19.08.2019 | Von Die Stiftung

Stiftung Lesen: Streit um Amazon-Buchaktion

Die Stiftung Lesen will in Kooperation mit Amazon und den Handelsketten Thalia und Hugendubel eine Millionen Märchenbücher an Kinder verschenken. Doch die Geschenkaktion stößt nicht überall auf Gegenliebe: Die Verlagsgruppe Beltz trat als Reaktion aus dem Stifterrat der Stiftung Lesen aus.

Amazon Stiftung Lesen Geschenkaktion
Einblick in ein Logistikzentrum von Amazon bei Madrid. Der Onlinehändler stößt mit der geplanten Geschenkaktion auf Unmut. Foto: Álvaro Ibáñez, Wikimedia

Gemeinsam mit dem Online-Händler Amazon plant die Stiftung Lesen, eine Millionen Märchenbücher zu verschenken. Die Aktion ist für den Weltkindertag am 20. September angesetzt. Die Buchhandelsketten Thalia und Hugendubel haben zugesagt, die Gratisbücher zu verteilen. Das Märchenbuch soll einige klassische Märchen der Gebrüder Grimm enthalten, zudem sollen fünf weitere Märchen für das Buch geschrieben werden. Doch was zunächst nach einem philanthropischen Projekt klingt, stößt auch auf Kritik.

Beltz verlässt den Stifterrat

Die Kritik kommt vonseiten der Verlagsgruppe Beltz und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die beide bis vor kurzem dem Stifterrat der Stiftung Lesen angehörten. Amazon trat diesem zu Jahresbeginn ebenfalls bei. Dem Rat gehören laut Stiftungswebsite rund 60 Organisationen, Unternehmen und Personen an, die der Stiftung einen einmaligen Beitrag oder über einen längeren Zeitraum – mindestens jedoch drei Jahre – einen definierten Betrag spenden.

Die Geschenkaktion bezeichnet Beltz-Verlegerin Marianne Rübelmann im Börsenblatt als „einfachen und wenig phantasievollen großen Wurf“. Die Stiftung entferne sich mit dieser Aktion von ihrem Ansinnen, Aktionen zwischen Verlagen und Handel zu fördern. Der Beltz-Verlag trat als Reaktion auf die angekündigte Aktion aus dem Stifterrat der Stiftung Lesen aus.

Amazon im Verdrängungswettbewerb

Alexander Skipis ist Hauptgeschäftsführer der Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Der Verein mit Sitz in Frankfurt vertritt die Interessen von Verlagen und Buchhändlern in Deutschland. Skipis kündigte im Börsenblatt an, die Mitgliedschaft im Stifterrat überprüfen zu wollen. „Das Unternehmen, das sich nun plötzlich Leseförderung auf die Fahne schreiben will, ist ein Online-Konzern, dem es wohl vor allem um das Sammeln von Daten geht. Amazon will schlicht seine Strategie fortsetzen, Buchhandlungen und Verlage aus dem Markt zu drängen.“

Im Interview mit dem Deutschlandfunk nennt Skipis seine Einschätzung der Marktstrategie des Online-Händlers. „Das ist genau die Strategie, die Amazon fährt. Sie möchten gerne die Verlage und natürlich auch die Buchhandlungen vom Markt verschwinden sehen. Und deshalb ist es sehr bedauerlich, dass die Stiftung Lesen, deren Gründungsmitglied der Börsenverein war, sich praktisch zum Steigbügelhalter einer solchen Strategie macht.“

Nicht bloß Bücher verschenken

Auch die Aktion selbst kritisiert Skipis im Börsenblatt: Es helfe wenig, bloß Bücher zu verschenken. „Es ist entscheidend, den Zugang zu Büchern praktisch zu vermitteln, sonst verstauben die Bücher mit hoher Sicherheit in irgendeiner Ecke des Kinderzimmers.“ Um Spaß am Lesen sowie Lesekompetenz zu fördern, sei für eine solche Aktion entscheidend, den unabhängigen Buchhandel einzubinden.

In Bezug auf die Planung der Amazon-Aktion durch die Stiftung Lesen kritisiert Skipis: „Der Börsenverein und der unabhängige Buchhandel waren im Vorfeld zu keinem Zeitpunkt in das Projekt eingebunden.“ Es sei nicht das erste Mal, dass die Stiftung Lesen am Buchhandel vorbei plane. Man habe dies der Stiftung Lesen gegenüber angesprochen, um eine stärkere Einbindung des Buchhandels zu erreichen – dies sei aber ohne Erfolg geblieben.

Börsenverein will Mitgliedschaft überprüfen

In dieser Konsequenz wolle der Börsenverein jetzt die eigene Mitgliedschaft im Stifterrat überprüfen. Skipis dazu: „Das werden wir in Ruhe und unter Einbeziehung aller Argumente tun. Wir zahlen einen vergleichsweise niedrigen Beitrag für die Mitgliedschaft von 3.000 Euro jährlich. Wenn sich die Stiftung Lesen aber mit Aktionen wie der vorliegenden immer weiter vom Buchhandel entfernt, müssen wir überlegen, ob es diese Investition noch wert ist.“

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