Eine Erhebung der Stiftung Welthungerhilfe und sieben ihrer Partnerorganisationen belegt in Zahlen, wie verheerend die Auswirkung der Corona-Krise auf den globalen Süden sind. Um die komplexen Probleme aufzufangen, erhalten Gemeinschaften Resilienz-Training.

Weltweit ächzen Staaten und Strukturen unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Besonders Menschen im globalen Süden sind stark betroffen. Dort ist die Einhaltung der grundlegenden Corona-Schutzmaßnahmen häufig nicht möglich. Vielerorts gibt es kein sauberes Wasser, Seife oder Desinfektionsmittel. Auf den Märkten und in Wohnvierteln können Menschen nicht den nötigen Abstand zueinander halten. Bei tropischen Temperaturen konsequent eine Maske zu tragen, ist eine höhere Belastung als in hiesigen Klimazonen.

Doch die Auswirkungen der Krise gehen weit über mangelhaften Infektionsschutz hinaus, wie die Welthungerhilfe gemeinsam mit sieben anderen international tätigen Hilfsorganisationen nun in einer groß angelegten Erhebung herausgefunden hat. Mehr als 16.000 Menschen in 25 Ländern beantworteten dafür Fragen zu täglichen Entbehrungen und Herausforderungen, die die Pandemie für sie verursacht hat. Ernüchterndes Fazit: Die Corona-Pandemie wirft den Entwicklungsstatus vieler Menschen um Jahrzehnte zurück.

Alliance-2015-Studie: Strukturelle Armutsursachen verstärkt

Die Befragung führten Mitarbeiter der Alliance 2015 (siehe Infokasten) von Mitte Oktober bis Mitte Dezember 2020 durch. Jede Organisation befragte mindestens 300 Menschen in den jeweiligen Zielländern ihrer Kampagnen und wertete sie zentral aus. Die Ergebnisse sind unter dem Titel „Covid-19 & Community Resilience“ veröffentlicht.

Besucher eines Marktes in Ouagadougou, Burkina Faso, befolgen die Maskenpflicht und desinfizieren ihre Hände. Foto: Helvetas/Franca Roiatti

In ihnen zeigt sich, wie sehr die Corona-Krise strukturelle Armutsursachen verstärkt. „Wer vorher schon wirtschaftliche Armut litt, hat seine Lebensgrundlage nun vollends verloren. Was sich die Menschen über Jahre mühsam aufgebaut haben, wurde zerstört“, fasst Bettina Ide zusammen. Als Referentin für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe ist die Politologin innerhalb der Welthungerhilfe zuständig für das Thema globale Corona-Pandemie.

Durchbrochene Transportketten, Infektionssorge und Schulschließungen

So gaben 72 Prozent der Landwirte in der Befragung an, auf Teilen ihrer Ernte sitzen geblieben zu sein, da überregionale oder internationale Transportketten durchbrochen sind. 91 Prozent der Arbeiter im informellen Sektor haben ihre Einkünfte teils vollständig verloren. Knapp 80 Prozent der Familien, die auf Überweisungen Angehöriger im Ausland angewiesen sind, erhalten deutlich weniger oder gar kein Geld mehr. Ein Drittel der Befragten hat aus Angst vor einer Ansteckung oder langen Wartezeiten Gesundheitszentren gemieden und Routineuntersuchungen nicht wahrgenommen. 70 Länder haben Impfprogramme pandemiebedingt ausgesetzt. Die Schulen von 90 Prozent der Familien mit Kindern im Alter zwischen vier und 16 waren vorübergehend geschlossen, Digital- oder Ersatzunterricht fand nur in seltenen Ausnahmefällen statt.

„Wie unter einem Brennglas verstärkt diese Krise Probleme, die wir schon seit Jahrzehnten bekämpfen“, sagt Francis Djomeda. Er leitet das Welthungerhilfe-Länderbüro im westafrikanischen Niger und hat mit seinen Mitarbeitern an den Umfragen mitgewirkt. Menschen in der von ihm betreuten Sahelzone hätten schon vor Corona Land, Ernten und Vieh an Dürren und andere Auswirkungen des Klimawandels verloren; während der Lockdown-Maßnahmen konnten sie ihre Felder teils gar nicht bestellen. „Konflikte um natürliche Ressourcen werden dadurch verschärft, die Menschen sind noch mehr der Unterdrückung durch Terrorgruppen ausgesetzt.“ Schon jetzt leben in den jeweiligen Grenzregionen zu Nigeria und Mali beziehungsweise Burkina Faso Zehntausende als Binnenflüchtlinge bei Gastfamilien und in Camps. Häufig grassieren dort Unterernährung und Seuchen.

