Wie hoch ist in Deutschland die Chancengleichheit? Wenn man die OECD-Studie des Jahres 2021 grob in eine Schulnote umrechnet, käme dabei vielleicht eine gute Vier, also „ausreichend“ heraus: Von den 28 untersuchten Ländern liegt Deutschland auf Platz 19. Wobei das schlichte Adjektiv „ausreichend“ fast verharmlosend klingt. Die Aussage hinter den Zahlen lautet eigentlich: Die soziale Herkunft entscheidet in Deutschland noch immer maßgeblich über den Bildungserfolg eines Kindes.
Das weist auch der regelmäßig erscheinende Hochschulbildungsreport des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft nach, dessen letzte Ausgabe im Jahr 2020 veröffentlicht wurde: Nur 27 Prozent der Grundschüler aus einem Nichtakademikerhaushalt beginnen später ein Studium, bei Akademikerkindern sind es 79 Prozent. Obwohl 71 Prozent der Schüler in Deutschland aus Nichtakademikerhaushalten kommen, sind es unter allen Studierenden nur 48 Prozent. Die größten Hürden auf dem Bildungsweg, so folgert es der Report des Stifterverbandes, sind der Übergang zu einer hochschulberechtigenden Schule und der darauffolgende Wechsel an eine Hochschule.
Wie geht Uni?

Genau das hat auch Katja Urbatsch in ihrer eigenen Biographie erfahren. Die 44-Jährige ist Gründerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen GmbH Arbeiterkind.de, die Schüler aus Familien ohne Hochschulerfahrung ermutigt, als Erste in ihrer Familie zu studieren. Urbatsch selbst stammt aus einer Nichtakademiker-Familie aus Ostwestfalen. Ein Studium habe sie für sich erst mal nicht in Erwägung gezogen. „Wir wurden an der Schule nur über Ausbildungsberufe informiert, unabhängig von unseren schulischen Leistungen“, erinnert sie sich. „Wenn man niemanden näher kennt, der studiert hat, dann kommt man oft erst mal gar nicht auf die Idee, dass das eine Möglichkeit wäre.“
Dass sie doch den Weg an die Hochschule ging, hing mit ihrem ersten Berufswunsch zusammen: Journalistin. „Ich habe als Schülerin mehrere Praktika bei lokalen Medien gemacht und dort die Kolleginnen und Kollegen gefragt: Was muss ich machen, um bei euch zu arbeiten? Die meisten sagten: Heutzutage muss man dafür studieren.“ Tatsächlich schrieb sie sich nach dem Abitur 1999 an der Freien Uni Berlin für Nordamerikastudien, Betriebswirtschaftslehre und Kommunikationswissenschaft ein. Doch es blieben Hürden. „Arbeiterkinder neigen dazu, sich an der Hochschule fehl am Platz zu fühlen“, sagt Katja Urbatsch. „Sie stellen ihre Leistungsfähigkeit schnell in Frage. Hinzu kommen Unsicherheit und Unwissen über die Finanzierung – wie geht BAföG und welche Stipendien gibt es? – und nicht selten auch Unverständnis in der eigenen Familie.“
Trotz dieser Hürden schloss Katja Urbatsch ihr Studium 2006 ab – ohne einen Plan zu haben, was danach passieren sollte. „Das Studium zu machen, als Erste in meiner Familie, war so eine große Sache für mich, dass ich überhaupt nicht darüber hinausdenken konnte“, sagt sie heute. Auf Anraten einer Professorin trat sie eine Stelle an einem Graduiertenzentrum der Uni Gießen an, wo sie für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig war und zu promovieren begann. Parallel dazu startete sie in ihrer Freizeit die Website www.arbeiterkind.de. Dabei ging es ihr zunächst um eine reine Informationssammlung, die Idee dazu hatte sie schon während des Studiums. „Ich wollte dort die Informationen bündeln, die mir selbst als Schülerin und Studentin gefehlt haben“, sagt sie. Also: Wo finde ich Beratung, ob ein Studium für mich das Richtige ist? Wie kann ich mich finanzieren? Was mache ich, wenn ich mich an der Hochschule fehl am Platz fühle?
