02.07.2018 | Von Die Stiftung

Kontrollierter Mut

Beim Gesprächskreis Stiftungsfonds in Stuttgart diskutieren Stiftungsvertreter und Fondsmanager über Möglichkeiten der Kapitalanlage in einem herausfordernden Umfeld. Klar wird dabei vor allem eines: ohne Risiko geht es nicht. Von Armin Häberle

Gesprächskreis Stiftungsfonds
Armin Häberle, Geschäftsführer von DIE STIFTUNG (Mitte), im Gespräch mit Martin Weinrauter (Weinrauter & Grohmann Vermögensmanagement GmbH), Holger Schröm (J.P. Morgan Asset Management), Bernhard Matthes (Bank für Kirche und Caritas) sowie Oliver Müller (Raiffeisen Capital Management, von links). Fotos: Julia Laumer

Anhaltend niedrige Zinsen, Aktienmärkte möglicherweise kurz vor einer deutlichen Korrektur, eine sich abkühlende Weltkonjunktur, die Vorläufer eines protektionistischen Handelskrieges am Horizont – es gab schon einfachere Zeiten für die Vermögensverwaltung von Stiftungen.  Oder doch nicht? „Ich habe die Finanzkrise 1987 noch sehr präsent – sie war damals der Auslöser dafür, mich als Risikomanager selbstständig zu machen“, ordnet Martin Weinrauter von Grohmann & Weinrauter VermögensManagement die aktuelle Situation an den internationalen Kapitalmärkten ein. „Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen – daher ist es umso wichtiger, langfristig und besonnen agieren zu können und das geht dann, wenn Risiken konsequent und frei von Emotionen gemanagt werden.“

„In der Spätphase eines Wirtschaftszyklus“

Auch Holger Schröm von J.P. Morgan Asset Management erinnert Stiftungen auf dem „Gesprächskreis Stiftungsfonds“ in Stuttgart daran, gerade bei der Suche nach Anlagemöglichkeiten für ihr Stiftungsvermögen von der langfristigen Perspektive Gebrauch zu machen, die Stiftungen innewohnt. „Wir sind ohne Frage in der Spätphase eines Wirtschaftszyklus. Das muss man im Portfolio berücksichtigen“, so Schröm, „aber man sollte nicht seine mittel- und langfristigen Anlageentscheidungen von täglichen Nachrichten oder Tweets zur Wirtschaftspolitik abhängig machen.“

Lars Schmidt von Rittershaus Rechtsanwälte gibt Einblicke in rechtliche Aspekte bei der Investition in Stiftungsfonds.

Gastgeber des Gesprächskreises von DIE STIFTUNG im Haus der Katholischen Kirche in Stuttgart war Heinz Wolf, Vorstand der Caritas Stiftung Stuttgart. Als Stiftungszentrum verwaltet Wolf auch zahlreiche Treuhandstiftungen. Zum Einstieg des Gesprächskreises führte Lars Schmidt von Rittershaus Rechtsanwälte rechtliche Aspekte von Investitionen in Stiftungsfonds aus. Seine zentrale Botschaft: „Stiftungsmanager müssen ihre Anlageentscheidungen gut begründen und dokumentieren“, so Schmidt. „Jeder weiß, dass sich Anlagen auch einmal anders entwickeln können, als ursprünglich erwartet. Dann ist es essentiell, dass man darstellen kann, warum man welche Anlageentscheidung wann und wie getroffen hat.“ Denn selbst wenn nicht von jedem Stiftungsvorstand ein tiefes Finanzfachverständnis erwartet werden kann, entbindet dies den Stiftungsvorstand nicht davon, sich umfassend zu informieren, qualifizierten Rat einzuholen und die Vorgaben aus Stifterwille, Stiftungssatzung und Gesetzgebung zu berücksichtigen. „Je genauer dies dokumentiert ist, desto besser lassen sich im Streitfall Vorwürfe wegen Pflichtverletzung abwehren“, so Schmidt. Mit diesen Grundverständnis müssten Stiftungen aber in der Tat zunehmen „kontrolliert mutig“ agieren, um überhaupt noch positive Renditen auf ihr Stiftungsvermögen zu erzielen.

