03.06.2015 | Von Die Stiftung

„Der richtige Druck bei Stiftungen fängt jetzt erst an“

DIE STIFTUNG: Im Spannungsfeld zwischen Niedrigzinsen und Ausschüttungszwang: Müssen Stiftungen heutzutage mehr Risiken eingehen?
Thomas Lange: Grundsätzlich ist zunächst die Frage zu stellen: Was darf die Stiftung eigentlich tun? Was lässt die formulierte Anlagepolitik zu? Da trifft man auf sehr unterschiedliche Vorstellungen. Wir haben Stiftungen, da heißt es, es darf ausschließlich in festverzinsliche europäische Wertpapiere mit einer maximalen Laufzeit von 10 Jahren und mindestens Investment Grade investiert werden.

DIE STIFTUNG: Da müssen Sie wahrscheinlich einhaken und anregen, die Anlagerichtlinien zu ändern.
Lange: Genau das ist der Punkt. Ich habe das Gefühl, Stiftungen müssen sich noch viel mehr mit diesem Punkt auseinandersetzen. Bislang sind sie wohl noch nicht dazu gezwungen, denn tatsächlich ist es ja so, dass sie über ihre Vermögensbasis die niedrigen Zinsen durch hohe Kursgewinne ausgleichen konnten. Das heißt: Ein tatsächlicher Vermögensverlust, der auch die ausschüttungsfähigen Rücklagen und Rückstellungen der Stiftung beeinflusst, hat ja noch nicht stattgefunden. Bei neuen Anlagen haben wir zwar immer niedrigere Zinscoupons, aber den richtigen Druck auf Stiftungen haben wir noch nicht gesehen. Das fängt jetzt erst an, denn erst jetzt befinden wir uns in dem Spannungsfeld, dass Neuanlagen bei erstklassigen Bonitäten mit mittleren Laufzeiten de facto keinen Zins mehr bringen, und gleichzeitig durch die Gegenbewegung beim Zins in den letzten zwei Monaten Kursverluste in den Beständen hinzu kommen.

DIE STIFTUNG: Sie meinen, die Bedeutung des Wortes Zinsänderungsrisiko schlägt jetzt erst bei den Stiftungen auf?
Lange: Genau, und zwar richtig hart. Viele Marktteilnehmer sind jetzt am Reagieren anstatt rechtzeitig zu agieren, denn das war zu erwarten. Da müssen Stiftungen jetzt dringend in ihre Anlagerichtlinien schauen und sie gegebenfalls anpassen, um überhaupt reagieren zu können und die Möglichkeit zu besitzen, Alternative Investment Fonds, Aktien oder andere geeignete Anlageklassen, die sie bislang nicht genutzt haben, überhaupt adressieren zu können. Stiftungen müssen definitiv mehr Risiken eingehen, um zur Eingangsfrage zurück zu kommen, um weiterhin die benötigten Erträge vereinnahmen zu können. Das kann eine erhöhte Aktienquote, das kann die Beimischung von Absolute Return-Produkten sein, das kann die Beimischung von aktiv gut gemanagten Stiftungsfonds-Konzepten sein, oder es können Alternative Investments sein.

DIE STIFTUNG: An welche Alternativen denken Sie da konkret?
Lange: Sicherlich eine feste Immobilie. Ein Alternativer Investment Fonds ist denkbar, wenn man wirklich gut gemanagte Produkte hat, bei denen man auch ganz klar die Kostenstruktur sieht. Private Equity sehe ich bei Stiftungen eher nicht, weil die Fristigkeit und die Möglichkeit der Veräußerung so stark eingeschränkt sind und bei Private Equity habe ich keine regelmäßigen laufenden Erträge. Bei Immobilien habe ich in der Regel Mieterträge, die ich sofort in die Ausschüttung geben kann. Interessant dürften Infrastrukturprojekte für Stiftungen sein, so wie darüber gerade im Bundeswirtschaftministerium nachgedacht wird. Die jeweiligen Projekte muss man sich natürlich genau anschauen und analysieren, aber damit hat man eine inflationsgeschützte Anlage in Sachwerte mit regelmäßigen, relativ planbaren Erträgen.

DIE STIFTUNG: Welche Handlungsalternativen sehen Sie für Stiftungen, um das angesichts drohender Verwerfungen wie Grexit, Brexit und so fort, Vermögen auf ganz lange, ewige Sicht zu sichern. Bedarf es besonderer Vorkehrungen?
Lange: Das ist so eine Zeiterscheinung, alles bekommt gleich griffige Bezeichnungen und wird breit diskutiert. Tatsache ist, dass diese Entwicklungen alle noch nicht eingetreten sind. Ich sehe die Szenarien nicht als so weitreichend an, wenn sie denn überhaupt eintreten. Ganz grundsätzlich muss sich eine Stiftung, wie jeder Anleger, über die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit dessen, worin investiert werden soll, im Klaren sein. Das ist viel wichtiger. Grexit oder Brexit oder was auch immer: Das ist eher eine Timingfrage, weil natürlich Verwerfungen und Kursrückgänge möglich sind, aber a la longue sind die Auswirkungen überschaubar. Wenn ein Thema mir wirklich Angst macht, und da wird ja die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit komplett außer Kraft gesetzt, dann ist es das QE-Programm der EZB. Denn über den niedrigen Zins hierzulande werden die Produktionsungleichgewichte in Europa verstärkt. Das ist etwas, was man langfristig beobachten muss und dessen Risiko sehr schwer zu beziffern ist.

DIE STIFTUNG: Wo sehen Sie das Risiko genau?
Lange: Eine Standortentscheidung wirkt nicht nur zwei, drei Jahre, sondern die Ungleichgewichte werden derzeit ja zementiert. Wenn ich mir heute europäische Staatsanleihen mit langen Laufzeiten einkaufe, gehe ich einfach davon aus, dass ich hier extrem manipulierte Kurse habe. Damit ist dies kein Investment momentan.

DIE STIFTUNG: Was dann?
Lange: Wir finden gut gemachte Stiftungsfondskonzepte attraktiv. Stiftungen haben ja nicht immer Millionenvermögen zur Anlage, und ein breit diversifiziertes Investment lässt sich für kleine Stiftungen ja kaum umsetzen. Für diese Gruppe sind Stiftungsfonds mit atmenden Aktienquoten, atmenden Rentenquoten und gegebenenfalls auch mit atmenden Rohstoffquoten – da gibt es unterschiedlichste Modelle – eine gute Sache. Da reicht es, sich mit zehn aktiv gemanagten Angeboten auseinanderzusetzen und eine gute Mischung zu finden.

DIE STIFTUNG: Sehr geehrter Herr Lange, vielen Dank für das interessante Interview.

Das Interview führte Stefan Preuß.

 

33 Thomas LangeThomas Lange begann seine Laufbahn als Vermögensberater bei der Dresdner Bank. Es folgten Stationen beim Bankhaus Wölbern und der Vermögensverwaltung Dahl & Partner. Seit 2006 ist Herr Lange geschäftsführender Gesellschafter bei Lange Assets & Consulting in Hamburg.

Hinweis: Das ausführliche Portrait zum Unternehmen mit allen Informationen zur Stiftungsexpertise, den Kontaktdaten und den Ansprechpartnern für Stiftungen finden Sie im Dienstleister-Spiegel.

 

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