21.08.2014 | Von Die Stiftung

Nichts ist befriedigender als soziales Engagement

Im Rahmen der funds excellence Konferenz am 9. Juli 2014 trafen sich in Frankfurt/Main Petra Träg (Geschäftsführerin der SOS-Kinderdorf-Stiftung), Kathrin Hartkopf (Geschäftsführerin des Plan Stiftungszentrums) und Ilona Freudenreich (Inhaberin der Beratung Stiftungsreich) zur Diskussion mit Tobias Karow (Verlagsleiter der „Die Stiftung“ Media GmbH).

Im Rahmen der funds excellence Konferenz am 9. Juli 2014 trafen sich in Frankfurt/Main Petra Träg (Geschäftsführerin der SOS-Kinderdorf-Stiftung), Kathrin Hartkopf (Leiterin des Plan Stiftungszentrums) und Ilona Freudenreich (Inhaberin der Beratung Stiftungsreich) zur Diskussion mit Tobias Karow (Verlagsleiter der „Die Stiftung“ Media GmbH). Die zentralen Fragen drehten sich um die derzeit größten Herausforderungen für Stiftungen, inwiefern Assets in der Satzung festgelegt werden sollten und wie man Engagement fördern kann.
Von Sabine Kamrath

 

Petra Träg
Petra Träg, Geschäftsführerin der SOS-Kinderdorf-Stiftung

DIE STIFTUNG: Um gleich zu Beginn die großen Themen zu behandeln – was sind die größten Herausforderungen für Stiftungen im Moment?
Petra Träg: Gerade Stiftungen mit kleinerem Kapital zwischen 200.000 und 1 Mio. EUR haben das Problem, dass ihnen die Ertragsseite wegbricht und das können sie  kaum ändern, außer sie nehmen ein weitaus höheres Risiko in Kauf.
Und auf der Kostenseite bleiben – selbst wenn alle ehrenamtlich arbeiten –  immer noch Ausgaben, die Stiftungen nicht beeinflussen können, wie beispielsweise das Testat des Wirtschaftsprüfers. Momentan sehe ich hier die größte Herausforderung, den Spagat zu bewältigen, den Satzungszweck zu erfüllen, um auf der einen Seite die Gemeinnützigkeit aufrecht zu erhalten und andererseits das Stiftungskapital zu erhalten. Das, was in den Stiftungsgesetzen steht, nämlich „der Vorstand hat sicher und ertragreich anzulegen“, ist derzeit überhaupt nicht möglich. Es ist aktuell zu entscheiden zwischen sicher oder ertragreich.
Kathrin Hartkopf: Ja, das ist eine wesentliche Herausforderung. Aber vor allem für rechtsfähige Stiftungen ist es wichtig, überhaupt zu erkennen, dass sie ein Problem haben. Not leidende Stiftungen sehen sich oft noch gar nicht als solche, dabei wissen wir, dass Stiftungen unter 1 Mio. EUR Kapital bald nicht mehr lebensfähig sind. Es ist auch nicht möglich, rechtsfähige Stiftungen aufzulösen oder zu fusionieren.
Ich sehe es daher als Herausforderung für die Berater, an dieser Stelle auch einmal ehrlich darüber nachzudenken, ob es überhaupt sinnvoll ist, eine Stiftung zu gründen. Vor allem bei Stiftungen, von denen man weiß, dass sie nicht mehr wachsen werden. Eine rechtsfähige Stiftung mit 50.000 EUR zu gründen ist unverantwortlich; werdende Stifter und Großspender müssen in ihrer Engagement-Förderung richtig beraten werden.

