17.03.2014 | Von Die Stiftung

Frau Böck, was ist eigentlich die grosse Rotation?

STIFTL: Eine Grosse Koalition steht uns bald in Deutschland ins Haus. Und „ich bin gerade voll am Rotieren“ ist eine beliebte Ausrede, wenn ich meine Ex abwimmeln will. Was aber ist die grosse Rotation?
Christina Böck: Damit ist eine strukturelle, langfristige Umschichtung der Anleger aus den Anleihen in riskante Anlagen, insbesondere Aktien, gemeint. Dies könnte den Aufwärtstrend der Börsen nachhaltig fördern. Allerdings gibt es viele Indikatoren dafür, dass es sich noch nicht um eine grundlegende Bewegung handelt. Die wichtigsten sind dreierlei: Risikotragfähigkeit, Regulation und Renditemeinungen.

STIFTL: Was bedeutet das für Stiftungen?
Böck: Institutionelle Anleger, also Pensionsfonds, Versicherungen, Stiftungen und Staatsfonds, machen ca. 60% der weltweiten Anlagevolumen aus. Noch kämpfen diese Investoren mit den Folgen der Finanzkrisen, insbesondere den niedrigen Zinsen. Sie haben daher nicht die Risikotragfähigkeit, wieder massiv in Aktien einzusteigen.

Stiftl: Wann startet also die Bewegung?
Böck: Aufgrund der komplexen strukturellen Probleme muss viel geschehen, um den Institutionellen wieder „Lust“ auf volatile Aktieninvestitionen zu geben. Insbesondere müssten sich die Renditeaussichten von Anleihen und Aktien im Vergleich massiv verschieben. Dazu bedarf es einer grundlegenden Änderung der wirtschaftlichen Lage, damit die Aussichten für Obligationen auch absolut negativ werden. Heute halten in der Tat weltweit die Zentralbanken die Zinsen niedrig. Die Wachstumsaussichten sind in Europe zu gering, als dass mit einem schnellen und baldigen Zinsanstieg zu rechnen wäre. In den USA ist die Ansage der Federal Reserve Bank klar: Keine Änderung der Politik, bevor nicht die Arbeitslosenquote unter 6% sinkt.

STIFTL: Und was sage ich meinem Vorstand?
Böck: Erst wenn die Zinswende konkret abzusehen ist, werden Aktien trotz der regulatorischen Nachteile stärker nachgefragt. Manche Indikatoren geben aber bereits Anlass zu Optimismus: Die Volatilitäten und die Korrelationen der Aktien untereinander sind in den vergangenen Monaten stark gesunken und befinden sich wieder auf „Vor-Krisen-Niveau“. Aber wenn man die guten Renditen der Aktien seit 2009 näher ansieht, dann muss man die bedeutenden Abschwünge in das Kalkül mit einbeziehen – der Kapitalschutz bleibt also eine wichtige Sorge. Genau dies sorgt dafür, dass wir so bald keine strukturellen Verschiebungen hin zu Aktien erleben werden. Das heisst nicht, dass Aktien unattraktiv sind. In Europa rechnen wir mit einem Gewinnwachstum von 5 bis 10% in diesem Jahr und die europäischen Märkte sind immer noch eher konservativ bewertet. Allerdings ist mit teilweise massiven Korrekturen zu rechnen, sei es in Form der politischen Probleme in der Eurozone bei der Lösung der Staatsschuldenkrise oder in Form von Rückschlägen im Heilungsprozess der Weltwirtschaft insgesamt.

Christina_BoeckChristina Böck ist Chief Investment Officer bei der AXA IM Schweiz AG. Sie berät vornehmlich institutionelle Anleger zu strategischen Themen.

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