10.09.2015 | Von Die Stiftung

Herr Zitt, was sind eigentlich Divestments?

STIFTL: „Disintegration“ ist ein todtrauriges Album von The Cure. Und Mentos ist ein Kaubonbon, das Anfang der 1990er-Jahre Menschen auf die verrücktesten Ideen brachte, sobald sie zwei Stück davon gegessen hatten. Was aber sind Divestments?
Christoph J. Zitt: Unter „Divestments“ versteht man das Entfernen von Aktien , Anleihen oder anderen Vermögensanlagen aus einem Portfolio, basierend auf hauptsächlich ethischen, nicht-finanziellen Einwänden gegen die Geschäftsaktivitäten eines Unternehmens. Als Beispiel sei genannt, dass Unternehmen ernsthaft gegen Arbeits- oder Menschenrechte verstoßen und das Management sich dagegen sperrt, Maßnahmen zu ergreifen, um die Situation zu verbessern oder zu beheben. Ein weiteres Beispiel ist die aktuelle Fossile-Brennstoffe-Desinvestment-Kampagne, wo einige Bürgerinitiativen versuchen, Großinvestoren davon abzuhalten, in fossile Brennstoffe und Energieunternehmen zu investieren.

STIFTL: Was habe ich davon, wenn ich eine gut laufende Aktie abstoße, bloß weil der Emittent nicht auf meine Fragen geantwortet hat?
Zitt: Für uns ist Divestment nur das letzte Mittel, wenn unsere Bemühungen, uns mit dem Unternehmen auszutauschen, unbefriedigend verliefen. Wer für Investitionen allerdings spezifische Nachhaltigkeitskriterien anwendet und diese auch publik macht, muss entsprechend konsequent sein. Am besten sollten schon die Titel, in die Sie investieren, keine Kontroversen beinhalten, die ein Divestment auslösen könnten. Dennoch kann es vorkommen, dass ein Unternehmen die ESG-Kriterien nicht länger einhält oder seine Geschäftsaktivitäten erweitert, indem es ein anderes Unternehmen übernimmt, das in einem Bereich tätig ist, den Sie aus Ihrem Investmentuniversum ausgeschlossen haben, wie z.B. Atomenergie. Ein weiterer Grund könnte sein, dass ein Unternehmen beispielsweise in einem Problemland (z.B. Sudan) aktiv oder ernsthaft in Kontroversen verwickelt ist, die Menschenrechte betreffen. Letztlich bedeutet ein Divestment aber nicht, dass der Dialog mit dem Unternehmen aufhört.

STIFTL: Was mache ich am Tag, nachdem ich etliche Titel verkauft und nun sehr viel Liquidität auf dem Konto habe?
Zitt: Diese Vorgehensweise kann ich Stiftungen nicht empfehlen. Eine Stiftung muss nicht stets wie ein Portfoliomanager voll investiert sein, aber Cash ist vor allem derzeit die vermutlich schlechteste Anlagealternative. Wenn eine Stiftung alles verkaufen möchte, braucht sie Alternativen, die bessere nachhaltige, ethische oder finanzielle Charakteristika aufweisen.

STIFTL: Und was sage ich nun meinem Vorstand?
Zitt: Divestments sind eine schöne Idee, aus der in Teilen auch schon eine kraftvolle Bewegung geworden ist. Für mich berauben sich Stiftungen aber damit der Möglichkeiten, Einfluss auf ein Unternehmen zu nehmen. Verantwortungsbewusste Vorstände hören auf ihre Aktionäre, nur welchen Einfluss habe ich, wenn ich keine Aktien habe? Stiftungen können Verantwortung übernehmen, und als Aktionär, entweder direkt oder indirekt als Investor in einen Fonds, haben sie auch das Werkzeug dazu in der Hand.

Christoph Zitt

Der zertifizierte Stiftungsberater Christoph J. Zitt ist Senior Sales Director beim Asset-Manager NN Investment Partners und fungiert dort als Ansprechpartner für Stiftungen.

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