26.01.2018 | Von Die Stiftung

Herr Angermann, was ist eigentlich die Fundamentalanalyse?

Die Fundamentalanalyse ist vor allem für Anleger mit einem langfristigen Anlagehorizont wichtig, wie dies typischerweise für Stiftungen der Fall ist. Aktuell sollte jede Stiftung eine Vorstellung davon haben, in welche Richtung sich das Zinsumfeld langfristig entwickelt.

Fundamentalanalyse Thomas Max Müller_pixelio.de
Bezogen auf Märkte steht bei der Fundamentalanalyse die Untersuchung des ökonomischen Umfelds im Vordergrund, bezogen auf einzelne Wertpapiere kommt die Analyse der ökonomischen Kennzahlen der Unternehmen oder Emittenten hinzu. Foto: Thomas Max Müller/pixelio.de

DIE STIFTUNG: Wer sich mit der Börse beschäftigt, stößt früher oder später wahrscheinlich auf die Fundamentalanalyse. Welches Fundament soll den da untersucht werden?
Axel D. Angermann: Es geht im Kern darum, den fairen Wert von Wertpapieren zu ermitteln. Bezogen auf Märkte steht die Analyse des ökonomischen Umfelds im Vordergrund, bezogen auf einzelne Wertpapiere kommt die Analyse der ökonomischen Kennzahlen der Unternehmen oder Emittenten hinzu. Ausgangspunkt ist die Vorstellung, dass die tatsächliche Wertentwicklung tendenziell in Richtung dieses fairen Werts verläuft. Da die Aktien eines börsennotierten Unternehmens dessen Marktwert und damit im Wesentlichen seine wirtschaftliche Substanz widerspiegeln, sollte sich der Wert einer Aktie aus den ökonomischen Kennzahlen dieses Unternehmens ableiten lassen. Für eine gewisse Zeit kann der Kurs zwar von den fundamentalen Faktoren entkoppelt sein, jedoch nicht auf Dauer.

DIE STIFTUNG: Widerspricht das Konzept der Fundamentalanalyse nicht der Markteffizienzhypothese?

Fundamentalanalyse Axel Angermann
Axel D. Angermann

Angermann: Ein fundamentalanalytischer Ansatz ist in der Tat nicht mit der Vorstellung vereinbar, dass in den Marktkursen jederzeit sämtliche relevanten Informationen enthalten sind. Die Praxis zeigt aber deutlich, dass diese Annahme nicht haltbar ist. Unterschiedliche Interpretationen vorhandener Informationen, die entsprechend unterschiedliche Konsequenzen haben, spielen dabei ebenso eine Rolle wie Verhaltensmuster der Anleger, wie sie etwa von der Verhaltensökonomik untersucht werden. Um ein Beispiel zu geben: Wir interpretieren die ökonomische Lage der USA und das Verhaltensmuster der Fed derzeit so, dass wir drei Zinsschritte im Jahr 2018 für wahrscheinlich halten, während der Markt lediglich mit einem Zinsschritt rechnet. Wer recht hat, werden wir erst Ende des Jahres 2018 wissen, aber die Erfahrung zeigt, dass keineswegs immer der Markt richtigliegt.

DIE STIFTUNG: Wie kann Stiftungen eine Fundamentalanalyse dienlich sein?
Angermann: Fundamentalanalysen sind vor allem für Anleger mit einem langfristigen Anlagehorizont wichtig, wie dies typischerweise für Stiftungen der Fall ist. Aktuell sollte jede Stiftung beispielsweise eine Vorstellung davon haben, in welche Richtung sich das Zinsumfeld langfristig entwickelt und von welchen Bestimmungsfaktoren dies abhängt. Ist auf längere Sicht ein Niedrigzinsumfeld das wahrscheinlichste Szenario, hat das Konsequenzen für die Anlagestrategie einer Stiftung. Die Auswahl alternativer Anlagemöglichkeiten mit höherem Ertragspotential bedingt wiederum eine genaue Analyse der einzelnen Anlagevehikel, um deren Risiken richtig einschätzen zu können.

DIE STIFTUNG: Was sind die größten Herausforderungen für eine gute Fundamentalanalyse, die der Entscheidungsfindung hilft?
Angermann: Voraussetzung ist zunächst einmal Unabhängigkeit. Weil Märkte dazu tendieren, bereits sehr frühzeitig künftige Entwicklungen einzupreisen, muss der Analyst versuchen, seinerseits die Zukunft zu antizipieren. Methodisch fundierte Prognosemodelle helfen dabei. Im aktuellen Umfeld besteht eine große Herausforderung darin, dass das „faire“ Zinsniveau durch die Geldpolitik der Notenbanken mehr oder weniger systematisch verzerrt wird.

DIE STIFTUNG: Wer führt eine Fundamentalanalyse durch – nur Experten oder auch einzelne Anleger?
Angermann: Im Prinzip kann dies jeder tun – die notwendigen Informationen sind ja allgemein zugänglich. Wie in anderen Lebensbereichen auch verfügen Experten aber über ein spezielles Fachwissen und vor allem über einen großen Erfahrungsschatz, der sich auch in größerer Effizienz der Informationsverarbeitung niederschlägt.

DIE STIFTUNG: Welche Auswirkungen hat die Finanzmarktrichtlinie MiFID II auf die Kosten für Fundamentalanalysen?
Angermann: Wertpapierfirmen dürfen nach MiFID II kein spezialisiertes Research mehr kostenfrei entgegennehmen. Die Wertpapierfirma kann die entstehenden Research-Kosten entweder aus eigenen Mitteln bezahlen oder die Kosten auf den Endkunden (also z.B. eine Stiftung) umlegen. Derzeit scheint sich das erste Modell durchzusetzen. Allgemeine Informationen wie Marktkommentare können auch künftig kostenfrei angeboten werden.

Zur Person: Axel D. Angermann ist Chef-Volkswirt Feri-Gruppe.

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