Investitionen in Infrastruktur gelten als Möglichkeit, defensiv konstante Erträge zu erzielen. Besonders im Bereich Energieinfrastruktur lässt sich Nachhaltigkeit nachvollziehbar umsetzen – in einem gewaltig wachsenden Markt. Doch an Komplexität mangelt es nicht.

„Notwendiger wirtschaftlicher und organisatorischer Unterbau als Voraussetzung für die Versorgung und die Nutzung eines bestimmten Gebiets, für die gesamte Wirtschaft eines Landes“: Die Duden-Beschreibung des Begriffs Infrastruktur klingt aus Anlegersicht nach Stabilität: Fundamentale Bereiche der Wirtschaft versprechen Schutz vor allzu großen Marktverwerfungen.

Allerdings fügen sich die Bestandteile unterschiedlich in Nachhaltigkeitsportfolien ein, wie sie bei Stiftungen nicht unüblich sind: Autobahnen, Häfen und Flughäfen sind emissionsseitig schwer vermittelbar, auch wenn es die Entschuldigung gibt, dass diese nicht selbst Emissionen wie etwa CO2 emittieren. Deutlich akzeptierter ist die Anlage in den Energiesektor, insbesondere in erneuerbare Energien, zum Beispiel in Wind- und Solarparks oder Anlagen der Geothermie und Biomasse.

Der Energiebereich zählt zu den größten Posten des Sektors Infrastruktur, der weltweit Rückenwind hat. Der Global Infrastructure Hub der G20-Staaten geht von 94 Billionen US-Dollar aus, die bis 2040 weltweit investiert werden müssen. An Position eins steht der Straßenbau mit 34 Billionen US-Dollar, gefolgt von Energie mit 28 Billionen. Elf Billionen berechnet der Global Infrastructure Hub für Infrastruktur im Schienenbereich. 8,9 Billionen für Telekommunikation, 6,4 für Wasser und 2,6 beziehungsweise 2,3 Billionen für Flughäfen sowie Häfen.

Infrastruktur und das kalkulierbare Risiko

Damit trifft ein wachsender Markt auf ein recht gut kalkulierbares Geschäftsmodell. „Energieinfrastruktur hat ein überschaubares und angemessenes Rendite-Risiko-Profil sowie ein ganz klares Nachhaltigkeitsprofil“, sagt Marc Gerards, Senior Investmentmanager bei EB-SIM. Er beschäftigt sich nicht mit börsengehandelten Unternehmenswerten, sondern ausschließlich mit Real Assets, also den physischen Anlagen, die dann in investierbare Produkte gepackt werden.

Das Risikoprofil kann auch bei Infrastruktur je nach Ausrichtung und Konzept unterschiedliche Formen annehmen. „Es gibt die ganze Bandbreite“, sagt Gerards. Projekte könnten anders laufen als geplant, auch wenn hierzulande die Rahmenbedingungen für defensive Qualitäten sorgen. „Durch die Vergütung gemäß dem Erneuerbare-Energien-Gesetz sind gerade Wind- und Solarparks in Deutschland wohl kalkulierbar“, sagt Gerards. Von Beginn an steht fest, dass die Erträge etwa für den Strom einer Windkraftanlage über 20 Jahre hinweg mit einem festen Einspeisetarif vergütet werden. Die Risiken liegen damit eher im Winddargebot, das heißt der Menge der erzeugten Energie. Andernorts kommen weitere Faktoren hinzu: In einigen Ländern Europas etwa gibt es keine gesetzliche Einspeisevergütung. „Bei solchen Projekten machen sich Investoren einen Plan, zu welchen Strommarktpreisniveaus der Windpark produzieren wird – wenn der Preis zu tief sinkt, kann es zu notleidenden Projekten kommen.“ Im Rahmen der üblichen Bankenfinanzierung könnten Projekte, die sich nicht rechnen, auch ein jähes Ende finden – in Form einer Sicherheitsverwertung durch die Bank.