Chance, der Armut nachhaltig zu entkommen, schrumpft laut Alliance 2015

Auch im Bereich Bildung sei vieles wieder zunichte gemacht worden, was die Entwicklungszusammenarbeit in den vergangenen Jahren erreicht habe, beklagt Ide. „Kinderverheiratungen und Teenageschwangerschaften beispielsweise sind in Entwicklungsländern seit Pandemiebeginn wieder stark angestiegen, da Mädchen die Schule als Schutzraum fehlte. Außerdem leiden durch den Wegfall der Schulspeisung wieder mehr Kinder unter Mangelernährung“, erklärt sie. Die Chance, der Armut nachhaltig zu entkommen, schrumpft. Perspektivlosigkeit greift um sich – Gift für die Selbstwirksamkeit, auf der die Entwicklungsarbeit fußt.

Die Studie zeigt aber auch: Informationskampagnen erreichen die Menschen. 87 Prozent der Befragten wussten etwa, dass regelmäßiges Händewaschen mit Seife das Infektionsrisiko für Corona senkt. Im Bild erhält eine Schülerin in der nigrischen Hauptstadt Niamey einen Preis dafür, ein Quiz zur Verbreitung und Eindämmung des Coronavirus bestanden zu haben. Foto: Welthungerhilfe

So wertvoll die durch die Erhebung generierten Daten einerseits sind, dem Anspruch einer wissenschaftlichen Studie genügen sie nicht, gibt Ide zu bedenken. Das sei auch nicht der Ansatz der durchführenden Organisationen gewesen: „Wir wollten eine Orientierung für unsere weitere Arbeit. Woran leiden die Menschen akut, was hängt wie zusammen? Das ist uns gelungen.“

Auf den Umfang der gesammelten Daten könne die Alliance 2015 stolz sein, findet die Expertin. Vor allem die Tatsache, dass die Hälfte der Befragten Frauen waren, sei beachtlich. Frauen sind in Entwicklungsländern noch seltener die Entscheider in Haushalten, Unternehmen und Gemeinden. Daher sind sie in wissenschaftlichen Studien generell weniger repräsentiert. Aufgrund dieser strukturellen Benachteiligung sind sie jedoch in höherem Maße von Armut bedroht als Männer. Auch das hat Corona nochmal verschärft.

Widerstandsfähigkeit der Gemeinden vor Ort stärken

„Um diese hochkomplexen Herausforderungen lösen zu können, reicht es nicht, nur das Infektionsrisiko etwa durch eine Impfung zu senken“, sagt Djomeda. „Wir müssen Menschen nachhaltig dazu befähigen, mit Krisen umzugehen.“ In aktuellen Projekten machen Djomeda und sein Team beispielsweise gemeinsam mit nigrischen Landwirten erodierte Böden wieder nutzbar. Dort bauen sie verbesserte Saatgutsorten an, die mit weniger Wasser auskommen und resistenter gegen Schädlinge sind. Außerdem statten sie die lokalen Farmer mit Agrargeräten aus.

Schon bei Gründung der Alliance 2015 definierten die acht Organisationen „Community Resilience“ als gemeinsame Vision, die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaften vor Ort. Das voranzutreiben sei jetzt wichtiger denn je, findet Djomeda. Denn die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass bevor die Auswirkungen der Pandemie vollständig aufgefangen werden konnten, dem globalen Süden die nächste Krise ins Haus stehe.

 

Info

Die Alliance 2015 ist eine strategische Partnerschaft von acht Nichtregierungsorganisationen aus acht europäischen Ländern, die im Jahr 2000 gegründet wurde. Die acht NGO arbeiten im gleichen thematischen Bereich der Entwicklungszusammenarbeit (ländliche Entwicklung, Resilienz) und sind ähnlich gross. Daraus ergibt sich ein Austausch untereinander und durch den Hub für Advocacy in Brüssel eine Stimme für Lobbying in der EU.

Die Mitglieder der Alliance 2015 sind: Acted (Frankreich), Ayuda en Acción (Spanien), Cesvi (Italien), Concern Worldwide (Irland), Helvetas Swiss Intercooperation (Schweiz), Hivos (Niederlande), People in Need (Tschechische Republik) und Welthungerhilfe (Deutschland).
Die zitierte Studie steht zum Download zur Verfügung.

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