14.03.2013 | Von Die Stiftung

Bodelschwingh und das Web 2.0

Einen bunten Reigen aktueller Themen für spendensammelnde Organisationen bot der 10. Mitteldeutsche Fundraisingtag an der Fachhochschule Jena. In akademischer Atmosphäre besuchten rund 140 Gäste aus Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Hessen die eher praxisorientierten Vorträge, Workshops und Podiumsdiskussionen. Themen waren unter anderem Spendergewinnung, Erbschaftsfundraising, das Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft sowie Erkenntnisse aus der Spendenforschung.
Von Gregor Jungheim

Als ein norddeutscher Kirchenvorstand Geld für ein neues Kirchendach sammelte, empfahl ihnen Lothar Schulz, doch mit gutem Beispiel voranzugehen und pro Person die Kosten für einen Quadratmeter zu spenden. Er stieß mit diesem Vorschlag auf strikte Ablehnung. „Es sind immer die anderen, die Geld geben sollen“, meinte der Dozent der Fundraising Akademie. Dies war bei weitem nicht die einzige Erfahrung aus mehreren Jahrzehnten beruflicher Praxis, die der ehemalige Fundraiser der Evangelischen Stiftung Alsterdorf mit seinen Zuhörern teilte. Der Nestor des deutschen Fundraisings produzierte fast im Minutentakt einprägsame Anekdoten und Aphorismen, weshalb seine Programmpunkte auch zu den bestbesuchten des 10. Mitteldeutschen Fundraising Tages in der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena gehörten.

Foto: Gregor JungheimEr selbst bekundete, sich an Friedrich von Bodelschwingh orientiert zu haben. Der evangelische Theologe und Pionier der Obdachlosenarbeit „hatte die Menschen lieb und immer so schöne Geschichten zu erzählen“, betonte Schulz. Ebenso müsse auch heute ein Fundraiser arbeiten, um Aufmerksamkeit für bestimmte Projekte zu erregen. Ziel aller Mühen sei ein Spender, der gerne selbst voller Überzeugung in die Tasche greift und sagt: „Das ist mir das wert“, verdeutlichte er den Zuhörern.

Vehement wehrte sich Schulz gegen die Definition von Fundraising als Mittelbeschaffung, wie sie in zahlreichen Handbüchern zu finden ist. Vielmehr sei Beziehungsarbeit gefragt, weshalb der Job eine Anlaufzeit von drei Jahren benötige. Aus diesem Grund habe er in Gesprächen auch nie um eine konkrete Spendensumme gebeten, wie es ebenfalls in vielen Fundraising-Fibeln empfohlen wird.

Einen Eindruck von der Zukunft des Fundraisings vermittelte Maik Meid (Christliches Jugenddorfwerk Deutschland) den Besuchern. Noch mache Online-Fundraising zwar kaum mehr als 1% des gesamten Spendenaufkommens aus, jedoch lasse sich dies durchaus erweitern, wenn NPOs ein paar Grundregeln beachten. „Der Spendenbutton muss an der prominentesten Stelle einer Website auftauchen; er muss Augenalarm auslösen“, riet Meid den Zuhörern. Idealerweise benötige es dann vom Anklicken bis zum Abschluss der Spende drei Klicks, was jedoch kaum einer kleineren NPO gelinge. Fünf seien schon ein guter Schnitt. Daneben warnte der Referent vor einem Kardinalfehler bei der Öffentlichkeitsarbeit im Netz: „Gemeinnützige Organisationen stellen sich gerne so dar, wie es dem Vorstand gefällt. Nicht, wie es der Spender braucht.“

Ebenso sollte eine Organisation darauf achten, welchen Rang sie bei einer Google-Suche einnehme. Denn nur die ersten drei würden gelesen – unabhängig davon, ob es sich dabei um Werbung handelt. Gerade die bezahlten Anzeigen führten gelegentlich zu einer Verzerrung des Wettbewerbs um Spenden. Denn wer z.B. auf dem Browser seines iphones „Welthungerhilfe“ bei Google eingibt, erhält zunächst die Webadressen von „Gemeinsam für Afrika“ und „Aktion Deutschland hilft“ angezeigt (Stand 13. März).

