25.03.2013 | Von Die Stiftung

Stiftungspraxis ist ein weites Feld

Als am 13.3. in der Ravensberger Spinnerei in Bielefeld die Türen geöffnet wurden, konnte niemand ahnen, dass das erste StiftungsFORUM in Bielefeld solch eine Resonanz erzeugen würde (sehen dazu auch das Video). Mehr als 100 Gäste kamen zusammen, um aktuelle Fragen aus der Stiftungspraxis zu diskutieren. Wie sich zeigte, sind derzeit viele Fragen für Stiftungen relevant.

Viel Anleihen, wenig Aktien – ist das noch zeitgemäß?
Nach einer kurzen Begrüßung durch den stellvertretenden Regierungspräsidenten der Bezirksregierung Detmold, Bernd Wesemeyer, ging es sofort zur Sache. Prof. Dr. Andreas Schlüter spannte einen Bogen auf von den drei Stiftungsbooms zu den heutigen Herausforderungen für Stiftungen. In Deutschland gab es demnach drei Boomsituationen: Einmal, während des Mittelalters, dann zur Zeit der Industrialisierung und aktuell zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Was wir heute sehen, ist letztlich nur die Aufholjagd dessen, was vor allem durch die Weltkriege an Stiftungsvermögen verloren ging. Wie es sich vermeiden ließe, dass Stiftungen in einer Krise die Segel streichen müssen, das erklärte Holger Gachot von der in Oberursel ansässigen Vermögensverwaltung StarCapital. Für ihn liegt ein Kernrisiko im hohen Anleihebestand, den Stiftungen zumeist halten. Stattdessen sollten Stiftungen stärker in Richtung der Aktie denken und dieser mehr Raum in ihrer Vermögensallokation einräumen. Gachot meinte, Stiftungen sähen zu sehr nur die Risiken bei den Aktien, die sich jedoch managen ließen. Börsen lassen sich nicht prognostizieren, aber gute Unternehmen lassen sich immer identifizieren. Auch sollte die Politik einmal nachdenken, ob sie das klassische Mantra der risikolosen Anlage so wie bislang aufrechterhalten möchte. Die Aktie sei definitiv nicht so schlecht, wie sie immer gemacht wird, und Stiftungen hätten ja gerade die Chance, als eine der ganz wenigen Investorengruppen, mit ihrem langen Atem ein Vermögen auch und gerade in Aktien zu allokieren. Umso mehr, als dass negative Realzinsen in Deutschland und überteuerte Anleihen weltweit keine wirklichen Chancen mehr böten.

Niedrigzinsen führen zu Fehlallokation
An diesem Punkt hakte Matthias Steinhauer, Moderator und Mitveranstalter der in Bielefeld domizilierten Vermögensverwaltung CONCEPT Vermögensmanagement, ein. Für ihn ist die große Frage, ob Stiftungen sich wirklich über Risiken im Anleihebereich bewusst sind. Denn steigt die Rendite einer zehnjährigen Bundesanleihe um nur 1%, dann fällt der Kurs der Anleihe um 9%. Stiftungen haben bei steigenden Zinsen schnell Volatilität im Depot, die sie gar nicht gebrauchen können und die sie letztlich auch nicht handhaben können. Für Steinhauer liegt die Ursache der Fehlallokation bei Stiftungen vor allem in der Unwissenheit und der Tatsache, dass Stiftungen sich doch ein wenig von der Quartalsdenke der Börsen haben anstecken lassen. Gerade das aber ist letztlich der größte Fehler, denn damit dominiert die Markt- und weniger die Portfoliosicht. Stiftungen seien windschief aufgestellt, trauten sich aber nicht in die Aktie hinein, weil die Märkte ja ach so unberechenbar seien. Für Steinhauer einer der Gründe, das StiftungsFORUM mit zu organisieren und hier viel Engagement zu zeigen, denn Stiftungen brauchen an diesem Punkt schlichtweg mehr Unterstützung und Aufklärung.

Nützliche Tipps für das Gespräch mit dem Bankberater
Das kam auch beim Vortrag von Christoph Weber, Chef von WSH Deutsche Vermögenstreuhand, heraus. Für ihn gibt es allein bei der Vermögensverwaltung zahlreiche Fragen, die sich Stiftungen entweder selbst oder aber mit Beratern beantworten müssen. Das richtige Gespräch mit der Bank zum Beispiel sei etwas, was viele Stiftungen lernen müssen. Wenn Stiftungen ihr Vermögen und dessen Struktur besser kennen würden, dann würden viele Bankgespräche heute anders verlaufen. Weber gab hier wertvolle Tipps, ebenso wie im Bereich der Stiftungsfonds, die für viele Stiftungen durchaus ein stimmiges Instrument zur Veranlagung ihres Vermögens sein könnten. Mehr zu den Ausführungen von Christoph Weber finden Sie im Video-Interview, das während des StiftungsFORUMs aufgezeichnet wurde.