Das Projekt war ein Überraschungserfolg, die Initiative war schnell in den großen Medien, immer mehr Interessierte meldeten sich. „Ich dachte damals, das sei nur ein Hype, der schnell wieder vorbei ist. Doch dann ist Arbeiterkind.de immer größer geworden“, sagt Urbatsch. Der entscheidende Schritt zur Professionalisierung geschah 2009: Da bekam Urbatsch von Ashoka Deutschland ein Fellowship für Sozialunternehmerinnen, um sich voll auf den Aufbau konzentrieren zu können.
Eine offene Gemeinschaft
Heute ist Katja Urbatsch hauptberuflich Geschäftsführerin der gemeinnützigen GmbH. Neben ihr arbeiten rund 30 Mitarbeiter bei der Organisation, die sich auf das Bundesbüro in Berlin und elf Regionalbüros in ganz Deutschland verteilen. Die Organisation hat ein Gesamtbudget von rund 2,5 Millionen Euro, das sich aus verschiedenen Töpfen speist. Dazu gehören Fördermittel des Bundesbildungsministeriums und verschiedener Bundesländer, Zuwendungen von Stiftungen und Spenden.
Das Herzstück von Arbeiterkind.de ist für Katja Urbatsch die Community ihrer inzwischen mehr als 6.000 ehrenamtlichen Mitglieder, die sich über ganz Deutschland auf 80 lokale Gruppen verteilen. Die Gruppen sind selbstorganisiert, sie gehen auf Bildungsmessen und machen Schulbesuche ab der 9. und bis zur 13. Jahrgangsstufe sowie an Berufsschulen. Dort erzählen sie den Schülern ihre eigenen Bildungsbiographien und beantworten Fragen rund um das Studium. „Wir gehen zu unserer Zielgruppe hin“, sagt Katja Urbatsch. Dieser Impuls von außen sei sehr wichtig. „Um selbst aktiv nach Informationen zu suchen, braucht man ja erst mal ein Bewusstsein dafür, dass die Möglichkeit eines Studiums besteht – und genau das haben viele Arbeiterkinder nicht.“
In jeder der lokalen Gruppen gibt es Ehrenamtliche, die die Arbeit federführend begleiten, allerdings geht es weniger um Wissensvermittlung als um Erfahrungsaustausch, die Rollen sind fließend. Die Gruppen sind offen, man muss sich nicht voranmelden, es gibt keine Zugangsbeschränkung. „Mir war es immer wichtig, breit aufgestellt zu sein“, sagt Urbatsch. „Wir wollen möglichst viele Menschen erreichen und bedarfsorientiert Hilfe leisten.“ Das gilt für alle Formate der Organisation, von der Gruppe bis zum Einzelcoaching, und für alle Stationen entlang des Weges von der Schule an die Uni, durch das Studium und später für den Berufseinstieg.
„Wir sind quasi das Kaufhaus unter den Angeboten: Bei uns gibt es alles“, sagt Katja Urbatsch lachend. Diese breite Aufstellung führt sie auf den frühen Gründungszeitpunkt zurück, Arbeiterkind.de feiert im Jahr 2023 15-Jähriges. „Als wir angefangen haben, gab es noch ganz wenige Angebote dieser Art, da gab es überall Bedarf“, sagt sie. Inzwischen sind viele andere Player hinzugekommen, die die Arbeiterkind.de-Gründerin zum Teil beraten und unterstützt hat. Viele der neuen Organisationen konzentrieren sich auf ein bestimmtes Teilproblem, wie etwa der eingetragene Verein ApplicAid, der Menschen in Ausbildung bei der Bewerbung um Stipendien unterstützt, oder das Aelius-Förderwerk e.V. – bei beiden Organisationen sitzt Katja Urbatsch im Beirat.
