Mit über 300 Gästen aus der ganzen Welt feierte die Robert Bosch Stiftung zum wiederholten Mal ihren 50. Geburtstag. Zur zweitägigen Konferenz „Zeit der Bürger – wie Zivilgesellschaft und Stiftungen Zukunft gestalten“ kamen Bundespräsident Gauck, zwei Friedensnobelpreisträger sowie zahlreiche Akteure der Zivilgesellschaft.

Mit über 300 Gästen aus der ganzen Welt feierte die Robert Bosch Stiftung zum wiederholten Mal ihren 50. Geburtstag. Zur zweitägigen Konferenz „Zeit der Bürger – wie Zivilgesellschaft und Stiftungen Zukunft gestalten“ kamen Bundespräsident Gauck, zwei Friedensnobelpreisträger sowie zahlreiche Akteure der Zivilgesellschaft.
Von Christine Bertschi

„Unglaublich, was eine Motorzündung so alles auslösen kann!“, sagte Bundespräsident Joachim Gauck zur Eröffnung der Konferenz. Er zählte Projekte der Bosch Stiftung auf, nannte Stipendien, Schüleraustausche und Begegnungen über Grenzen hinweg. Das alles und noch viel mehr sei möglich geworden, weil Robert Bosch auf eben jenem Zünder ein internationales Unternehmen aufbaute und dabei das Gemeinwohl niemals aus dem Blick verlor. „Robert Bosch führte ein weltumspannendes Unternehmen, lange bevor es den Begriff Globalisierung gab. Und er warb für Völkerverständigung, als Nationalismus und Misstrauen noch die öffentliche Meinung in Deutschland bestimmten“, lobte der Bundespräsident.

Anschließend riss er ein Thema an, dass sich durch die ganze Konferenz ziehen sollte: Stiftungskapital darf Risikokapital sein. „Stiftungen dürfen mit ihren Mitteln nicht nur experimentieren, sie sollen es sogar. Sie sollen probieren, was geht in unserer Gesellschaft, was sich anstoßen und bewegen lässt“, ermutigte Gauck das Publikum.

Auch wenn die Stiftungen damit vielleicht anecken oder ganz neue Wege gehen müssen. Denn ein Blick zurück auf vergangene Jahrzehnte zeige: Engagement, das früher belächelt oder verspottet wurde, ist heute im Zentrum der Debatte oder in der Wirklichkeit angekommen. „Unsere Urteile über das, was uns heute sinnvoll oder unsinnig, undenkbar oder utopisch, absurd oder überzogen erscheint – wir sollten sie mit Vorsicht fällen“, mahnte der Bundespräsident.

Podiumsdiskussion Bosch-Stiftung

An prominenter Unterstützung fehlte es der Stiftung nicht: Die Friedensnobelpreisträger Kailash Satyarthi (3. v.l.) und Prof. Dr. Muhammad Yunus (r.) diskutierten mit Saran Kaba Jones von der Entwicklungsorganisation Face Africa.

In einer ersten Gesprächsrunde traf der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete indische Kinderrechtler Kailash Satyarthi auf Prof. Dr. Muhammad Yunus, der 2006 ebenfalls vom Nobelpreiskomitee für seine soziale Mikrokreditvergabe geehrt wurde. Gemeinsam mit Saran Kaba Jones, Gründerin der amerikanisch-liberianischen NGO Face Africa, und dem ehemaligen polnischen Botschafter Janusz Reiter diskutierten die beiden Friedensnobelpreisträger darüber, was Menschen antreibt, die Welt zu verändern.

„Wir müssen das menschliche Mitgefühl globalisieren“, erklärte Satyarthi. Der frischgebackene Nobelpreisträger strahlte Bescheidenheit aus, auch wenn er schon auf 30 Jahre im Dienste der Kinderrechte zurückblicken kann: „Ich war immer ein ganz gewöhnlicher Aktivist. Das Beste für mich ist, wenn ich ein Kind befreien und zu seinen Eltern zurückbringen kann. Mein Lohn sind die Tränen des Glücks.“ Zuhause wolle er nun neue Partnerschaften in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft suchen. Muhammad Yunus bestätigte: „Die weltweite Aufmerksamkeit ist eine starke Kraft. Der Friedensnobelpreis verleiht uns Glaubwürdigkeit, die unseren Anliegen zugute kommt.“

Das Nachmittagsprogramm eröffnete Prof. Dr. Walter W. Powell, Co-Dekan des Stanford Center on Philanthropy and Civil Society in Kalifornien. In seinem Vortrag ging der Soziologe auf mögliche Rollen der Zivilgesellschaft in den nächsten Jahren ein – und stellte ihr eine zwiespältige Diagnose aus: „Wir sollten ein bisschen Angst vor dem Wachstum der Zivilgesellschaft haben, denn die Privatwirtschaft und die öffentliche Hand übernehmen damit einhergehend immer weniger Verantwortung“, gab Powell zu bedenken. Gleichzeitig sinke bei der Bevölkerung das Interesse an den klassischen Institutionen der Demokratie, was diese wiederum schwäche. Erstrebenswert wäre laut Powell, dass die Zivilgesellschaft eine Vorreiterrolle innehätte und die Aufgaben dann an die öffentliche Hand weitergeben könnte.