Es gibt Wichtigeres als das Vermögen
Neben drei Workshops, in denen zum Beispiel die Verbrauchsstiftung vorgestellt, diskutiert und evaluiert wurde (siehe auch das Video mit der Leiterin des Workshops, Miriam Schwink von der BW Bank) bzw. das Zusammenspiel der Vermögensanlage mit der Förderzusage (Workshop mit Ralph van Kerkom von PKF Fasselt Schlage) analysiert wurde, erörterte Dr. Karsten Timmer am Nachmittag einige Facetten rund um zeitgemäßes Stiftungsmanagement. Für Timmer beschäftigen sich Stiftungen und auch deren Dienstleister viel zu sehr mit der Vermögensanlage, also mit der Verwaltung der Mittel bzw. der Einnahmeseite. Für ihn sei es aber weitaus maßgeblicher, sich mit der Ausgabenseite zu befassen, so Timmer. Die Fixierung auf den Bereich des Vermögens verstelle schlichtweg den Blick auf andere Fragen. Viele Stiftungen hätten zum Beispiel ein echtes Führungsproblem, würden bei der Mittelverwendung nicht professionell genug vorgehen. Auch müssten Stiftungen die Frage beantworten können, was ein gutes Projekt sei, denn sonst könnten sie ein solches gar nicht richtig selektieren. Zu viele würden ihr Geld verschenken, indem sie in Projekte investieren, deren Wirkung fraglich ist. Hier müssen Stiftungen kritischer werden, sich Mechanismen aneignen, um Projekte besser prüfen zu können. Aber auch die eigenen Vorgaben müssen klarer und bisweilen härter formuliert werden. Wenn nämlich ein Projekt scheitert, dann liegt dies zumeist an der Organisation, und wenn die Stiftung hier genauer prüfen würde, dann ließen sich Ausfälle sicherlich minimieren. Damit erntete Timmer breiten Applaus, denn so offen wie er sprechen diese Sachverhalte nur wenige Stiftungsprofis an.

Ein Abschlusspanel bringt es auf den Punkt
Abgerundet wurde das Programm des StiftungsFORUMs dann noch mit einer Podiumsdiskussion, an der Dr. Robert Münscher, Christoph Weber und Dr. Klaus Neuhoff teilnahmen. Moderator Matthias Steinhauer kam schnell auf den Punkt und wollte von den drei Diskutanten wissen, was denn in ihren Augen – auch in Anbetracht des auf dem StiftungsFORUM Gehörten – die größten Herausforderungen seien. Für Münscher ist es die Öffnung der Stiftungen hin zu Themen wie Mission Investing. Dies sei aktuell nicht nur in Mode, sondern auch eine reelle Möglichkeit, dem aktuellen Anlagedilemma zu entrinnen. Hier fügte Christoph Weber noch hinzu, dass viele Stiftungen zudem häufig zu wenig professionell aufgestellt seien, und dass diese Professionalisierung nicht bei der Auswahl des richtigen Vermögensverwalters endet. Vielmehr sei die Vermögensanlage eine Aufgabe mit vielen Facetten, deren Bearbeitung Stiftungen aber heute nicht mehr allein bewältigen können. Steinhauer fügte an, Stiftungen müssten sich aus ihrer jahrelang gewohnten Komfortzone herausbewegen und viele Themen einfach komplett neu durchdenken und umsetzen. Das verdeutlichte auch Dr. Klaus Neuhoff, der Stiftungen zu mehr Selbstbewusstsein und vor allem besserer Dokumentation aufforderte. Denn dadurch würden Stiftungen am meisten über sich erfahren.

Fazit
Die Diskussion zeigte letztlich die zahlreichen Problemfelder, mit denen Stiftungen sich heutzutage auseinanderzusetzen haben. Um hierfür Ideen zu liefern, hatte Steinhauer auch die Idee zum StiftungsFORUM. Er schloss seine Ausführungen mit den Worten: „Es wird ganz sicher ein nächstes StiftungsFORUM geben.“ Wenn nicht im nächsten dann im übernächsten Jahr. Darauf dürfen sich Stiftungen dann in und um Bielefeld herum erneut freuen, denn Stiftungspraxis einmal breit ausgerollt, dafür dürfte dann auch die zweite Auflage des StiftungsFORUMs Westfalen stehen.

Tobias M. Karow

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