Soziale Herkunft erledigt sich nicht

Auch Natalya Nepomnyashcha hat sich mit dem von ihr gegründeten Netzwerk Chancen gemeinnützige UG (haftungsbeschränkt) auf ein konkreteres Teilproblem der Bildungsgerechtigkeit fokussiert, genauer: auf einen späteren Lebensabschnitt. Das Netzwerk hilft Menschen zwischen 18 und 39 Jahren aus nichtakademischen oder finanzschwachen Familien, herkunftsbedingte Nachteile beim Eintritt ins und auch während des Berufslebens zu überwinden. Etwa die Hälfte der bisher 2.000 Geförderten sind in Ausbildung, die andere Hälfte sind Professionals, so Nepomnyashcha. „Viele Angebote für Chancengleichheit richten sich an Kinder und Jugendliche. Für Menschen, die am Ende des Studiums oder auch schon im Berufsleben stehen, gibt es kaum Angebote – diese Lücke wollten wir füllen.“
Wenn man es geschafft hat, ein Studium zu absolvieren, oder sogar schon im Berufsleben steht – ist Chancengleichheit dann überhaupt noch ein Thema? Diese Frage hört Natalya Nepomnyashcha oft. „Es geht um Herkunft, nicht um Status“, sagt sie nachdrücklich. „Soziale Herkunft erledigt sich nicht – sie begleitet uns das gesamte Leben.“
Das bestätigt auch eine repräsentative Studie, für die die Boston Consulting Group (BCG) im Februar 2023 insgesamt 1.125 Berufstätige aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu ihren Karrierewegen befragt hat. Die herkunftsbedingte Lücke verkleinert sich zwar im Lauf der Karriere, ganz schließen können die in der Studie sogenannten First-Generation Professionals sie jedoch nicht. First-Gens, so die Kurzform, bleiben schlechter informiert, sie können weniger gut auf Augenhöhe kommunizieren und tun sich schwerer, Kontakte in ihrer Firma zu knüpfen. Die stärkste Lücke identifiziert die Studie beim Thema Netzwerk: Nur ein Drittel der Arbeiterkinder gab an, dass sie beim Berufsstart Zugang zu wichtigen Kontakten hatten. Bei den Kollegen aus Akademikerhaushalten war dieser Anteil mit 61 Prozent fast doppelt so hoch.
Diese Erfahrungen machte auch Natalya Nepomnyashcha. Sie wurde 1989 in Kiew geboren, mit elf kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie absolvierte die Realschule, doch trotz guter Noten traute ihr niemand das Abitur zu. Sie schloss zwei Ausbildungen ab, zur Fremdsprachenkorrespondentin und zur Übersetzerin, die in England als Bachelor anerkannt wurden, so dass sie dort einen Master in internationaler Politik machen konnte. Als sie wieder in Deutschland war, bewarb sie sich für einen Job im politischen Umfeld – und kassierte 80 Absagen. „Ich hatte keine Ahnung, dass du in der Politik das richtige Netzwerk brauchst und Praktika, um einen Fuß in die Tür zu bekommen“, sagt sie heute.
Nicht jeder kann Ehrenamt
2016 beschloss sie mit Mitte 20, eine Anlaufstelle zu gründen für Menschen, die von den gleichen Nachteilen betroffen sind, wie sie selbst es war. Das Netzwerk Chancen unterstützt junge Erwachsene aus Nichtakademikerfamilien mit Mentorings, Workshops und Job-Kontakten. Alle zwei Wochen informiert die Initiative ihre Mitglieder mit einem Newsletter über verschiedene Angebote, von Events über Mentoring-Tandems bis zum Einzelcoaching, zu denen sich die Mitglieder dann kostenfrei anmelden können.
Dabei arbeiten die rund 150 Coaches und mehr als 1.000 Mentoren pro bono für das Netzwerk, genau wie mehr als 40 feste ehrenamtliche Teammitglieder – und der Auswahlprozess ist durchaus streng. „Nur etwa zehn Prozent der Interessierten schaffen es auch wirklich ins Ehrenamt“, sagt Natalya Nepomnyashcha. Unter anderem müssen sie eine Probeaufgabe absolvieren, um die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens nachzuweisen. „Unsere festen ehrenamtlichen Teammitglieder werden von uns gut ausgebildet. Wir freuen uns über jeden, aber wir erwarten auch etwas“, sagt die Gründerin. „Diejenigen, die das dann auch wirklich kontinuierlich machen, sind nicht viele.“ Das Kernteam der Initiative besteht heute aus acht Hauptamtlichen. Nepomnyashcha selbst arbeitet immer noch ehrenamtlich für die Initiative. Im Hauptberuf ist sie inzwischen bei der Wirtschaftsprüfung EY tätig, parallel dazu investiert sie etwa fünf Stunden pro Woche in die Tätigkeit beim Netzwerk Chancen.
