06.05.2015 | Von Die Stiftung

Herr Schemken, was heißt eigentlich Sharpe-Ratio?

STIFTL: Richard Sharpe ist der Held unzähliger historischer Romane von Bernard Cornwell. Und Ratio ist ein großes Einkaufszentrum. Was aber ist Sharpe-Ratio?
Thomas Schemken: Das lateinische Wort ratio bedeutet Berechnung, Erwägung oder Vernunft. Dass neben der Emotion vor allem die Vernunft eine relevante Entscheidungsgrundlage für den Kauf von Waren sein sollte, hat sich die Handelsgesellschaft bei ihrer Namensgebung bestimmt auch gedacht. Wenn man also vernünftige Vergleiche für Dinge des täglichen Lebens anstellt, dann sollte eine solche Vorgehensweise auch bei den Finanzanlagen gelten. Hier kommt der Namensvetter des Romanabenteurers Sharpe jedoch mit dem Vornamen William ins Spiel. Er hatte sich als Wirtschaftswissenschaftler Strategien ausgedacht, wie er bei Kapitalanlagen neben den Erträgen auch die damit verbunden Risiken besser einschätzen kann. Dazu hat er die sogenannte Sharpe-Ratio entwickelt. Das ist eine Kennzahl, die die Überrendite einer Geldanlage pro Risikoeinheit misst. Für die Berechnung wird zunächst die Verzinsung einer risikolosen Anlage (Geldmarktsatz) von der Rendite des Fonds abgezogen. Die verbleibende Rendite wird durch das eingegangene Risiko (gemessen als Standardabweichung) geteilt. Je mehr Ertrag ein Fonds also pro Risikoeinheit erwirtschaftet, desto besser werden die Anleger für das Risiko entlohnt. Es ist jedoch zu beachten, dass die Aussagekraft der Sharpe-Ratio bei negativen Renditewerten leidet.

STIFTL: Was sagen Fondskennzahlen überhaupt aus?
Schemken: Einige Kennziffern der Fondsanalyse dienen dem Anleger als Orientierung. Neben der Sharpe-Ratio lohnt sich ein Blick auf das Beta. Ein Beta-Faktor größer 1 signalisiert eine stärkere Reagibilität des Fonds als die des Marktes respektive des Vergleichsindexes, was in Auf- oder Abwärtsphasen von Bedeutung sein kann. Ebenfalls sind die Schwankungsbandbreiten (Volatilität) um den Mittelwert ein Barometer für die Nervosität eines Fonds. Und nicht zuletzt das Alpha, das die Leistung beschreibt, die über die allgemeine Marktentwicklung hinausgeht. Schließlich noch der Maximum Drawdown, der den maximalen Verlust innerhalb einer betrachteten Periode als prozentuale Größe darstellt.

STIFTL: Welche Fondskennzahl ist für Stiftungen die relevanteste?
Schemken: Dies lässt sich nicht so einfach sagen, weil Stiftungen möglicherweise auf unterschiedliche Aspekte Wert legen. Geht es um Wertentwicklung und Risiken oder um die Beurteilung von Fondsmanagern, den Vergleich zur Benchmark, die risikoadjustierte Performance oder ein Fondsranking? Es würden dabei durchaus unterschiedliche Fondskennzahlen zum Einsatz kommen. Jedenfalls zählen die vorgenannten dazu.

STIFTl: Was sage ich nun meinem Vorstand?
Schemken: Bei allen Anlageentscheidungen sollten Überlegungen zu latenten Risiken nie außer Acht gelassen werden. Auf der Stufe der Produkt-/Fondsauswahl sowie der Selektion von Managern ist der risikoadjustierte Vergleich der Wertentwicklung z.B. mit Hilfe der Sharpe-Ratio ein absolut wichtiges Beurteilungskriterium.

 

schemkenThomas Schemken ist Geschäftsführer der PC Portfolio Consulting GmbH, bei der er den Stiftungsbereich verantwortet. Das Unternehmen wurde 1994 als eines der ersten Multi Family Offices in Deutschland gegründet.

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