22.06.2020 | Von Stefan Dworschak

Geld ohne Grenzen

Stiftungen und Hilfsorganisationen, die international aktiv sind, müssen Gelder rund um den Globus verschicken. Das war lange Zeit mit Kosten und Aufwand verbunden. Inzwischen funktioniert dies vollelektronisch bei deutlich geringerer finanzieller Belastung.

SysSymbolik aus einer anderen Zeit: Hilfsorganisationen schicken Gelder heute per Mausklick um den Globus. Foto:

Geld in Entwicklungsländer zu schicken, ist für viele Hilfsorganisationen und Stiftungen Alltag. Und war lange Zeit nicht immer ohne Hürden: Kosten, Verlässlichkeit, Geschwindigkeit und Überprüfbarkeit etwa von Wechselkursen waren häufig eine unbekannte, schwer berechenbare Komponente. Die Digitalisierung von Zahlungsströmen in der Finanzbranche bringt nun mehr Planungssicherheit, auch für die Karl-Kübel-Stiftung für Kind und Familie, die in mehreren Ländern in der Entwicklungszusammenarbeit aktiv ist. Die Organisation mit Sitz in Bensheim fördert Projekte unter anderem in Nepal, Indien und Äthiopien. Hierzu schickt sie regelmäßig Mittel in diese Länder.

„Wichtig ist, dass das Geld schnell und sicher ankommt“, sagt Vorstand Ralf Tepel. In der Vergangenheit war das nicht immer einfach. Die Stiftung hat mit verschiedenen Banken kooperiert, zahlte Transfergebühren, mitunter ging – zumindest zeitweise – Geld verloren, wenn etwa ein per Luftpost geschickter Verrechnungsscheck sich verirrt hatte. „Damit konnte zwar niemand Drittes etwas anfangen – aber trotzdem musste der Scheck natürlich gesperrt werden.“

Ralf Tepel
Ralf Tepel ist Vorstand für Entwicklungszusammenarbeit, Fundraising sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Karl-Kübel-Stiftung. Foto: Marc Fippel/Karl-Kübel-Stiftung

Einige Millionen Euro transferiert die Karl-Kübel-Stiftung pro Jahr, heute allerdings nicht mehr per Verrechnungsscheck, sondern elektronisch. „Im Vergleich zum vorherigen Arrangement ist das komfortabler und sicherer“, so Tepel. „Wir können jede Summe schicken, die benötigt wird. Das kann einem Gegenwert von 100 Euro entsprechen, aber auch bis zu 40.000 oder 50.000 Euro betragen.“ Dabei komme ein zentrales System zum Einsatz, das dem Sechs-Augen-Prinzip unterliegt.

„In dem Moment, in dem der Zahlungsvorgang ausgelöst wird, erhalten wir wenige Minuten später den tagesaktuellen Wechselkurs und wissen unmittelbar, was die Transaktion kostet.“ Das Geld ist innerhalb von zwei oder drei Tagen vor Ort. Nur Echtzeitüberweisungen sind bislang nicht möglich. „Das spielt für uns allerdings keine Rolle. In der Regel handelt es sich bei unseren Transaktionen nicht um Notfälle, sondern es gibt zwei Wochen Vorlauf. Dies ist auch in den Verträgen mit unseren Partnerorganisationen vor Ort so festgehalten.“ Die Kübel-Stiftung erhält einen Mittelabruf, wenn der vorherige weitestgehend verbraucht ist – „pro Projekt etwa vier bis fünf Transfers pro Jahr bei rund 70 Projekten“.

Zentrale Steuerung

Mehrere Dienstleister bieten hier ihren Service an. Die Karl-Kübel-Stiftung arbeitet bei den Transfers seit 2015 mit INTL FC Stone, einem an der amerikanischen Nasdaq notierten Finanzdienstleister, zusammen, der sich auf Risikomanagement spezialisiert hat und unter anderem ein Zahlungsverkehrsprodukt für Hilfsorganisationen anbietet. Über die Plattform des Unternehmens können heute vom Computer aus Beträge in 140 Währungen in 175 Länder geschickt werden. „Wir arbeiten inzwischen mit rund 800 Hilfsorganisationen und anderen gemeinnützigen Organisationen wie Stiftungen zusammen, davon rund 150 in Deutschland“, sagt Carsten Hils, der die weltweite Zahlungsabteilung leitet. Einen Schub habe die Zulassung dieses Produktes durch die Vereinten Nationen gebracht.

Die Übertragung über die elektronische Plattform bringt für die Organisationen mehrere Änderungen mit sich. In der Vergangenheit hätten die Partner und Mitarbeiter vor Ort das Geld meist selbst getauscht – dieser Schritt entfällt, wenn die Beträge in lokalen Währungen geschickt werden. Nicht jedem Mitarbeiter vor Ort gefalle das, weil ihm Verantwortung entzogen werde. Dennoch sieht Hils hier insgesamt Vorteile. „Nun sind die meisten Mitarbeiter der Organisationen vor Ort sicherlich altruistisch geprägt, aber nicht unbedingt Finanzleute“, sagt er. „Es war also nicht immer klar, dass sie den besten Kurs bekommen.“

Gewachsene Transparenz

Auch seien lokale Währungswechsel mitunter anfällig für Korruption. „Man muss sich das so vorstellen: Der Mitarbeiter vor Ort informiert sich zu Wechselkursen“, sagt Hils – und die meisten würden sicher den bestmöglichen Kurs wählen. „Aber dann kommt vielleicht eine Essenseinladung oder eine Mitgliedschaft im Country Club ins Spiel.“ Welcher Betrag am Ende genau in einem Projekt ankommt, bleibt in solchen Fällen unklar. Genau hier schauen aber Organisationen und ihre Spender seit einigen Jahren genauer hin: Sichtbarkeit darüber, wann wie viel Geld ankommt und wie hoch die Kosten für die Transaktionen sind, werden immer wichtiger.

Das System von INTL vergleicht Wechselkurse und greift auf ein Netzwerk von rund 300 Korrespondenzbanken zu – drei bis fünf pro Land, so Hils. Dadurch entstehe Wettbewerb. „Wir nehmen die Bank, die den besten Kurs und Service bietet“, sagt Hils. Die Kunden wissen von vornherein, wie viel Prozent es kosten wird – wenn überhaupt. Der Karl-Kübel-Stiftung etwa entständen keine Kosten, so Tepel. „In 99 Prozent der Fälle erheben wir keine Gebühr pro Transaktion, da wir unsere gesamten Einnahmen durch die Devisenmärkte erzielen“, sagt Hils. „Dies ermöglicht es uns, immer den vollen Betrag an den Empfänger zu zahlen und keine Gebühren vom Zahlungsbetrag abzuziehen.“

Auch Nachhaltigkeitsfaktoren spielen beim weltweiten Geldversand inzwischen eine Rolle. „Wir nehmen zum Beispiel keine Zahlungen von oder an Waffenhersteller, Glücksspielanbieter und ähnliche Akteure an. Das wäre mit der Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen nicht vereinbar“, sagt Hils.

Zuerst erschienen in DIE STIFTUNG 2/2020.

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