Wie sollten Anleger Geld in den Markt bringen? Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Die Auswirkungen des Cost-Average-Effekts auf die Rendite einer Investition werden mitunter kontrovers diskutiert. Was Stiftungen zum Thema wissen müssen.

Schritt für Schritt in den Kapitalmarkt – oder lieber alles auf einmal anlegen? Anhänger des ersten Ansatzes sagen, die Rendite einer Geldanlage verbessere sich, wenn die Mittel nicht auf einmal, sondern gestreckt über einen längeren Zeitraum investiert werden. Es ergebe sich dadurch ein attraktiver Durchschnittspreis, da über alle Marktphasen hinweg investiert werde. Andere halten diese Sichtweise für nicht stichhaltig: Es gebe viel mehr Parameter zu betrachten als „nur“ den Kaufzeitpunkt einer Aktie, eines Fonds oder eines ETFs oder einer Mischung aus allem.

Die gute Nachricht für Stiftungen: In ihrer real existierenden Anlage des liquiden Vermögens spielt die Theorie zum Cost-Average-Effekt praktisch keine Rolle. Denn um kontinuierlich Einnahmen zur Erfüllung des Stiftungszwecks zu generieren, muss das Vermögen investiert sein. Dividenden oder Ausschüttungen lassen sich nicht vereinnahmen, wenn man an der Seitenlinie steht. Zudem geht es für Stiftungen nicht um den Aufbau eines Vermögens, wie es bei Privatanlegern etwa zum Verzehr im Alter als Ziel formuliert wird, sondern um den Erhalt des Kapitalstocks, nach Möglichkeit inflationsbereinigt, und ein regelmäßiges Einkommen.

„Der Cost-Average-Effekt ist ein Mythos.“
Nick Maggiulli

Die Unterschiede im Ansatz treten zum Beispiel bei einer Untersuchung der VZ Vermögenszentrum Holding, einer Beratung mit Hauptsitz in Zürich, zutage. Demnach sei am Aktienmarkt regelmäßiges Investieren auf lange Sicht deutlich erfolgreicher als der Einstieg zum günstigsten Zeitpunkt. „Wer 40 Jahre lang einen festen Betrag pro Monat investiert hat, hat heute mehr Vermögen als jemand, der immer zum günstigsten Zeitpunkt gekauft hat“, lautet die Feststellung. Für seine Untersuchung hat das VZ ein Beispiel mit Investoren mit einem Monatsbudget von 200 Euro gewählt, die seit 1981 in den breit gefassten US-Aktienindex S&P 500 investiert haben. Am erfolgreichsten war laut Untersuchung der Investor, der die 200 Euro jeden Monat am Aktienmarkt investiert hat. Auf Rang zwei kam ein Investor, der am schwarzen Montag 1987, im Kuwait-­Krieg 1990, gegen Ende der Dotcom-Krise 2002, am Ende der Finanzkrise 2009 und nach dem Corona-­Kurssturz Ende März 2020 – also immer zu extrem niedrigen Kursen – eingestiegen war.

Warten auf den richtigen Zeitpunkt kann eine Menge Rendite kosten

Die Erklärung: „Anleger, die auf Kurstiefs hoffen, parken ihr Geld oft jahrelang auf dem Konto. Damit verpassen sie so viel an Kursgewinnen und Dividenden, dass sie diese entgangenen Erträge selbst dann nicht kompensieren können, wenn sie später zu einem extrem günstigen Kurs einsteigen“ heißt es beim VZ. „Die Untersuchung zeigt, dass der Versuch, den Markt mit Timing zu schlagen, in aller Regel kontraproduktiv ist. Konsequentes, systematisches und kostengünstiges Investieren bringt den meisten Erfolg“, schlussfolgert Tom Friess, Leiter des VZ Deutschland. Das ist nicht falsch, die gewählten Parameter sind aber recht voraussetzungsreich: Wer lässt sein Geld schon bis zu zwölf Jahre auf dem Konto stehen, um auf eine Kaufgelegenheit zu warten?

Nick Maggiulli, Analytics Manager des ameri­kanischen Vermögensverwalters Ritholtz Wealth Management und Betreiber des Blogs „Of Dollars And Data“, hat seinerseits eine umfassende Analyse zu Cost-Average-Strategien durchgeführt. Er kommt zum entgegengesetzten Ergebnis: „Der Cost-Average-­Effekt ist ein Mythos.“ Magiulli hat untersucht, welchen Ertrag eine Strategie mit einem Portfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Staatsanleihen (60-40-Portfolio) über verschiedene Kaufzeiträume von 1960 bis 2018 erzielte. Die Kaufzeiträume variierten von zwei bis zu 60 Monaten. Sein Fazit: „Der Cost-Average-Effekt ist einer Einmal­anlage meistens unterlegen. In 80 Prozent der Fälle lieferte die Strategie eine geringere Ren­dite als eine Einmalanlage.“ Das ist keine Überraschung, denn wenn der Cost-Average-Effekt Kraft entfaltet, dann bei sinkenden Aktienkursen, da dann stets billiger nachgekauft wird und der mittlere Preis sinkt. In steigenden Märkten hingegen, und die dominierten in den vergangenen Jahrzehnten, laufen gestückelte Investitionen den Notierungen hinterher.

An dieser Stelle trifft Mathematik auf Psychologie: Die gesamte Theorie um den Durchschnittswert lässt sich als Marketing-Tool verstehen. Investoren wird die Hemmung genommen, in fallenden Märkten zu investieren. Statt zu denken, dass man in der Zukunft vielleicht noch billiger investieren könnte – und damit Gefahr zu laufen, gar keine Investition zu tätigen, rückt der Gedanke in den Fokus, „wenn ich jetzt kaufe, sinkt der Durchschnittspreis“. Diese Überlegung ist für eine Stiftung allerdings selbst dann irrelevant, falls sie eine beträchtliche Zustiftung in bar erhielte. Es ergibt keinen Sinn, einen vereinnahmten Betrag n i c h t im Sinne des Zwecks arbeiten zu lassen. An dieser Stelle kommt der Ewigkeitsgedanke ins Spiel. Denn letztlich ist es unerheblich, ob die Investition einige Monate oder Jahre etwas höher oder niedriger notiert. Entscheidend ist die Dividende, der Coupon oder die Ausschüttung, die vereinnahmt werden kann. Das schließt nicht aus, dass der Anlageausschuss oder der beauftragte Vermögensverwalter eine zufließende Summe nicht am Stück investiert, sondern natürlich für die jeweilige Allokation auf ein als günstig erachtetes Zeitfenster wartet. Das hat allerdings nichts mit dem Cost-Average-Effekt zu tun.

Mit dem Konstrukt des Cost-Average-Effekts animieren Vermögensberater insbesondere Privatkunden, stetig zu investieren. Das Wort „Sparplan“ schwingt jederzeit mit. Dabei geht es um Vermögensaufbau. Stiftungen indes verfügen über ein Vermögen, das Erträge erwirtschaften muss, um den Stiftungszweck zu erfüllen. Schon aus dieser ganz grundsätzlich anderen Aufgabenstellung heraus müssen sie sich mit dem Effekt nicht näher befassen.

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