21.03.2014 | Von Die Stiftung

Die Philanthropen von nebenan

Die Gründung der mit einem Milliardenvermögen ausgestatteten Joachim Herz Stiftung machte bundesweit Schlagzeilen. Ebenso wie Stiftungen, die als Reaktion auf schreckliche Gewalttaten errichtet wurden und/oder Politprominenz auf den Plan riefen. Stifter, die mit unspektakulären Vermögenssummen ganz bestimmte Projekte fördern oder selbst initiieren, werden dagegen meist nur in ihrer Region und vielleicht noch in Fachkreisen wahrgenommen – sofern sie überhaupt Wert auf Öffentlichkeitsarbeit legen. Doch gerade Engagement wie dieses ist der eigentliche Motor des vielzitierten Stiftungsbooms.

Eberhard Wegener hatte demgegenüber klare Vorstellungen, wer Destinatär seiner Stiftung werden sollte: der Tannenhof in Ulm. Die Einrichtung betreut seit 1974 geistig und mehrfachbehinderte Erwachsene. Zu ihnen gehört auch Andreas Wegener, der einzige Sohn des Stifters und seiner inzwischen verstorbenen Frau. Der heute 48-Jährige lebt seit 1980 in der Einrichtung. Als dem Tannenhof Ende der 1990er-Jahre aufgrund der veränderten Sozialgesetzgebung zunehmend die Mittel fehlten, um die Bewohner umfassend zu betreuen, sprangen die Wegeners ein. Ihre Stiftung finanziert seitdem zusätzliche Arbeitsstunden, um den Betreuten Schwimmbadbesuche, Theaterspiel oder die Teilnahme an einem Seniorenstammtisch anbieten zu können.

„Der Tannenhof und seine Mitarbeiter ermöglichten uns als Eltern eines behindert geborenen Kindes ein weitgehend unbelastetes Leben“, berichtet der heute 80-Jährige. „Dafür bedankten wir uns mit der Errichtung der Stiftung 1999.“ Neues Projekt der Organisation, für das noch Partner gesucht werden, ist die Errichtung eines Wohnhauses, in dem behinderte und nicht behinderte Menschen zusammen leben können.

Klein anfangen und weiter wachsen
Sind kleine Stiftungen und/oder ihre Destinatäre in ihrem Umfeld hinlänglich bekannt, so ist es gar nicht mal so schwer, weitere Unterstützung zu finden. Schließlich lässt sich in solchen Fällen viel genauer nachvollziehen, wo das Geld hingeht. Gerade bei regional vernetzten Organisationen können sich die Spender und Zustifter oft persönlich davon überzeugen, was aus ihren Zuwendungen wurde – und die Verantwortlichen sogar zur Rede stellen, wenn die geförderten Vorhaben hinter den Erwartungen zurückbleiben. Gerade wer größere Summen zu vergeben hat, mag daher die ihm wohl bekannte Stiftung „von nebenan“ einer weltbekannten Hilfsorganisation vorziehen.

Diese Erfahrungen machte auch Eberhard Wegener. Als die Schwäbische Zeitung Weihnachten 1999 über seine Stiftung berichtete, erhielt er eine Zustiftung von 100.000 DM von einer Ulmer Bürgerin. Auch Rainer von Boeckh berichtet begeistert von der positiven Resonanz auf seine stifterische Tätigkeit: „Völlig unerwartet haben sich nach der Gründung, insbesondere nach einem Bericht in der NABU-Zeitschrift Naturschutz heute, zahlreiche Menschen, Vereine und eine Firma für das Projekt Mainzer Land interessiert und sich als Zustifter, Spender oder Pate der inzwischen großen Fördererfamilie angeschlossen.“

Der heute 95-jährigen Ursula Schmid-Kayser gelang es, Unterstützung innerhalb der eigenen Familie zu finden. So gehören nicht nur ihr Sohn, sondern auch ihre Enkelinnen Julia und Katharina Kayser dem Stifterrat an. Auf diese Weise ist das Engagement der Stiftung auch in den kommenden Jahrzehnten sichergestellt.

Selbst zustiften vergrößert auch das Stiftungsvermögen
Gründer kleiner Stiftungen müssen dennoch davon ausgehen, bis auf weiteres selbst zu den größten Förderern ihrer Organisation zu gehören. So stammt auch das mittlerweile auf etwa 230.000 EUR angewachsene Vermögen der Rainer von Boeckh-Stiftung zu großen Teilen vom Stifter selbst. Auch Ursula Schmid-Kayser ist weiterhin Hauptspenderin ihrer Stiftung. Eberhard Wegener hat seine Organisation ebenfalls seit Gründung immer wieder mit Spenden und Zustiftungen unterstützt. Das Stiftungsvermögen beträgt mittlerweile 255.000 EUR. Nach seinem Tod soll zunächst sein Sohn Erbe des Familienvermögens werden. In einem sogenannten Behindertentestament ist jedoch die Stiftung bereits als Nacherbe eingesetzt.

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