Ilona Freudenreich, Inhaberin der Beratung Stiftungsreich
Ilona Freudenreich, Inhaberin der Beratung Stiftungsreich

Ilona Freudenreich: Ich kann meinen Vorrednerinnen nur zustimmen. Heute herrscht bei kleineren und mittleren Stiftungen ein echter Überlebenskampf. Die Notlage wird häufig nicht erkannt, deswegen muss man Orientierungsmöglichkeiten bieten und Lösungen aufzeigen. Es gibt verschiedene Stellschrauben: Im Anlagebereich sind unkonventionellere Wege notwendig, aber auch Fundraising muss man sehr viel aktiver betreiben. Nicht jede 50.000- bis 100.000-Euro-Stiftung kann professionell fundraisen, aber man kann sich Hilfe holen, die sich normalerweise auch schnell bezahlt macht. Genauso wie im Anlagebereich. Grundsätzlich ist hier eine stärkere Professionalisierung des ganzen Bereiches notwendig. Wir wissen, dass etwa 30% der Stiftungen ihren Stiftungszweck in den nächsten Jahren nicht mehr erfüllen können – das ist dramatisch. Angesichts dessen müssen Lösungen gefunden werden. Vielleicht muss man auch fusionieren. Es gibt viele Möglichkeiten; die Außensicht eines Beraters, der neutral ist und helfen kann, neue Wege zu erarbeiten, kann mitunter sehr gewinnbringend sein.

DIE STIFTUNG: Auf die gesamte Zahl der deutschen, rechtsfähigen Stiftungen bezogen sind das 6.000 Stiftungen, die davon bedroht sind, ihren Zweck nicht mehr erfüllen zu können…

Freudenreich: Eine gigantische Zahl. Vor allem bei Beträgen unter 500.000 EUR sollte man sich überlegen, welche Organisation den gleichen Stiftungszweck hat oder ähnliche Wirkung erzeugen möchte. Dann ist eine Zustiftung eine gute Möglichkeit. Auch die Verbrauchsstiftung sollte man in Betracht ziehen. Viele, die sich philanthropisch engagieren möchten, haben hier aber nicht ausreichend Fachwissen, sie müssen beraten werden.
Träg: Die Stiftungsbehörden, die ja jede Stiftung kontrollieren, sehen diese Probleme mittlerweile auch. Vor allem, dass Stiftungen aufgrund der niedrigen Erträge ihren Satzungszweck nicht mehr erfüllen können. Die bayerische Stiftungsaufsichtsbehörde überlegt mittlerweile, Stiftungen zu fusionieren, was früher niemals denkbar gewesen wäre. In der Konsequenz bedeutet das, dass aus zwei oder drei kleinen Stiftungen eine wird. Das heißt aber auch, dass der Stiftungsname von diesen dreien verschwindet. Es ist   legitim, zu sagen, ich möchte über die Stiftung meinen Namen der Nachwelt erhalten. Aber entscheidend ist letztendlich für die Stifter doch das Engagement, das der Nachwelt erhalten bleiben soll, nicht nur der Name.

Kathrin Hartkopf, Leiterin des Plan Stiftungszentrums
Kathrin Hartkopf, Leiterin des Plan Stiftungszentrums

