Fundraising über Onlineplattformen und Apps soll für gemeinnützige Organisationen mehr Gelder erschließen. Hält die digitale Spenderwerbung dieses Versprechen? Und welcher Kanal eignet sich für wen? Ein Pro-und-Kontra

Das Internet ist aus dem Fundraisingbereich nicht mehr wegzudenken. Knapp 70 Prozent der gemeinnützigen Organisationen betrieben 2019 Onlinefundraising, wie eine Studie des Spendenformularanbieters Altruja belegt. Zahlreiche Plattformen und Apps buhlen um die Aufmerksamkeit potentieller Spender – und um die Registrierung spendensuchender Organisationen. Doch bevor diese sich anmelden, lohnt ein Blick auf die unterschiedlichen Kanäle.

Platzhirsch unter den Spendenplattformen in Deutschland ist Betterplace. Übersichtlich zeigt die Plattform Projekte unterschiedlicher gemeinnütziger Organisationen und bietet Besuchern der Webseite die Möglichkeit, direkt an diese Projekte zu spenden. Nach demselben Prinzip funktioniert Help Direct, die als erste Spendenplattform schon 1999 online ging, sich dann aber den Rang ablaufen ließ: Sowohl in Bezug auf Besucherzahlen als auch gemessen an der Anzahl der eingestellten Projekte liegt Betterplace mittlerweile vor seinem Vorgänger (mehr Details siehe Infokästen). Jedoch ist das Fundraising über Betterplace für gemeinnützige Organisationen kostenpflichtig: Die 2,5 Prozent Transaktionskosten jeder individuellen Spende, die die Zahlungsanbieter Paypal und Stripe berechnen, reicht das Portal an die Organisationen durch. Help Direct verzichtet auf ein Gebührenmodell, da sein Gründer – der Digitalinvestor Harald Meurer – den Betrieb teilweise aus eigenen Mitteln finanziert.

Betterplace wirbt für sich und die registrierten Projekte über Social Media, Presse und Influencer. „Uns hat diese große Reichweite der Plattform überzeugt“, sagt Nadine Steuer, Referentin für Onlinefundraising beim Internationalen Katholischen Missionswerk Missio, das über Betterplace für Kinder und Jugendliche mit Behinderung in Südindien sammelt. Im April ging die Spendenseite für das Projekt online, genau zu der Zeit also, als die zweite Corona-Welle Indien mit voller Wucht traf. „Betterplace gründete einen Nothilfefonds für Indien und bewarb ihn auf allen Wegen“, berichtet Steuer. „Es gelang uns daher, viele Spenden für das Projekt anzuwerben.“

Reichweite, Reichweite, Reichweite

Auch die kalifornische Plattform Gofundme setzt auf Spendenakquise über Reichweite. Organisationen können projektbezogen Spendenaufrufe starten oder davon profitieren, dass Privatleute ihre Kampagnen im Freundeskreis teilen. Mit einem Spendenvolumen von umgerechnet 13 Milliarden Euro seit Gründung im Jahr 2010 setzt die Spendenplattform Maßstäbe. Dafür erhebt die Plattform sowohl pauschale als auch prozentuale Gebühren.

Neben diesen Schwergewichten gibt es auch viele kleine Spendenplattformen wie I do, die Anfang 2020 online ging und auch als App genutzt werden kann. Zwar sind dort erst 50 Organisationen registriert, jedoch entstehen ihnen weder offene noch versteckte Kosten. Die getätigten Spenden erhalten sie in Echtzeit. I do finanziert sich über sogenannte Projektpatenschaften, die Unternehmen und Privatpersonen freiwillig übernehmen können. Jeder Projektpate wird als Partner genannt und verlinkt, außerdem darf er mit diesem Engagement aktiv werben, das CSR-Marketing-Paket erhält er von I do.

Eine spielerische Art des Fundraisings hat die Social-Media-App Castl in den Markt eingebracht. Ähnlich wie bei Instagram veröffentlichen Nutzer Fotos und Videos, die andere Nutzer bewerten können. Für jedes „Like“ in der Castl-App bekommt derjenige, der das Foto veröffentlicht hat, Sterne. Ab einer bestimmten Menge von Sternen können Nutzer mit ihnen Sachpreise kaufen oder die Sterne einer der registrierten gemeinnützigen Organisationen spenden. Besonders viele Sterne erhält, wer einen Wettbewerb gewinnt – eine sogenannte Challenge –, zu der Nutzer einander auffordern, etwa: „Wer schafft es, eine Seifenblase am längsten am Leben zu erhalten, bevor sie platzt?“ Durch das Hochladen eines Videos oder Fotos nimmt man an der Challenge teil. Wer die meisten Sterne von anderen Nutzern bekommt, gewinnt den Wettbewerb. Von den Sternen, die Nutzer bei einer Challenge gewinnen, leitet die App automatisch die Hälfte an ein gemeinnütziges Projekt weiter, das der Nutzer vorher ausgewählt hat. Die Organisationen können sich die gespendeten Sterne anschließend auszahlen lassen.

