18.09.2020 | Von Die Stiftung

F.A.Z.-Konferenz Stiftung & Unternehmen #3 – Chance und Verpflichtung

Die digitale F.A.Z.-Konferenz Stiftung & Unternehmen #3 widmete sich Fragen des Zusammenspiels von Wirtschaft und Gesellschaft. In virtuellen Formaten tauschten sich Vertreter der Stiftungs- und Unternehmenswelt zu aktuellen Themen aus.

Stiftung & Unternehmen
Begrüßung und erste Diskussion. Kirsten Hommelhoff, Generalsekretärin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Prof. Dr. Hans Fleisch, Vorsitzender des Stiftungsrats der Heinz Trox-Stiftung, und Prof. Dr. Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes, eröffneten im Gespräch mit Armin Häberle, Bereichsleiter Wirtschaft des F.A.Z.-Fachverlags, den Konferenztag. Petra Gessner, Chefredakteurin von DIE STIFTUNG, diskutierte im Anschluss mit Peter Ackermann, Gründer und Vorstand der Kreuzberger Kinderstiftung, Prof. Schlüter sowie Ralf Fücks, geschäftsführender Gesellschafter über Eigentum und Verantwortung (jeweils von links unten im Uhrzeigersinn).

„Wer reich stirbt, stirbt in Schande.“ Der Satz mag nach einem Diktum aus dem Dunstkreis sozialistischer Denker klingen, stammt aber von Andrew Carnegie. Mit dem kompromisslosen Urteil des Stahlmagnaten erinnerte Ralf Fücks, geschäftsführender Gesellschafter des Zentrums Liberale Moderne, in seinem Impulsvortrag zur F.A.Z.-Konferenz Stiftung & Unternehmen #3 daran, dass die Vorstellung von der Verpflichtung durch Eigentum durchaus kompatibel ist mit marktwirtschaftlicher Orientierung. Immerhin war Carnegie einer der erfolgreichsten Unternehmer seiner Zeit. Die mitunter spannungsreiche Beziehung von renditeorientierter Wirtschaftswelt und dem im Kern altruistischen Stiftungsgedanken führte die Teilnehmer der digitalen Veranstaltung am vergangenen Dienstag zu unterschiedlichsten Fragestellungen in ebenso unterschiedlichen Formaten – von der Diskussionsrunde über virtuelle Arbeitsgruppen bis hin zu Themen-Lounges und Networking- Sessions.

Ungleiche Digitalisierung

Die Verantwortungsfrage prägt Stiftungen ganz besonders. Sie gehören nur sich selbst und haben, zumindest in der gemeinnützigen Variante, einen entsprechenden Auftrag. Peter Ackermann, Unternehmer und Gründer der Kreuzberger Kinderstiftung, würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Bislang sei die Grundgesetzformel „Eigentum verpflichtet“ eine Sollformulierung, doch eine Mussvorschrift wäre bahnbrechend, sagte er und verwies auf die Landesverfassungen von Bayern und besonders Hessen, die zur Thematik mehr Verbindlichkeit aufweisen.

Armin Häberle im Gespräch zu Entscheidungswegen und Governance mit Rechtsanwalt Dr. Axel Sigle, Marie-Alix Freifrau Ebner von Eschenbach, Chefjustitiarin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, und Dr. Lothar Dittmer, Vorsitzender des Vorstandes der Körber-Stiftung (von links unten im Uhrzeigersinn).

Verwerfungen wie durch die Corona-Krise sind ein Anlass, den Appell aus Artikel 14 erneut in den Mittelpunkt zu rücken. So hätten Unterrichtsausfälle und digitale Lernplattformen die Bildungskluft weiter vergrößert, sagte Prof. Dr. Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. „Die Digitalisierung von Bildung droht, vereinfacht gesagt, die Starken zu stärken und die Schwachen weiter zu schwächen.“ Stiftungen könnten hier gerade in kurzfristigen Krisensituationen flexibel und wirksam gegensteuern, wie zum Beispiel Bürgerstiftungen gezeigt hätten. Da das Bildungssystem nicht auf schnelle Verschiebungen in Didaktik oder Methodik ausgelegt sei, sei Hilfe nicht unbedingt von staatlicher Seite gekommen, sondern eben aus dem Dritten Sektor.

Die Gemeinnützigkeit alleine garantiert allerdings keinen Automatismus zur Nivellierung von Ungleichheit, wie Fücks zeigte. Sie könne ebenso „die Privilegierung der Privilegierten“ und die Separierung der Oberschicht vom Rest der Gesellschaft verstärken, sagte er mit Blick auf die zunehmende Zahl von Privatschulen. „Das ist eigentlich nicht der Sinn von Gemeinnützigkeit.“ Nicht zuletzt aus dem Gemeinnützigkeitsziel und der damit verbundenen steuerlichen Förderung folgt die Frage nach der Transparenz. Die Aufsicht in diesem Bereich sei in Deutschland im Vergleich nicht sehr weit entwickelt, so Schlüter, wenngleich er nicht unbedingt die US-amerikanische strenge Offenlegung inklusive der Gehälter forderte.