Hartkopf: Bis zu einem gewissen Grad kann man das auch über Treuhandstiftungen lösen, aber auch wir sagen mittlerweile ganz klar in der Beratung, mit 1 Mio. EUR kann man eine Stiftung gründen, gerne auch eine Treuhandstiftung, darunter aber auf jeden Fall nur eine Treuhandstiftung. Denn hier bleibt man flexibel, kann den Satzungszweck gestalten oder auch den Treuhänder wechseln. In diesem Fall steht einem ein tolles Instrumentarium zur Verfügung. Aber wenn das eine kleine, rechtsfähige Stiftung ist, die 50.000 bis 60.000 EUR umfasst, passiert nicht mehr viel. Das nützt wenig, selbst wenn die Verwaltung günstig ist. Denn es ist frustrierend, wenn der Stifter 300 EUR im Jahr an Ertrag zur Verfügung hat, die Verwaltung aber 150 EUR kostet. Auch eine lange Projektbindung über 3-6 Jahre ist schwierig. Man kann den Verantwortlichen schlecht sagen, wir haben eine Finanzkrise, die 4-5% Erträge, die wir uns erhofft haben, haben wir im Moment nicht, sondern eher 1,5%. In so einem Fall muss man gezielt Fundraising betreiben, das Geld kommt nicht automatisch. Der Spendermarkt wächst gerade, es werden höhere Spendensummen erzielt, gerade im Bereich Nothilfe und der Großspenden. Andererseits gibt es aber auch Organisationen, die 40% Spendeneinbruch zu verzeichnen haben.
Freudenreich: Um Wirkung zu erzielen, haben sich auch neue Trends ergeben: Es gibt die Möglichkeit der Zeitspenden oder des Ehrenamt, um sich abseits der finanziellen Wege einzubringen. Aber auch das aus den USA stammende Engagement pro bono ist wichtig. Hier wird fachliche Leistung zur Verfügung gestellt, beziehungsweise eingeworben. In einem Projekt einer kleinen Organisation zum Beispiel, die etwas in Tansania bauen will, kann man versuchen, einen Architekten zu finden, der diesen Bau betreut. Diese Leistung spart man monetär im Projekt ein.
Die Möglichkeiten, sich zu engagieren, werden also immer stärker diversifiziert. Dafür braucht man ein gutes Netzwerk und muss stark mit Unternehmen kooperieren.
Träg: Wenn man auf den Grundgedanken der Stiftung zurückgeht, nämlich dass ein Stifter einen Teil seines Kapitals auf Ewigkeit zur Verfügung stellt, um mit den Erträgen daraus sein Herzensprojekt zu unterstützen, landet man beim Stiftungskapital, das ist das Herzstück der Stiftung. Wenn das dezimiert wird oder die Erträge daraus, dann wird auch das Projekt geringer gefördert. Um die Frage aus dem Publikum zu beantworten, was  man also in den Anlagerichtlinien formulieren sollte: Als Stifter muss man sich zu Lebzeiten den Plan für die Ewigkeit überlegen. Und spätestens, wenn man darüber nachdenkt, was wohl die Welt im Jahr 2114 aussehen wird, kann man das einfach nicht mehr sagen. Beispielsweise wo verlaufen Landesgrenzen, wir sehen das gerade oder einzelne Anlageformen. Daher sind auch Anlagerichtlinien, die zu sehr einschränken, nicht sinnvoll. Eine Richtung vorzugeben, also zu sagen, ob z.B. in Sachwertvermögen angelegt werden darf, ist dagegen sehr wohl sinnvoll. Wenn man sich aber überlegt, jemand hätte vor 200 Jahren Anlagerichtlinien einer Stiftung mit den damaligen Vehikeln festgelegt, dann hätte so manches Stiftungskapital wohl nicht überlebt.
Hartkopf: Das Problem ist aber, dass viele Stiftungen gar nicht die Expertise haben, solide Entscheidungen zu treffen. Das liegt auch an der Überalterung der Gremien. Daher ist hier viel Beratung notwendig, aber desgleichen Ehrlichkeit und Transparenz von Seiten der Vermögensverwalter gegenüber den Gremien, die mittlerweile verstärkt eingefordert werden. Dass man ehrlich empfiehlt, bei dieser Größe macht dieses oder jenes keinen Sinn.
Freudenreich: Im Übrigen kann man Anlagerichtlinien durchaus noch ändern. Viele wissen das gar nicht. Man kann sie aktualisieren und überprüfen, alle 20, 50 oder 100 Jahre. Sofern sie nicht in der Satzung stehen, geht das relativ unkompliziert. Man sollte hier auch Vorschläge von außen nutzen, um die Anlagestrategie anzupassen. Vor allem, um neue Perspektiven und Horizonte zu schaffen. Basierend auf professionellen Vorschlägen von außen kann sich hier viel bewegen, vor oder nach dem Komma.

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