29.09.2014 | Von Die Stiftung

„Risikobewusster Attentismus“

DIE STIFTUNG: Was macht einen Fonds zum Stiftungsfonds?
Markus Hill: Klassischerweise bezeichnet man in der Regel Stiftungsfonds, die offiziell das Label „Stiftungsfonds“ tragen, als solche. Spaß beiseite, die Namensgebung allein muss nicht immer zielführend sein bei der Auswahl. Natürlich wird der eine oder andere Anbieter behaupten, dass er alle möglichen Kriterien erfüllt. Diese können zum Beispiel Ausschüttungen, niedrige Kostenquote oder Nachhaltigkeit sein. Zu prüfen wäre, ob dies bei allen diesen Produkten wirklich gegeben ist. Wer legt wirklich nach nachhaltigen Kriterien an, bzw. was genau versteht der Portfoliomanager unter Nachhaltigkeit? Man müsste im Markt noch einige weitere Untersuchungen betrachten. Vielleicht kommt man zu dem Schluss, dass es vielleicht ein wesentlich größeres Universum zur Anlage für Stiftungen geben könnte. Die Auswahl an Fonds würde gerade für kleine und mittelgroße Stiftungen vielleicht attraktiver erscheinen. Die Anbieter für diese Zielgruppen müssten wahrscheinlich noch ihre Hausaufgaben beim Thema Ausschüttung und Nachhaltigkeit bei Anlagekriterien machen.
Kurzum: Nur der Name Stiftungsfonds ist kein Hauptempfehlungsmerkmal. Ein „normaler“, kostengünstiger Mischfonds kann zumindest in Vergleiche mit einbezogen werden. Am Schluss entscheidet die Stiftung dann ohnehin, ob man der Nachhaltigkeit den Vorzug gibt oder eigene Gewichtungsmodelle hat.

DIE STIFTUNG: Inwiefern erfüllen vermögensverwaltende Fonds Stiftungskriterien?
Hill: Wie gesagt, allein das Label „Stiftung“ in Kombination mit Fonds kann gegebenenfalls nur eines von verschiedenen Kriterien sein. Unterstellt man die Existenz oder die zukünftige Existenz von kostengünstigen, nachhaltig investierenden vermögensverwaltenden Ansätzen, so würde dies eine Bereicherung des Marktes bedeuten. Diese Kategorie, im Vergleich zu bestimmten „Stiftungsfonds“ und konventionellen Mischfonds, ist noch relativ jung. Es bleibt abzuwarten, ähnlich wie im Bereich Absolute Return, ob alle Versprechen gehalten werden können oder zusätzlich „Durschnitts-Produkte“ mit in den Auswahlprozess mit einbezogen werden müssen. Ein Aspekt kann vielleicht sein, dass diese Ansätze aufgrund der höheren Freiheitsgrade des Fondsmanagers mancher Stiftung vielleicht zu komplex oder zu unsicher erscheinen mögen. Aufklärung seitens der Anbieter wäre zusätzlich nötig.

DIE STIFTUNG: Was könnte Stiftungen hemmen, in Fonds zu investieren? Und warum sollten Stiftungen ihre Hemmung nicht einfach überwinden?
Hill: Der Markt entwickelt sich. Wie oben angeführt, selbst das Label „Stiftungsfonds“ ist nicht klar umrissen. Die volle Schärfe in der Diskussion hat sich noch nicht entwickelt. Generation, Herkunft, Vielfalt der Aufgaben – viele Punkte können bei Stiftungen dazu führen, dass man sich dem Thema mit etwas weniger Momentum nähert. Es gibt heute Internet, Berater, Zeitschriften und viele andere Informationsquellen, die man nutzen könnte zur Identifikation der geeigneten Produkte. Vielleicht unterstellt man vielen Stiftungen aber zu Unrecht, sie würden kein ausreichendes Know-how in dem Bereich aufbauen – denn so viele überzeugende Produkte findet man ja auch nicht „an der Ecke“. Die Fondsindustrie sollte sich auch selbstkritisch fragen, ob man sich da immer stark mit den Belangen der Zielgruppe auseinandersetzt oder ob man nicht vielleicht manchmal durch das Label „Stiftung“ eine mehr opportunistisch geprägte Produktpolitik verfolgt. Diese, zugegebenermaßen frank und frei unterstellte, mögliche Produktpolitik könnte in Konflikt mit der Langfristdenke im Stiftungswesen geraten. Gehemmt erscheinen mir die Stiftungen weniger, mehr würde ich dies als risikobewussten Attentismus bezeichnen. Mit zunehmendem Anlagedruck aufgrund des Niedrigzinsumfelds werden sich Stiftungen zwangsweise mit den verschiedensten Anlagelösungen, auch für kleine Anlagesummen, beschäftigen. Sei es bei Stiftungsfonds, Mischfonds, vermögensverwaltenden Ansätzen, aber auch in den Bereichen Private Equity und bei den verschiedensten Formen von passiven Anlageprodukten.

DIE STIFTUNG: Wohl wahr, das Spektrum ist sehr breit. Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Tobias M. Karow.

 

FotoMarkusHill2011.jpgMarkus Hill ist unabhängiger Asset-Management-Berater in Frankfurt am Main. Die Tätigkeitsschwerpunkte liegen im Bereich Private Label Fonds, Fondsboutiquen und der Managerselektion. Hill ist gesuchter Moderator auf Fachveranstaltungen und gern gesehener fachlicher Kommentator.
info@markus-hill.de

 

 

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