Stiftung und Unternehmen als Balanceakt

Gerade bei Unternehmensträgerstiftungen, die den thematischen Schwerpunkt der F.A.Z.-Konferenz darstellen, ist die Beziehung zwischen Kapital und Verantwortung besonders komplex – was sich in den mannigfaltigen Gremien- und Governance-Strukturen niederschlägt. Dr. Lothar Dittmer, Vorstandsvorsitzender der Körber-Stiftung, gab hier Einblick in die beiden operativ getrennten Welten der Stiftung und der zu 100 Prozent in deren Besitz befindlichen AG. Die regelmäßige, vornehmlich informative Verbindung schlage jeweils eine Person der gegenüberliegenden Struktur, die dem Stiftungsrat beziehungsweise Aufsichtsrat angehört. Vor allem aber das paritätisch besetzte Kuratorium gelte als Inkarnation des Stifterwillens, als kollektiver Stifter. Es wache nicht über operative Fragen, sondern über die „Verfassung“ des Gesamtkonstruktes „Körber“.

Das Zusammenspiel von Stiftung und Unternehmen erweist sich immer wieder als heikle Balance, wie Rechtsanwalt Dr. Axel Sigle zeigte: Satzung und Entscheidungswege müssten flexibel genug für den wirtschaftlichen Akteur und starr genug für den Ewigkeitsanspruch einer Stiftung sein. Vor allem dürfe die personelle Übereinstimmung nicht so intensiv sein, dass eine Führungsriege „durchregieren“ könne. Sonst droht der Stiftung der Verlust der Gemeinnützigkeit. Die Chefjustitiarin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Marie-Alix Freifrau Ebner von Eschenbach, kennt die Tendenz von Stiftern, die Konstruktion so zu wählen, dass großer Einfluss auf die operative Einheit bestehe. „Wir erklären dann aber anhand unserer Grundsätze guter Stiftungspraxis, dass das nicht zu empfehlen ist.“

Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin und Vorsitzende der Carl-Zeiss-Stiftung Theresia Bauer sprach zum Abschluss mit F.A.Z.-Herausgeber Gerald Braunberger über die Rolle von Stiftungen bei den großen Herausforderungen unserer Zeit.

Die Rollenverteilung von Staat, Wirtschaft und gesellschaftlichen Akteuren wie Stiftungen diskutierten F.A.Z.-Herausgeber Gerald Braunberger und die baden-württembergische Wissenschaftsministerin und Vorsitzende der Carl-Zeiss-Stiftung Theresia Bauer. Jeder Bereich habe seine Rolle, „aber gut sind wir nur dann, wenn diese Sektoren kooperieren und miteinander an den wirklich großen Aufgaben arbeiten“. Die Corona-Pandemie sei hier ein Beispiel. Deren Bewältigung gehe nur gemeinsam, und Menschen hätten angepackt, als es zählte. „Das ist eine großartige Erfahrung. Ich wünsche mir wirklich, dass dieses Moment auch ein Stück weit erhalten bleibt.“ Sie sei zuversichtlich, „dass wir diese Lektion nicht so schnell vergessen“.

Unterschiedliche Erfahrungen in der Pandemie

An Herausforderungen fehlte es Stiftungen schon vor der Corona-Krise nicht. Je nach Aufstellung beschäftigte besonders jene Organisationen, die von ihrem Grundstock leben müssen, die Zinslage. Das ist aus Sicht von Kirsten Hommelhoff, seit September Generalsekretärin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, weiterhin eine zentrale Herausforderung. Dazu kamen aus Sicht der Juristin, die von der Stiftung Mercator zum Verband wechselte, nun noch unerwartet grundsätzliche Fragen im Zuge der Pandemie – von virtuellen Gremiensitzungen bis Kurzarbeitergeld. Zugleich habe die Situation wieder klar die wichtige Rolle von Stiftungen in der Gesellschaft gezeigt. Sie hätten schnell agiert und kooperiert, sowohl untereinander als auch mit der Politik und Unternehmen.

Mit Blick auf die unternehmensverbundenen Stiftungen sprach Prof. Dr. Hans Fleisch, Vorsitzender des Stiftungsrats der Heinz Trox-Stiftung, von einer Beschleunigung der Digitalisierung. Zwar hätten gerade im Unternehmenskontext die technischen Möglichkeiten schon zuvor bestanden, diese seien aber nicht immer genutzt worden. In der Krise habe es nun eine „Flucht nach vorn“ gegeben hin zu einer neuen Offenheit vor allem hinsichtlich interner Abläufe. Von der Pandemie sei somit ein enormer Impuls ausgegangen, beispielsweise neue Kommunikationswege zu nutzen.

Was die Auswirkungen von Corona auf Stiftungen und Unternehmen angeht, schilderten Entscheider in Videostatements ganz unterschiedliche Situationen. Die Bandbreite reichte von erheblichen Einschränkungen aufgrund geringerer Ausschüttungen der Stiftungsunternehmen bis zu neuen Initiativen und Ansätzen. Fleisch sieht vor diesem Hintergrund in der Krise nicht nur einen Digitalisierungsbeschleuniger, sondern allgemein einen Flexibilitätstreiber. Stiftungen seien in der Vergangenheit nicht immer flexibel gewesen, entdeckten nun aber ihre Möglichkeiten wieder. Die Lage biete eine Chance, über Änderungen der Stiftungsaktivitäten nachzudenken.

 

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