12.10.2015 | Von Die Stiftung

Neues vom FondsFischer

Im Gespräch mit Jean-Martin Médicin, Carmignac, über die aktuellen Verwerfungen an den Kapitalmärkten und die richtige Komposition des Stiftungsvermögens angesichts dessen

Im Gespräch mit Jean-Martin Médicin, Carmignac, über die aktuellen Verwerfungen an den Kapitalmärkten und die richtige Komposition des Stiftungsvermögens angesichts dessen

DIE STIFTUNG: VW-Schock, China-Crash, was stimmt nicht an den Märkten?
Jean-Martin Médicin: Das Volkswagen-Problem ist ein Volkswagen-Problem, die wirkliche Frage ist hier nicht, wie viel das Desaster kostet, sondern wie viel Vertrauen verloren gegangen ist. Dies ist langfristig für einen deutschen Autobauer die entscheidende Frage. Chinesische Fabrikate sind genau dann eine Gefahr für deutsche Hersteller, wenn das Vertrauen in die Marke und in die Qualität kollabiert. Irgendwann wird der Unterschied in der Qualität kleiner werden und nicht mehr groß genug sein, damit Kunden immer das höherpreisige deutsche Fabrikat bevorzugen. Wenn Sie aber hinter die Kulissen schauen, gibt es auch eine Parallele zu China. Dort wird diskutiert, ob die Wirtschaft eine harte Landung hinlegt. Schwächt sich die Wirtschaft dort ab? Ja. Ist das eine Neuigkeit? Nein. Wir wissen das seit vier, fünf Jahren, dass sich die Wirtschaft dort abkühlt. Wir glauben, dass der Rückschlag an den Märkten dort liquiditätsbedingt verursacht war, und eben weniger vom fundamentalen Umfeld. China braucht eine besser ausbalancierte Volkswirtschaft, mit einer jedoch frei konvertierbaren Währung, und genau das versucht China auf den Weg zu bringen. Dass dies nicht ohne Ruckeleien vonstattengeht, ist aber auch klar. Für mich ist die Parallele zu Volkswagen nun diejenige, dass Anleger das grundsätzliche fundamentale Bild hinterfragen, und in diesem Kontext trennen sie sich von ihren Positionen, in Volkswagen, in China.

DIE STIFTUNG: Also sind wir inmitten einer normalen Korrektur mit einigen Sondereffekten?
Médicin: Die Notenbanken sehen das Problem, aber ihre Liquiditätsinjektionen in die Märkte zeigen nun auch ihre negativen Wirkungen. Kapital wird allokiert, manchmal an der falschen Stelle, und wenn Erwartungen nicht mehr getroffen werden, dann wird das Kapital sofort abgezogen und produziert enorme Abschläge. Wenn wir vor Volatilität warnen, dann können Sie ersehen, was wir damit meinen, anhand der Kurse in China oder anhand der Volkswagenaktie. Andererseits tun sich die Notenbanken enorm schwer damit, sich wieder der Normalität zuzuwenden. Das konjunkturelle Bild ist dafür zu fragil, die Finanzmärkte sind extrem volatil und von einem auf den anderen Tag hochgradig nervös. Die Maßnahmen rund um Quantitative Easing sollen ja das Momentum der Wirtschaft stärken, als Folge daraus werden unter anderem die Märkte insgesamt volatiler. Und das bringt die Märkte einfach noch stärker durcheinander als frühere Krisen.

DIE STIFTUNG: Wenn wir das zusammennehmen, sind wir dann in einer Blase an den Märkten?
Médicin: Das würde ich so nicht sagen. Anleger sind nicht euphorisiert, Investoren kaufen zudem nicht nur Ideen, sondern immer noch mehrheitlich die Resultate wirtschaftlicher Aktivität. Wir sind also weit von den Erscheinungen der Dotcom-Blase entfernt, auch wenn Technologie gut läuft. Das tut sie aber, weil die Geschäftsmodelle funktionieren und die Bilanzen bzw. das Gewinnwachstum teilweise sehr stark aussehen. Die Bewertung an den Rentenmärken ist hoch, Aktien dagegen im Vergleich weniger teuer.