Zielgruppe auf Spendenplattform schwer greifbar

Angetreten seien Spendenplattformen und Apps ursprünglich mit dem Ziel, mehr Gelder zu erschließen, erinnert sich Philipp Hof vom Haus des Stiftens. Erfüllt habe sich dieses Versprechen aber nicht: „In absoluten Zahlen bleibt das Spendenvolumen gleich, das Geld kommt nur über andere Wege“, rechnet Hof vor.

Für einen vielversprechenden Spendenkanal hält Hof internationale Portale wie das kanadische Portal Benevity sowie das US-amerikanische Yourcause, die beide stärker in Deutschland aktiv werden. Zielgruppe beider Portale sind Unternehmen, die hierüber Mitarbeiterspendenprogramme abwickeln können. „Klickt ein Mitarbeiter auf den Spendenbutton eines Projekts in seinem firmeneigenen Benevity- oder Yourcause-Portal, verdoppeln viele Unternehmen automatisch die gespendete Summe“, erklärt Hof das Prinzip. Auch Verwaltungs- und Transaktionskosten übernehmen manche Unternehmen, sodass 100 Prozent des gespendeten Geldes bei den Projekten ankommen. „Viele Unternehmen wollen sich stärker gesellschaftlich engagieren und gleichzeitig einen engeren Kontakt zu ihren Mitarbeitern haben. Yourcause und Benevity versprechen, beides zu kombinieren“, so Hof. Allein Benevity hat 2020 über eine Milliarde US-Dollar Spenden an Non-Profit-Organisationen überwiesen.

Nadine Steuer von Missio findet das Konzept spannend. „Vor allem der Aspekt der Spendenverdopplung ist ein toller Anreiz für Privatspender“, sagt sie. Allerdings sei ein Unternehmensengagement dieser Art nicht neu. „Wir haben schon jetzt Spendenverdopplungsaktionen mit Unternehmen, die eines unserer Projekte in ihrer Mitarbeiterschaft präsentieren und direkt über unsere Webseite verlinken.“ Auch künftig würde sie dies lieber direkt mit Unternehmen umsetzen als über eine Plattform wie Yourcause oder Benevity.

Zankapfel Spenderdaten

Undurchsichtig ist auf vielen Plattformen oder in Apps die Hierarchie, in der die Projekte angezeigt werden. Auf Nachfrage betonen die Betreiber, die oberen Plätze nicht an den Meistzahlenden zu verkaufen, sondern die Projekte entweder zufällig oder nach Dringlichkeit zu sortieren (Details siehe Kästen). Aber Zweifel bleiben. Auch der Umgang mit den Spenderdaten sorgt immer wieder für Kritik: Häufig ist die Plattform im ersten Schritt Empfänger der Spenden, sie hat daher alle Informationen zu den Spendern und darf diese laut DSGVO nur an die begünstigte Organisation weiterleiten, wenn ein Spender dem ausdrücklich zugestimmt hat. Ohne die Möglichkeit, Spender für die Unterstützung weiterer Projekte zu gewinnen, ist eine Spende aber nur halb so viel wert, finden Kritiker. Wenn die Zweitspende zwar über dieselbe Plattform läuft, aber an ein Projekt einer anderen Organisation geht, entgehen den Organisationen, die bei der Erstspende überzeugt haben, sogar Gelder.

„Digitale Tools vereinfachen für gemeinnützige Organisationen ohne Frage das Fundraising, indem sie ihren Projekten mehr Aufmerksamkeit geben“, resümiert Philipp Hof vom Haus des Stiftens. Der Verwaltungsaufwand sei übersichtlich, daher rät er Stiftungen, jeden möglichen Kanal für die Akquise von Spendengeldern zu nutzen. Einen nachhaltigen Kontaktaufbau zu potentiellen Spendern müssten Organisationen aber parallel weiterführen.

