06.04.2018 | Von Die Stiftung

Waqf ist arabisch und heißt Stiftung

Schon seit einigen Jahren sind in allen arabischen Ländern intensive Bemühungen zu beobachten, den tief in der islamischen Kultur verwurzelten Waqf wiederzubeleben – als Ausdruck der jedem Muslimen aufgegebenen Wohltätigkeit und, um Familienvermögen zusammenzuhalten.

Waqf
Von der Küste des Roten Meeres bis zum Persischen Golf erstreckt sich der Wüstenstaat Saudi-Arabien, in dem die tief in der islamischen Kultur verwurzelten Waqf wiederbelebt werden sollen. Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de

Ein Bericht vom Forum for International Awqaf Practices in Dammam, Saudi-Arabien, am 1. April 2018 von Rupert Graf Strachwitz.

Da Saudi-Arabien zu den wohlhabendsten Ländern der Welt gehört, liegt die Vermutung nahe, dass sich auch dort ein Stiftungswesen entwickelt, zumal es dafür im Islam eine uralte und sehr reiche Tradition gibt. Awqaf (Einzahl: Waqf), so der arabische Ausdruck für Stiftungen, sind spätestens seit der Zeit von ʿUthmān ibn ʿAffān, dem 3. Kalifen und Schwiegersohn Mohammeds, im 7. Jahrhundert nach Christus nachweisbar. Ein damals gegründeter Waqf besteht heute noch. Auf einer Konferenz in Istanbul hatte ich 2013 einen Vortrag vor rund 200 Teilnehmern aus allen islamischen Ländern halten dürfen.

Waqf aus der Mode gekommen

Dort hatte ich gelernt, dass der Waqf aus vielen Gründen ab dem 19. Jahrhundert aus der Mode gekommen war. Enteignungen, Rechtsunsicherheit, Eingriffe verschiedener Kolonialmächte, aber auch Einwendungen aus volkswirtschaftlicher Sicht gegen die Herrschaft der toten Hand und eine weit verbreitete Verarmung hatten zu seinem Niedergang geführt.

Interesse an Austausch wächst

Heute erleben wir ein kräftiges Wiederaufleben dieser alten Idee, verbunden mit einem großen Interesse an einem Austausch dazu – mit den USA, noch mehr aber mit Europa. Mehrfach hatten seit 2011 saudi-arabische Delegationen das Maecenata-Institut besucht. 2013 hatte ich per Video-Botschaft zu einem saudi-arabischen Publikum gesprochen. Nun war ich eingeladen, in Dammam den Eröffnungsvortrag bei einer Konferenz zu halten, an der vor allem Stifter und deren Familien, aber auch Akademiker und Berater teilnahmen. Außer einem in Dubai lebenden, auf Trusts spezialisierten australischen Rechtsanwalt war ich der einzige Ausländer. Durch den Besuch des stellvertretenden Gouverneurs der Provinz, Prinz Ahmed bin Fahad bin Salman, war die Bedeutung der Konferenz für alle augenfällig.

Mein Ansatz, dass die europäische Stiftung und der islamische Waqf nicht nur historisch die gleiche Wurzel haben, sondern auch konzeptionell und in vielen Einzelheiten auf den gleichen Grundlagen beruhen, wurde durch die zahlreichen Nachfragen und Diskussionsbeiträge bestätigt. Ein Unterschied ist dagegen, dass zwischen einer Familienstiftung und gemeinnützigen Zielen nicht scharf getrennt wird. Da es bislang (im Gegensatz zu anderen islamischen Ländern) noch kein kodifiziertes Stiftungsrecht und kein Gemeinnützigkeitsrecht gibt, bleibt die Frage, welche Ziele wie verfolgt werden, weitestgehend jedem Stifter überlassen. Das soll sich in absehbarer Zeit ändern. Eine zentrale Verwaltungsbehörde für staatlich verwaltete Stiftungen ist gegründet, eine Aufsichtsbehörde ist in Gründung. Nach nachahmenswerten Beispielen für Stiftungsgesetze wird sowohl in den angrenzenden arabischen Ländern als auch in Europa gesucht.

Öffentlicher Diskurs gestartet

Begleitet wird der Aufschwung schon jetzt von intensiven Diskussionen, sowohl in privaten Zirkeln, als auch beispielsweise in einem Zentrum für Non-Profit-Fragen, das vor einiger Zeit an der örtlichen König-Fahd-(Elite-)Universität eingerichtet und dank großzügiger Stiftungsgelder hervorragend ausgestattet wurde. Neben der Konferenz und einem Besuch dort hatte ich an den vier Tagen meines Aufenthaltes insgesamt acht weitere Termine, zum Teil unter vier Augen, zum Teil in größeren, meist familiär zusammengesetzten Runden. Die Gastfreundschaft war landesüblich großzügig, aber hinsichtlich der Intensität und Qualität der Fragen wurde dem Gast nichts geschenkt.

Es mag sein, dass dies alles auch den Führungsanspruch des Landes in der arabischen Welt unterstreichen soll. Ganz gewiss passt sich das Thema in die „Vision 2030“ ein, die der Kronprinz ausgerufen hat und in der private Initiativen eine herausragende Rolle spielen sollen. In jedem Fall lohnt es, den Austausch mit diesem größten der arabischen Länder auch auf diesem Gebiert weiter zu pflegen.

Zum Autor: Rupert Graf Strachwitz ist Vorstandsvorsitzender der Maecenata-Stiftung und regelmäßiger Kolumnist des „Kritischen Blicks“ im Magazin DIE STIFTUNG.

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