Weitere Diskussionsrunden am Nachmittag widmeten sich den Ressourcen zivilgesellschaftlicher Initiativen sowie der Gestaltung der Zukunft weltweit, aber auch vor Ort.

Bosch-Studie “Zukunft des Stiftens”

Am zweiten Konferenztag stand die Studie „Zukunft des Stiftens“ im Mittelpunkt, die die Unternehmensberatung Roland Berger im Auftrag der Bosch Stiftung erarbeitet hatte. Roland-Berger-Manager Stefan Schaible stellte diese vor.

Die Studie kam zum Schluss, dass Stiftungen durch ihre finanzielle und politische Unabhängigkeit dafür prädestiniert seien, zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beizutragen. Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen, müssen sie in Zukunft noch fokussierter, mutiger und transparenter agieren. Die Studie bietet außerdem eine Vision für das Jahr 2030. Schlaglichtartig präsentiert sie acht Ziel- und Wunschvorstellungen zur Zukunft des Stiftens:

Bosch-Studie "Zukunft des Stiftens"

Stefan Schaible (Roland Berge, r.) stellte im Gespräch mit Moderator Brent Goff (Deutsche Welle) die Ergebnisse der Studie „Zukunft des Stiftens“ vor.

  1. Stiften und Spenden werden zur Selbstverständlichkeit. Jeder engagiert sich.
  2. Nachhaltiges Stiftungshandeln ist gelebte Realität. Die Idee der eigenen Stiftung wird seltener umgesetzt.
  3. Verbrauchsstiftungen setzen sich durch.
  4. Stiftungen sind Motoren gesellschaftlichen Zusammenhalts – lokal und global.
  5. Unternehmerische Handlungsansätze setzen sich im Stiftungshandeln durch.
  6. Stiftungen öffnen sich. Sie setzen auf ein neues Kooperationsverständnis und erschließen neue Interaktionsräume. Immer häufiger übernehmen sie gemeinsam Verantwortung.
  7. Governance und Organisation spiegeln den Anspruch des neuen Handelns.
  8. Stiftungen schaffen – zusätzlich zum Bundesverband Deutscher Stiftungen – eine nationale Organisation, um ihre Bekanntheit zu steigern und die datenbasierte Diskussion und Auseinandersetzung zu fördern. Auf diese Weise ist eine Trennung von Lobbyarbeit und Informationsdienst gewährleistet, wie es sich in den USA bereits bewährt hat.

Schaible bewertete diese stark positiven Vorstellungen realistisch: „Aus Vision kann Realität werden, aber nur wenn wir alle mitanpacken!“

„Unser Hebel ist die große Freiheit, mit der wir kleine Ressourcen einsetzen können“, erklärte Dr. Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Bosch Stiftung. Auch sie plädierte dafür, dass Stiftungen in Zukunft noch viel mutiger werden: „Wir müssen experimentieren, und es auch mal wagen uns lächerlich zu machen.“ Stiftungsleiter und Vermögensverwalter aus den USA, Armenien und der Schweiz diskutierten im Anschluss über Wirkungsmaximierung und über zukunftsweisende Ansätze.

Die Geschäftsführerin zeigte sich beeindruckt und positiv überrascht von den Ergebnissen der Diskussionen und vom Potenzial vieler Stifter: „Stiftungen haben so viele Möglichkeiten etwas zu erreichen!“

Die Robert Bosch Stiftung feierte ihren 50. Geburtstag in diesem Jahr mit mehreren Veranstaltungen unter dem Motto „50 Jahre Richtung Zukunft“. Nach der Verleihung eines Literaturpreises, einer Diskussionsrunde zu Polen, einer Festveranstaltung, einem Tag der offenen Tür und der Eröffnung des Robert Bosch Colleges bildete die zweitägige Konferenz „Zeit der Bürger“ den Abschluss der Eventreihe. Sie fand am ersten Tag in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom AG und am zweiten Tag im Berliner Büro der Bosch Stiftung statt.

 

Weitere Informationen

zur Konferenz „Zeit der Bürger”

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