„Angst der Deutschen vor Aktieninvestitionen“

Dies bestätigte Klaus-Dieter Erdmann von Asset Standard, der einen aktuellen Überblick über die in Deutschland vertriebene Stiftungsfonds gab. „Es ist und bleibt bemerkenswert, wie tief die Angst der Deutschen vor Aktieninvestitionen sitzt“, so Erdmann. Gut 2,5 Billionen Euro seien in Bargeld, Sichteinlagen, Versicherungen oder Pensionskassen angelegt – gegenüber etwas mehr als einer Billion in Aktien und Investmentfonds. „Deutsche haben ein Händchen dafür, einzusteigen, wenn Aktien teuer sind, und sofort wieder auszusteigen, wenn die Kurse fallen – und dann fühlen sie sich als gebrannte Kinder“, beobachtet Erdmann. Doch ohne signifikante Aktienquote im Portfolio seien die meisten Stiftungszwecke schlicht nicht mehr zu finanzieren.

Für kontrollierten Mut plädierte auch Schröm. Der J.P. Morgan Investment Funds – Global Income Fund beispielsweise mischt bis zu 30 Prozent hochverzinsliche Anleihen („High Yield“) bei, um eine angemessene Rendite zu erzielen. Bernhard Matthes von der Bank für Kirche und Caritas versucht dasselbe zu erreichen. „Wir folgen grob dem 70:30-Ansatz bei der Allokation, teilen die 30 Prozent aber so auf, dass wir auch in schwächeren Aktienmärkten positive Renditen erzielen können“, so Matthes. Zu diesem Zweck investiert er bis zu 15 Prozent in alternative, nicht mit Aktien korrelierte Anlageformen, wie etwa Immobilien, Edelmetalle, Cat-Bonds oder Hedge-Fonds. Ohne diese gemeinhin als riskant eingestuften Elemente, so der Tenor beim Gesprächskreis, sind Stiftungsvermögen nicht rentierlich anzulegen oder womöglich nicht einmal real zu erhalten. Weinrauter betonte dabei, dass nicht zu investieren ebenfalls mit Risiken verbunden sei. „Wer investiert ist, hat das Risiko von Kursverlusten, wer aber nicht investiert ist, trägt das Risiko, nicht an Gewinnen zu partizipieren. Häufig hören wir, das eine Risiko sei doch wohl deutlich geringer einzuordnen als das andere. Aber diese Haltung entspricht bei einem langfristigen Zeithorizont nicht den Fakten“, so Weinrauter.

Individuelle Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit

Oliver Müller von Raiffeisen Capital Management fokussierte vor allem auf das Thema Nachhaltigkeit. „Nachhaltige Investments passen fast schon per Definition gut zu Stiftungen, da der Ewigkeitsgedanke von Stiftungen und das Konzept nachhaltiger, auf dauerhafte Tragfähigkeit angelegter Wirtschaftstätigkeit denselben Zeithorizont als Referenz haben“, so Müller. Entsprechend sei das Interesse an nachhaltigen Anlagemöglichkeiten unter Stiftungen ausgesprochen hoch. Allerdings wurde in der Diskussion auch deutlich, dass gerade beim Thema Nachhaltigkeit individuelle Schwerpunkte sehr unterschiedlich liegen können. „Eine Stiftung zum Schutz des Wattenmeeres legt andere Nachhaltigkeitskriterien an als eine Stiftung zur Vorbeugung von Fettleibigkeit“, beobachtet Bernhard Matthes.

Die engagierte Diskussion zwischen den Stiftungsvertretern und Fondsmanagern auf dem Gesprächskreis Stiftungsfonds zeigte, wie sehr das Thema Kapitalanlage Stiftungen beschäftigt, und wie vielseitig doch auch die Möglichkeiten sind, individuelle Präferenzen, rechtliche Vorgaben, Stifterwille und ein adäquates Risikoprofil zu vereinen. Nur: Ohne eine Prise kontrollierten – und dokumentierten – Mut wird es nicht gehen.

Präsentationen zum Gesprächskreis finden Sie hier:

Nächster Gesprächskreis Stiftungsfonds in Hamburg

Der nächste Gesprächskreis Stiftungsfonds wird am 11. September 2018 in Hamburg stattfinden. Mehr Informationen gibt es unter: https://www.die-stiftung.de/event/gespraechskreis-stiftungsfonds-hamburg

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