Foto: Gregor JungheimDie Veranstaltung gehörte zu den bestbesuchten der am Nachmittag angebotenen Workshops, deren Themen von Neuspendergewinnung über Steuern bis hin zu Testamentsspenden reichten. Verwunderlich war allerdings, dass einige der aktuell relevantesten Themen des Dritten Sektors nicht genügend Interessenten fanden. So mussten Workshops zu sozialem Unternehmertum, dem SEPA-Zahlungsverkehr und Telefon-Fundraising mangels Nachfrage abgesagt werden.

Wie tief der Graben zwischen Ost und West auch im Fundraising ist, machte Prof. Dr. Ulrich Lakemann deutlich, der eine Studie zu Geldspenden in Deutschland vorstellte. Während im Jahr 2011in den alten Bundesländern 37% der Bevölkerung spendeten, waren es zwischen Rostock und Suhl nur 27%, informierte der Jenaer Sozialwissenschaftler. Dafür würden Ostdeutsche häufiger Blut spenden.

Auf einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion war einmal mehr das Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft Thema. Landesfinanzminister Wolfgang Voß zeigte sich erfreut über ein Spendenaufkommen von rund 33,8 Mio. EUR im Freistaat laut der Einkommensteuerstatistik von 2011. „Zuviel staatliche Einmischung engt ziviles Engagement ein“, so die Meinung des CDU-Politikers. „Der Staat muss vor allem stabile ordnungspolitische Rahmenbedingungen setzen, um bürgerliche Initiativen zu ermöglichen.“ Was die Grundfinanzierung und Grundversorgung der Bevölkerung betreffe, dürfe sich aber „der Staat nicht aus dem Staube machen“. Genau dies bemängelte allerdings Oberkirchenrat Eberhard Grünberg: „Manchmal werden sozialpolitische Finanzierungen zurückgefahren und vom Bürger erwartet, das zu kompensieren.“ Doch wenn der Staat sich zurückziehe, mache es eher wütend, als dass dies die Spendenbereitschaft erhöhe, beklagte der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Mitteldeutschland.

Die Unternehmerin Marion Schneider (Toskanaworld GmbH, Bad Sulza) bemängelte, dass ihr das Finanzamt oft wie ein Feind begegne, „der möglichst viel aus uns rausziehen will“. Wer eine Forderung gegenüber einem Geschäftspartner eintreiben wolle, schicke zunächst eine Mahnung, der Staat drohe dagegen gleich Zwangsvollstreckung an. Deutlich mehr Lebensqualität habe ein Staat, der zunächst danach frage, wie er der Bevölkerung helfen könne. „Was mir fehlt ist, einfach mal zu gucken, wo Staat und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten können“, ergänzte Doris Voll, Fundraisingberaterin und Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung Zwischenraum Jena.

Foto: Gregor JungheimEine Auszeichnung gab es auf der Tagung für Günter Ramthor aus Apolda (Weimarer Land). Der Brauereiunternehmer und Stifter erhielt den mit 400 EUR dotierten Mitteldeutschen Fundraisingpreis der Volksbank Saaletal und des Fundraising Forums. Das Kreditinstitut und der Verein würdigten damit vor allem die Arbeit der Ende 2004 gegründeten Regina und Günter Ramthor-Stiftung, die Stipendien an benachteiligte junge Menschen vergibt. Anders als der Titel vermuten lässt, soll der Preis – unabhängig von Erfolgen im Spendensammeln – ganz allgemein bürgerschaftliches Engagement prämieren.

Die gesellschaftliche Wirkung der angeblich einzigen Apoldaer Stiftungsgründung seit der Wende, dürfte allerdings begrenzt sein. Die Treuhandstiftung, die über keinen Internetauftritt verfügt, versorgt eine Hand voll Stipendiaten mit 100 EUR pro Monat. Eine solche Summe allein dürfte keinen zweifelnden Abiturienten aus einem bildungsfernen Elternhaus zu einem Studium motivieren.

Zum 10. Mitteldeutschen Fundraisingtag kamen trotz starkem Schneetreiben und etlichen krankheitsbedingren Ausfällen rund 140 Teilnehmer. Ihr Spektrum reichte von Vertretern großer Organisationen wie Greenpeace bis hin zu Vereinen mit einer Hand voll ehrenamtlicher Fundraiser. Veranstalter waren das Fundraising Forum, die Evangelische Kirche sowie die Diakonie in Mitteldeutschland. Durch die Tagung führte Doris Voll. Der nächste Mitteldeutsche Fundraisingtag wird am 11. März 2014 stattfinden.

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