03.04.2014 | Von Die Stiftung

Betriebsausflug in den Dritten Sektor

Corporate Volunteering, der ehrenamtliche Einsatz von Mitarbeitern eines Unternehmens, ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Doch damit sowohl gemeinnützige Organisationen als auch die teilnehmenden Unternehmen profitieren braucht es noch mehr Professionalisierung. Ein Feature zur aktuellen Situation in Deutschland.

Klack, klack. Klack, klack. Mit zwei Handgriffen baut Michael Fischer, Auszubildender zum Hotelkaufmann der Hotelkette Golden Leafs – und heute Helfer für einen Tag bei der Münchner Tafel –  die grünen Transportkisten zusammen. Mit den nächsten Handgriffen schichtet er eine Ladung Kopfsalate hinein. „Es ist schön, das Gefühl zu haben, etwas Sinnvolles zu tun und damit jemandem zu helfen“, sagt er lächelnd. Zweieinhalb Paletten Obst und Gemüse packt der Rentner Johannes gemeinsam mit ihm in den kleinen LKW der Münchner Tafel. Nur sein Kollege, mit dem er gemeinsam morgens um 7:30 Uhr zu diesem Schnuppertag an der Münchner Großmarkthalle kam, ist nicht zu sehen. „Das Hotel hat uns gesagt, dass sich die Azubis aus den verschiedenen Hotels durch die gemeinsame Arbeit kennenlernen sollen“, erzählt Fischer. Doch bereits fünf Minuten nach Beginn ihres ehrenamtlichen Einsatzes wurden die beiden jungen Männer für den Rest des Tages getrennt.
von Jennifer E. Muhr

 

Leider ist das kein Einzelfall. Beim ehrenamtlichen Einsatz von Mitarbeitern eines Unternehmens, Corporate Volunteering genannt, kommt es immer wieder zu Missverständnissen zwischen Unternehmen und Non-Profit-Organisationen. „In über 70% der Fälle entsteht keine Situation, von der beide Seiten profitieren“, schätzt Giulia Roggenkamp, Gründerin des Beratungsunternehmens European Nonprofit Advisors. Dabei ließe sich das Problem einfach lösen: Durch eine professionelle Begleitung, wie sie Roggenkamp mit ihrem Unternehmen anbietet.

Obwohl das Interesse deutscher Unternehmen am Corporate Volunteering stetig wächst, fehlt es hierzulande noch an Erfahrung. „Die ersten Firmen, die uns Freiwillige geschickt haben, waren amerikanische“, erinnert sich Johannes von der Münchner Tafel. Was im angloamerikanischen Raum bereits lange bekannt ist, setzte sich hier erst allmählich durch. Inzwischen hat sich das stark geändert: Beinahe drei Viertel der Unternehmen in Deutschland erachten es für wichtig, ehrenamtliches Mitarbeiterengagement zu fördern. Rund 70% der Mitarbeiter erwarten, bei ihrem Einsatz für die gute Sache von Unternehmensseite unterstützt zu werden. Zu diesen Ergebnissen kommt im April 2011 die gemeinsame Studie „Corporate Volunteering in Deutschland“, von Roland Berger Strategy Consultants GmbH und der American Chamber of Commerce in Germany e.V.

Michèle Rotter vom Bereich Unternehmensengagement der Stiftung Gute-Tat.de ist überzeugt, dass gute Planung die Voraussetzung ist, damit beide Seiten profitieren. Im Vorfeld müsse genau abgeklärt werden, was sich die Firma für ihre Mitarbeiter vorstellt und welcher NPO man damit helfen könnte.

Die Münchner Tafel sammelt Lebensmittelspenden in München und Umgebung und gibt sie an Bedürftige aus.
Die Münchner Tafel sammelt Lebensmittelspenden in München und Umgebung und gibt sie an Bedürftige aus.

Bei einem sogenannten Social Day engagieren sich die Mitarbeiter eines Unternehmens für einen Schnuppertag in einer gemeinnützigen Einrichtung. Für die NPO aber kann an einem einzigen Tag kein besonderer Mehrwert geschaffen werden. „An solchen Tagen haben wir manchmal plötzlich 20 Helfer mehr und es wird schwierig, Aufgaben für sie zu finden“, erzählt Johannes von der Münchner Tafel. Dafür fehle es an anderen Tagen, wenn beispielsweise viele der Ehrenamtlichen krank sind, massiv an helfenden Händen. Gute Planung und das Einsteuern vieler kleiner Gruppen von Corporate Volunteers würden hier Sinn machen, findet auch Giulia Roggenkamp.

Dennoch sind auch diese Schnuppertage in die Welt des Ehrenamts nicht vergebens: Von etwa 150 Mitarbeitern verschiedener Unternehmen in München, die 2013 an einem Social Day teilnahmen, entschied sich über ein Drittel dafür, das Engagement anschließend weiterzuführen, so Michèle Rotter. Nach seiner Ausbildung kann sich auch Michael Fischer ein ehrenamtliches Engagement vorstellen. „Wenn ich dann wieder studiere und auch Zeit habe, mich einzubringen“, sagt er.

Im Idealfall profitieren Firmen und gemeinnützige Einrichtungen gleichermaßen. Die einen können die Softskills ihrer Mitarbeiter schulen, die anderen sparen Geld und Personal. Doch um das umsetzen zu können, meint Giulia Roggenkamp, wären feste Projektleiter im Unternehmen oder ein professioneller Dritter notwendig. Gemeinnützigen Organisationen sei es kaum zuzumuten, dafür jemanden zu bezahlen. Diese Person würde sich dann um Planung und Durchführung des Unternehmensengagements kümmern, wäre kompetenter Ansprechpartner für beide Seiten.

Wenn es aber so läuft wie bei Michael Fischer und seinem Kollegen, sind keine großen Gewinne für den Teamgeist im Unternehmen zu erwarten. „Gedacht war es wohl wie ein Tag mit der Belegschaft im Klettergarten. Motto: Heute stärken wir Vertrauen und Teamgeist“, sagt Fischer. „Doch Corporate Volunteering sollte mehr sein als ein Betriebsausflug in den Dritten Sektor.“

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