 

Info

I do

Spendenplattform über Webseite und App
Daten und Fakten: 2019 gegründet mit Sitz in Essen, acht Mitarbeiter, 50 registrierte Organisationen, über 100.000 Euro Spendenvolumen in ersten Jahr, 2.500 bis 5.000 Besucher pro Monat im Jahr 2020, 2.000 davon wiederkehrende Nutzer (2021 bereits doppelt so viele)
Voraussetzungen: Freistellungsbescheid oder Vereinsregisterauszug, Bestätigung eines Treuhänders der Organisation und weitere umfangreiche Nachweise der Gemeinnützigkeit der Hilfsorganisationen
Kosten: keine
Darstellung: je nach Dringlichkeit und Aktualität wird die Darstellung regelmäßig und zum Teil auf Tagesbasis rotiert
Finanzierung: Unternehmen und Privatleute können freiwillig eine Projektpatenschaft übernehmen und die administrativen Kosten in Höhe von 10 Prozent der Spendensumme zahlen; dringende Notprojekte können auch ohne Projektpaten eröffnet werden
Spenderdaten: erhalten die Organisationen über den Zahlungsanbieter

Info

Betterplace

Onlineplattform in Übersichtsform, eingebaute Spendenfunktion
Daten und Fakten: 2007 gegründet mit Sitz in Berlin, 40 Mitarbeiter, 390.000 Spender im Jahr 2020, über 30.000 registrierte Organisationen (überwiegend klein und mittel¬groß), über 35 Millionen Euro umgesetztes Spendenvolumen 2020
Voraussetzung: gemeinnützige Rechtsform, Nachweis der Gemeinnützigkeit durch Freistellungsbescheid
Kosten: 2,5 Prozent der Spende als Transaktionskosten, keine Grundgebühr
Darstellung: Hierarchie abhängig von Aktivität auf der Plattform, kein bezahltes Ranking
Finanzierung: freiwillige Zusatzspende von Nutzern, Unternehmenskooperationen, private und institutionelle Förderer
Spenderdaten: gehören Betterplace, Organisationen können sie auf der Plattform nutzen

Info

Castl

Social-Media-App, in der Nutzer spielerisch an Organisationen spenden
Daten und Fakten: 2020 gegründet mit Sitz in Wolfhalden, Schweiz; aktuell läuft eine Testphase mit 100.000 Nutzern, 7.200 Euro Spendenvolumen seit Gründung
Voraussetzungen: ein Spendengütesiegel
Kosten: keine
Darstellung: absteigend nach Menge der gespendeten Sterne
Finanzierung: über Werbeeinnahmen und Premiumabos
Spenderdaten: die Organisationen können über ihr Profil in der App sehen, welche Nutzer ihnen wie viele Sterne gespendet haben, sie aber nur innerhalb der App kontaktieren; keine Weitergabe anderer Kontaktdaten

Info

Helpdirect

Onlineplattform in Übersichtsform mit eigener Spendentechnologie
Daten und Fakten: 1999 gegründet, Hauptsitz in Alfter bei Bonn, 15 ehrenamtliche oder freiberufliche Mitarbeiter, 2.100 registrierte Organisationen
Voraussetzungen: Freistellungsbescheid zum Nachweis der Gemeinnützigkeit, der auch öffentlich zugänglich gemacht wird, nur Organisationen aus den Bereichen humanitäre Hilfe, Umwelt-, Natur- und Tierschutz, keine Privatinitiativen
Kosten: keine
Darstellung: innerhalb der Rubriken werden Organisationen nach der Wertigkeit ihrer Siegel und Transparenz-bemühungen aufgelistet
Finanzierung: über freiwillige Mitspenden im Formular, Direktspenden, Fördermittel des Gründers Harald Meurer
Spenderdaten: gehören ausschließlich den Organisationen, Helpdirect behält sie 365 Tage zur Recherche und anonymisiert sie anschließend zum statistischen Nachweis

Info

Gofundme

Plattform, auf der Privatleute und Organisationen Spendenaktionen starten können
Daten und Fakten: 2010 gegründet mit Sitz in Kalifornien, USA, mehr als 400 Mitarbeiter, über 125.000 registrierte Organisationen, in Deutschland wurden seit 2017 etwa 57 Millionen Euro gespendet (seit 2010 gut 13 Milliarden Euro weltweit)
Voraussetzungen: amtliche Eintragung, Steuernummer, Ausweis der finanziell berechtigten Personen zur Verifizierung der Organisation
Kosten: 0,25 Euro pro Spende plus 2,9 Prozent der Spendensumme als Transaktionskosten
Darstellung: die fünf bis zehn Organisationen, für die Privatpersonen die meisten Spendenaktionen starten, werden mit ihrem Logo auf der ersten Seite angezeigt, kein bezahltes Ranking
Finanzierung: freiwilliger Beitrag zur Weiterentwicklung der Fundraising-Tools
Spenderdaten: verbleiben bei Gofundme, Organisationen können sie über eine „Dankesnotiz“ oder die „Neuigkeiten- Funktion“ direkt kontaktieren; wenn Spender sich einverstanden erklären, gehen Kontaktdaten an die Organisation

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