Insgesamt stehen dem Netzwerk pro Jahr Mittel im mittleren sechsstelligen Bereich zur Verfügung. Nachdem es in den ersten drei Jahren rein ehrenamtlich organisiert war, stieg 2019 die vier Jahre zuvor gegründete Heinz-und-Lieselotte-Nehring-Stiftung als erste große Unterstützerin ein. „Die Verantwortlichen der Nehring-Stiftung haben an uns geglaubt und uns unsere ersten zwei hauptamtlichen Teilzeitstellen finanziert“, sagt Natalya Nepomnyashcha. Inzwischen sind weitere Unterstützer hinzugekommen, wie die Joachim-Herz-Stiftung, der Ford Motor Company Fund und die BNP-Paribas-Stiftung, die gemeinsam etwa die Hälfte der Mittel stellen. Hinzu kommt ein relativ kleiner Posten an Privatspenden. Den dritten großen Block erlöst die Initiative über Kooperationen mit Partnern aus der freien Wirtschaft. Sie können beispielsweise Events begleiten oder hosten, direkt nach Talenten suchen lassen oder auch Kandidaten für Mentoring-Paare stellen und so interessante potentielle Bewerber identifizieren und auf sich aufmerksam machen.
Dass eine solche Positionierung für Unternehmenspartner immer attraktiver wird, liegt zum einen am Fachkräftemangel, aber auch am wachsenden Bewusstsein für die Vorteile sozialer Diversität in Unternehmen. „Der Bildungshintergrund als Diversitätsdimension ist für viele Unternehmen ein blinder Fleck“, sagt BCG-Studienautor Sebastian Ullrich, selbst Hochschulabsolvent in der ersten Generation. „Arbeiterkinder nicht zu fördern oder sie gar nicht erst einzustellen, bedeutet verschenktes Potential.“ Für Unternehmen lohne es sich, Erstakademiker zu unterstützen, sie seien stärker intrinsisch motiviert und um 32 Prozent loyaler gegenüber dem Unternehmen als ihre Kollegen aus Akademikerhaushalten. Natalya Nepomnyashcha, die sich mit dem Netzwerk Chancen schon sehr früh dafür eingesetzt hat, dass soziale Herkunft als Diversity-Faktor anerkannt wird, hat bei der Partnergewinnung also alle Argumente auf ihrer Seite.
Zwei von hundert
Öffentliche Gelder bezieht das Netzwerk Chancen nicht. „Wir haben noch nie staatliches Geld beantragt“, sagt Natalya Nepomnyashcha, für dieses bürokratische Prozedere hätten sie als Team keine Kapazitäten. Ganz anders ist das bei Katja Urbatsch, die einen festen Bestandteil der Mittel bei Arbeiterkind.de aus Fördergeldern bezieht. „Das hat auch mit unserem jeweiligen Hintergrund zu tun“, sagt Urbatsch. „Ich komme von der Uni, meine erste Stelle war in einem Exzellenzprojekt, da sind Anträge an der Tagesordnung.“ Auch bei der Auswahl von Coaches und Ehrenamtlichen verfolgt sie eine andere, offenere Strategie als Natalya Nepomnyashcha, ebenso bei der unterschiedlichen Bandbreite der Angebote beider Organisationen. Dafür, hier nachzuschärfen, sieht Katja Urbatsch keine Notwendigkeit.
Als alte Häsin im Kampf um Chancengleichheit sieht Katja Urbatsch in der Verschiedenheit der Organisationen kein Problem, im Gegenteil. Sorgen, dass die Organisationen sich bei Partnern, Mentoren oder Ehrenamtlichen Konkurrenz machen könnten, hat sie keine: „Je mehr Menschen und Organisationen sich um das Thema kümmern, umso besser.“ Außerdem ergeben sich so auch immer neue Möglichkeiten für Kooperationen, wie sie beide Organisationen, auch miteinander, häufig praktizieren. Katja Urbatsch ist Optimistin, die für sich selbst in Anspruch nimmt, was sie auch den Hilfesuchenden mitgibt. „Einer meiner Professoren hat mal zu mir gesagt: Oben ist immer Platz. Ich habe das lange nicht geglaubt, aber es stimmt einfach.“ Ihre 2007 begonnene Promotion zum Thema „Geld im amerikanischen Roman“ will sie noch dieses Jahr abschließen. Dann wäre sie statistisch einer von zwei Menschen aus einer Gruppe von 100 Nichtakademikerkindern, denen das gelingt.
Stefan Dworschak ist Chefredakteur von DIE STIFTUNG. Zuvor war er nach einem Magisterstudium der Anglistik, Philosophie und Romanistik mit sprachwissenschaftlichem Schwerpunkt an den Universitäten Heidelberg und Sheffield in der Mantel- sowie Lokalredaktion einer Tageszeitung tätig.