DIE STIFTUNG: Womit wir beim Thema wären. Deutsche Stiftungen liebe ihre Anleihen, sind hier deutlich überinvestiert. Sie halten also in der Tendenz überbewertete Investments. Ist das nicht gefährlich?
Médicin: Letztlich ist die Gemengelage so komplex, dass Stiftungen ihre Kapitalanlage auslagern müssen, an Fondsmanager.

DIE STIFTUNG: Das müssen Sie jetzt sagen.
Médicin: Aber es steckt viel Wahrheit darin. Wenn Stiftungen heute einen kontinuierlichen Ertrag erwirtschaften wollen, weil sie es müssen, dann müssen sie hierfür ihr Investmentuniversum weiten. Beispielsweise muss man Anleihen dort suchen, wo man sich vielleicht nicht so auskennt, etwa in Neuseeland oder Australien. Auch können Strategien um besicherte Investments, die einen schlechten Ruf haben, interessant für Stiftungen sein. Auch Stiftungen müssen heute in den weniger traditionellen Bereichen nach Renditen suchen.

DIE STIFTUNG: Verlangen diese Märkte also nach professionellen Händen?
Médicin: Sie meinen eher als jene von Laien? Ja, sicherlich, diese Marktkonstellationen sind so schwierig, wie ich sie auch noch nie erlebt habe. Stiftungen müssen ihr Investmentuniversum erweitern, aber auch den Pool an Investmentstrategien. Für mich geht das – für die Masse an Stiftungen – am ehesten über Fonds. Sie dürfen auch eines nicht vergessen: Risikomanagement bedeutet heute einmal, wie gehabt, das Vermeiden von großen Verlusten, aber es bedeutet auch, dass man Chancen wahrnehmen muss, mehr noch als früher. Es kann heute im Hinblick auf eine Ausschüttung sehr gefährlich sein, eine Aufwärtsbewegung an den Märkten nicht mitzunehmen. Dieses duale Profil müssen Fonds in meinen Augen haben, auch stiftungsgeeignete Fonds.

DIE STIFTUNG: Das klingt sehr herausfordernd. Was empfehlen Sie einer Stiftung, die heute noch zu nahezu 100% in Anleihen investiert ist?
Médicin: Wenn eine Stiftung mit so einem Portfolio zu mir käme, dann würde ich ihr sagen, dass es mir leid tut und sie sich des großen Verlustpotentials bewusst sein muss. Ein solches Maß an Konzentration im Stiftungsportfolio ist schlicht gefährlich. Können Sie damit Geld machen und eine Ausschüttung generieren? Das schon, aber vermutlich nicht mehr in ausreichendem Maße. Brauchen Stiftungen mehr Aktien? Teils, teils. Wenn sie auf der Anleiheseite ihren Strategie- und Instrumentenpool erweitert, ist ein erster Schritt gemacht, aber das Spektrum der Anlageklassen muss insgesamt geweitet werden. Da gehören Aktien auch dazu.

DIE STIFTUNG: Aber eben mit Augenmaß und im Kontext eines insgesamt breiter ausdiversifizierten Portfolios. Haben Sie vielen Dank für das ausführliche Gespräch.

Das Interview führte Tobias M. Karow.

 

Medecin%20Jean%20HDJean-Martin Médicin ist seit November 2012 Mitglied des Investmentkomittees bei der französischen Fondsgesellschaft Carmignac, nachdem er zuvor Stationen unter anderem bei BNP Paribas Asset Management, T. Rowe Rice und Amundi in unterschiedlichen Funktionen durchlief.

Hinweis I: Der Carmignac Patrimoine, eines der Schwergewichte unter den vermögensverwaltenden Fonds schlechthin, ist jetzt auch mit einer ausschüttenden Tranche ausgestattet worden. Immer zu Jahresbeginn wird eine Zielrendite ausgegeben, aus der dann praktisch die Ausschüttungsrendite resultiert. Für dieses Jahr werden 5% angepeilt. Die ISIN der ausschüttenden Tranche lautet LU1163533422.

Hinweis II: Ideen und Anregungen zu stiftungsgeeigneten Fonds, deren Fondsmanager im Gespräch sowie regelmäßige Performance-Updates zum DIE STIFTUNG-Fondsuniversum für Stiftungen finden Sie unter ‚Neues vom FondsFischer‘ auf die-stiftung.de.

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