22.07.2020 | Von Die Stiftung

Stiftung Sächsische Gedenkstätten: Siegfried Reiprich freigestellt

Der Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft ist mit sofortiger Wirkung freigestellt. Hintergrund sind Äußerungen Siegfried Reiprichs zu den jüngsten Ausschreitungen in Stuttgart auf Twitter.

Siegfried Reiprich
Siegfried Reiprich war fast elf Jahre lang Geschäftsführer der Stiftung, deren Vorstand die sächsische Kulturministerin Barbara Klepsch ist. Fotos: Steffen Giersch/Christian Hüller

Der Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, der frühere DDR-Bürgerrechtler Siegfried Reiprich, ist nach Äußerungen auf Twitter suspendiert worden. „Der Stiftungsrat missbilligt ausdrücklich die von Siegfried Reiprich auf Twitter geäußerten Aussagen. Sie widersprechen klar dem Sinn der Gedenkstättenarbeit“, zitiert der MDR die sächsische Kultusministerin und damit auch Vorsitzende der Stiftung Barbara Klepsch nach einer Sondersitzung des Stiftungsrates.

„Bundeskristallnacht oder Scherbennächtle?“

Nach den jüngsten Ausschreitungen in Stuttgart hatte Reiprich unter Verweis auf die im Nationalsozialismus verharmlosend „Reichskristallnacht“ genannten Novemberpogrome des Jahres 1938 geschrieben: „War da nun eine Bundeskristallnacht oder ‚nur‘ ein südwestdeutsches Scherbennächtle?“ In der Folge kritisierten etwa der sächsische FDP-Chef Frank Müller-Rosentritt den Vergleich der Stuttgarter Randale „mit dem Ermorden, Berauben und Deportieren Tausender Juden und Oppositioneller in der Pogromnacht“ als „zutiefst beleidigend und relativierend“.

Wiederholt in der Kritik

Reiprich hatte sich nach Kritik und Rücktrittsforderungen bereits von seinem Tweet distanziert, so der Spiegel:  Es sei „ungeschickt und ein Fehler“ gewesen. „Es war eine ironische Frage, die auch gefährlich provozierend war. Ich würde es so nicht mehr schreiben.“ Zugleich habe er aber auch unterschätzt, „wie groß das Erregungspotential und Skandalisierungsbedürfnis ist und wie intolerant das Meinungsklima“, so Reiprich, der in der Vergangenheit bereits durch Tweets aufgefallen war, etwa durch ein Zitat des verstorbenen Publizisten Peter Scholl-Latour: „Wir geraten in die Position einer bedrohten Minderheit.“ Reiprich fügte hinzu: „Wir Weißen, Kaukasier oder wie immer man es nennen will.“ Der Förderverein der Gedenkstätte Bautzen, warf Reiprich laut Spiegel „Sympathieäußerungen auch für die islamfeindliche Pegida-Bewegung vor“ und verlangte den Rücktritt.

Hinsichtlich der Stiftungsarbeit stand Reiprich laut MDR ebenfalls wiederholt in der Kritik. So hätten Opferverbände kritisiert, dass die Stiftung die Geschichte der NS-Zeit „nicht ausreichend abbilde und sich stattdessen um Verbrechen der DDR-Zeit kümmere“. Auch wurde Reiprich eine autoritäre Amtsführung vorgeworfen.

Bereits vor der Twitter-Causa hatte der 65-Jährige darum gebeten, sein Arbeitsverhältnis aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig zu beenden. Er wird die Stiftung im November nach knapp elf Jahren verlassen. Der Stiftungsrat dankte Reiprich laut Spiegel für dessen Verdienste und Tätigkeit. Der stellvertretende Geschäftsführer Sven Riesel werde ab sofort alle Aufgaben des Geschäftsführers übernehmen.

Interview zum Thema beim Deutschlandfunk mit dem Historiker Jens-Christian Wagner

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