Damit ist solch ein Investment für ihn auch eine Wette auf den Strommarkt. „Ich will das nicht falsch verstanden wissen. Es hängt sehr vom Projekt ab und kann durchaus wirtschaftlich und nachhaltig ausfallen, wenn man konservativ rechnet. Aber das Risikoprofil ist eben ein anderes.“ Zugleich weisen risikoarme Standorte den geradezu notwendigen Schönheitsfehler auf, dass dort großer Andrang herrscht. „Die Nachfrageseite zum Beispiel in Deutschland und Frankreich überbietet sich konsequent jedes Jahr“, so Gerards. Es brauche belastbare Geschäftsbeziehungen und gute Netzwerke, um Investitionsmöglichkeiten zu erschließen.

Die Rahmenbedingungen sind das eine, rechtliche Verlässlichkeit das andere. „Wir müssen zuversichtlich sein, dass ein Projekt über die Lebensdauer keinen regulatorischen oder politischen Verwerfungen ausgesetzt ist“, sagt Gerards. „Ein Land, das solche Eingriffe vornehmen sollte, erleidet natürlich einen hohen Reputationsschaden. Spanien oder auch Italien haben vor etwas über zehn Jahren ex post in die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Investitionsprojekte eingegriffen und arbeiten bis heute daran, Vertrauen zurückzugewinnen.“

Neben der geographischen Frage ist das Investitionsmodell entscheidend. Manche Investoren fahren eine Buy-and-Hold-Strategie, andere planen nicht bis an das Ende der Lebensdauer der Anlage, sondern sehen etwa einen Verkauf nach acht bis zwölf Jahren vor. „Dessen muss man sich als Investor bewusst sein, denn die Frage ist natürlich, ob der Verkauf zu den Bedingungen gelingt, die dem Anlageberater und letzten Endes den Anlegern vorschweben“, sagt Gerards.
Auch der Eintrittszeitpunkt in der Wertschöpfungskette prägt Risikoprofil und möglichen Verlauf einer Investition auf entscheidende Weise. Einige Assetmanager investieren nur in Anlagen im Betrieb, andere steigen mit der Planung ein. Auf dem letzteren Weg steigen die Renditechancen als mögliche Belohnung für das Risiko einer nicht erteilten Genehmigung oder Klageverfahren. „Viele Produktangebote im Bereich der erneuerbaren Energien klingen sehr ähnlich“, sagt Gerards. Der Teufel stecke allerdings im Detail. „Man sollte immer auf den Einzelfall schauen, ebenso auf den Assetmanager und die Anlagestrategie der Fondslösung.“

Neue Bereiche, neue Chancen

Nicht nur die Investitionssummen dürften in den kommenden Jahren ansteigen. Gerards sieht viel Bewegung im Zusammenhang mit der Umsetzung der Energiewende, etwa im Bereich der Elektromobilität und der damit nötigen Ladeinfrastruktur, oder auch bei innovativen Speichertechnologien und der Wasserstofferzeugung. „Das sind Themen, die aktuell noch nicht durchgängig passend zur Assetklasse Infrastruktur sind. Gerade bei der Elektromobilität sind wir in einer frühen Phase eines stark wachsenden Marktes.“ Dazu kommen zukünftige tiefer greifende strukturelle Entwicklungen, die perspektivisch ebenfalls investierbar sein sollen. „Es geht nicht nur um die Erzeugung durch Wind- und Photovoltaikanlagen, sondern diese Elektrizität muss über weite Entfernungen und Ländergrenzen hinweg nutzbar gemacht werden“, sagt Gerards. „Wir brauchen zudem Speicherlösungen, europäische Verbundsysteme für Wasserstoff, letztlich die Kopplung von Energie-, Gebäude- und Verkehrswirtschaft.“ All dies kommt zu bestehenden Bereichen hinzu, in die ebenfalls viel Geld fließen wird: die Netzinfrastrukturen von Strom, Gas und Wärme. So müssten etwa viele ältere Wärmesysteme klimaneutral umgebaut werden.

Damit erwartet Investoren perspektivisch ein Wachstumsmarkt mit defensiven ESG-Qualitäten – aber auch eigenen Herausforderungen, etwa was die Anlagen selbst betrifft. „Rückbau und Entsorgung der Anlagen rücken bereits gegenwärtig bei älteren Anlagen zunehmend in den Fokus der Betreiber“, sagt Gerards. „Insbesondere bei den Zukunftsthemen der Energieinfrastruktur wie Speichertechnologien und der Sektorenkopplung werden Nachhaltigkeitsaspekte zu einem wesentlichen Bestandteil jeder Investitionsentscheidung.“

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