte keine Berücksichtigung.

Zu den Autoren: Volkmar Liebig ist Geschäftsführer und Chief Scientific Officer des Analysehaus Sustainability Intelligence und Nadia Trabelsi ist Analystin bei Sustainability Intelligence.

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