19.03.2013 | Von Die Stiftung

Auch der Nahost-Konflikt kennt einen Alltag

In der israelischen Negev-Wüste leben die Beduinenstämme immer noch unter einfachsten Bedingungen. Sie haben keinen Strom, kein fließendes Wasser und keine sanitären Anlagen, viele von ihnen sind Analphabeten. Es ist üblich, dass die Männer drei oder vier Frauen geheiratet haben, 40 Kinder sind keine Seltenheit. Die SOS-Kinderdörfer haben für die jungen Beduinen eine Schule gebaut. Doch diese steht leer. Denn die Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder gemeinsam mit denen aus verfeindeten Stämmen lernen. Doch immerhin sind die Frauen nun bereit, ihre Kinder in Krankenhäusern zur Welt zu bringen, was die Kindersterblichkeit erheblich reduziert hat.

Solche Eindrücke vom Heiligen Land bekommt, wer Reuven Barak als seinen Reiseführer ausgewählt hat, bestätigen mehrere Besucher im Haus der SOS-Kinderdörfer weltweit. Der Israel-Beauftragte des bekannten Sozialwerks referierte vor insgesamt 25 Gästen zur Arbeit der Organisation in Israel und Palästina, wo drei Dörfer ihren Sitz haben. Eines im palästinensischen Bethlehem, die beiden anderen – Megadim und Neradim – auf israelischem Gebiet. Deren Namen sind dem Hohen Lied entlehnt.

Wie der Alltag dort aussieht, dokumentiert aktuell eine Fotoausstellung im Haus. Die Kinder waren eingeladen, ihr Leben mit Einwegkameras zu dokumentieren. Die Szenen waren zum Teil so trivial, dass die anleitenden Fotografen Zweifel hatten, ob die Bilder überhaupt repräsentativ sind. Aber so sieht das Leben in einem Land voller politischer Konflikte eben auch aus: Essen, Abspülen, Treffen mit Freunden, das Zimmer aufräumen, sich hin und wieder von allem zurückziehen und ab und zu mit der Dorfpsychologin spielen – gemeint ist eine Schäferhündin in Neradim.

Bisweilen gelingt es den SOS-Kinderdörfern sogar, den Nahost-Konflikt punktuell zu entschärfen, wie Karien Bruynooghe, Stiftungsreferentin der SOS-Tochter Hermann-Gmeiner-Stiftung, berichtet. So kam es in Innsbruck bei einer Veranstaltung des Dachverbandes zu einer Begegnung zwischen einem Dorfleiter auf palästinensischem (Bethlehem) und einem auf israelischem Gebiet (Megadim). „Sie haben sich den ganzen Tag gemieden und wir hatten große Angst, dass ein Konflikt ausbrechen könnte“, erzählt die Stiftungsreferentin. „Als sie beim Abendessen zufällig nebeneinander saßen, bemerkten allmählich beide, wie viel sie gemeinsam hatten und prosteten sich schließlich sogar zu. Es war einfach jeder von ihnen dazu erzogen worden, den anderen als Feind zu sehen.“

Gregor Jungheim

SOS Kinderdörfer weltweit / Hermann-Gemeiner-Stiftung

hgs@sos-kd.org

www.sos-kinderdoerfer.de

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