04.08.2015 | Von Die Stiftung

„Das Ziel muss gemeinsam formuliert werden“

DIE STIFTUNG: Was würden Sie einem Unternehmen raten, das in diesem Sommer statt eines Betriebsausflugs lieber einen Social Day ausrichten möchte?
Dr. Dorli Harms:
Zunächst muss ein Betriebsausflug gar nicht unbedingt als ein Gegenentwurf zu einem Social Day betrachtet werden – da beides eine gemeinsame Aktivität der Mitarbeiter ist. Das Spannende ist vielmehr, dass bei einem Social Day neben dem Miteinander nicht nur ein Wert für die Belegschaft erwächst, sondern auch gleichzeitig ein Mehrwert für die Gesellschaft geschaffen werden kann. Das kann wiederum ein Anreiz für Mitarbeiter sein, sich genau dafür zu engagieren. Günstig erscheint es dabei auch, auf die Interessen der Mitarbeiter zu setzen. Damit kommt nicht nur eine große Ideenvielfalt zum Tragen, sondern das Engagement der Mitarbeiter erwächst quasi bottom up. Wichtig erscheint mir hier noch der Hinweis: Bei der Organisation eines entsprechenden sozialen Engagements nicht in Schubladen denken – also entweder Betriebsausflug oder Social Day: Beides geht zusammen.

DIE STIFTUNG: Warum erfreuen sich gerade handwerkliche Tätigkeiten wie Maleraktionen in diesem Zusammenhang so großer Beliebtheit?
Harms:
Handwerklich-praktischen Tätigkeiten wird im Rahmen eines entsprechenden Engagements die Eigenschaft zugesprochen, dass man bereits zügig einen Fortschritt sieht und nicht selten kreativ sein kann. Darüber hinaus erscheint die Eintrittsbarriere niedrig: Streichen, Gärtnern und Kochen sind auch im Privaten nichts Ungewöhnliches. Nicht zu vergessen ist, dass eine handwerklich-praktische Tätigkeit zum Teil auch als eine willkommene Abwechslung zum Büroalltag wahrgenommen wird.

DIE STIFTUNG: Welchen gesellschaftlichen Wert hat es denn, wenn Menschen, die hauptberuflich Anwälte, Buchhalter, Chefvolkswirte, Vertriebsprofis oder Teamassistenten sind, sich am Streichen, der Gartenarbeit oder an Reparaturen versuchen?
Harms: Natürlich sollte vor der Aktivität hinterfragt werden, wer das benötigte Können besitzt, und die Aufgaben sollten entsprechend verteilt werden. Denn eine Aktion ist wenig hilfreich, wenn nicht sogar kontraproduktiv, wenn sie qualitativ nicht ein Mindestmaß erfüllt. Ist dies gewährleistet, so kann durch gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse das Verständnis für die Belange und Interessen von anderen wachsen.
Wenn ich darüber hinaus an unseren MBA-Weiterbildungsstudiengang zu Nachhaltigkeitsmanagement denke, mit in der Regel berufstätigen Studierenden aus ganz verschiedenen Berufsfeldern, sehe ich auch den Wert von Diversität sowie die Stärke von Vernetzung bei gemeinsamen Aktivitäten. Übertragen auf ein soziales Engagement kann es bedeuten, besser zu verstehen, welche Bedürfnisse und Anliegen entsprechende Einrichtungen haben und wie diese über die praktische Aktivität hinausgehend gefördert werden können.

DIE STIFTUNG: Vor welche Herausforderungen stellt es NPO, wenn sie den Einsatz mit den Unternehmen abwickeln müssen?
Harms: Diese Frage impliziert, dass es einen besonderen Aufwand für eine NPO bedeutet, dies zu organisieren. Und es kann in der Tat so sein – auch vor dem Hintergrund, dass NPO und Unternehmen unterschiedlich organisiert sind und gegebenenfalls unterschiedliche Ziele hinsichtlich eines sozialen Engagements verfolgen. Weiterhin ist zu bedenken, dass die Initiatoren im Unternehmen andere sind als die Mitarbeiter, die schließlich z.B. am Social Day teilnehmen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass es sinnvoll ist, möglichst vorausschauend und unter Berücksichtigung der möglichen verschiedenen Interessen einen entsprechenden Tag zu planen. Ausgehend von einem Ziel, das gemeinsam von NPO und Unternehmen formuliert wird, und unter Anerkennung des jeweiligen Einsatzes, können die weiteren Maßnahmen geplant werden. So kann den Herausforderungen, die z.B. auch mit unterschiedlichen Organisationskulturen von NPO und Unternehmen verbunden sind, proaktiv entgegnet werden.

DIE STIFTUNG: Wie weit haben Sie Verständnis für NPO, die solche Aktionen ablehnen, weil sie weder der Ersatz für den Betriebsausflug noch für die teambildende Maßnahme im Klettergarten sein wollen?
Harms: Wie gerade beschrieben, kann ich dafür Verständnis haben, wenn sich NPO zurückhaltend zeigen. Allerdings sehe ich auch Potenzial in den Aktivitäten, die NPO mit Unternehmen zusammen durchführen. So wird nicht nur der Blick für andere Perspektiven geschärft und der Horizont erweitert, sondern eine eintägige Veranstaltung kann auch der Ausgangspunkt für eine weitergehende, auch längerfristige Kooperation sein – mit Nutzen für beide Seiten.

DIE STIFTUNG: Wie können denn Unternehmen ehrenamtliches Engagement ihrer Mitarbeiter fördern, das über einen Tageseinsatz hinausgehen soll?
Harms:
Wenn man sich die Praxis anschaut, zeigen sich Alternativen. Sei es, dass Mitarbeiter z.B. regelmäßig in einer Schule helfen, seien es Beratungsangebote für Bedürftige oder Projektpatenschaften. Dabei kann ein entsprechendes Engagement auch als Weiterbildungsmaßnahme für die Belegschaft mit Nachhaltigkeitsbezug verstanden werden. Wie wir aus der Corporate-Sustainability-Barometer-Befragung wissen, die wir 2012 am Centre for Sustainability Management mit den 500 größten Unternehmen Deutschlands durchgeführt haben, ergreifen beziehungsweise fördern z.B. mehr Unternehmen Aktionstage und -wochen und Corporate Volunteering, als dass Workshops durch externe Anbieter für die Weiterbildung im Nachhaltigkeitsbereich zur Anwendung kommen.

DIE STIFTUNG: Wie hilfreich ist für beide Seiten speziell die aktuell sehr gefragte Pro-bono-Beratung?
Harms:
Die Pro-bono-Beratung kann quasi bei den Kernkompetenzen des Unternehmens beziehungsweise des jeweiligen Mitarbeiters ansetzen. Die Mitarbeitenden geben in dieser Beratungsfunktion ihre Erfahrungen und Kenntnisse weiter und erhalten dabei nicht nur eine besondere Wertschätzung ihrer Fähigkeiten, sondern können aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen auch neue Erfahrungen sammeln. So kann eine Tätigkeit im eigentlichen Wirkungsfeld unternehmensbezogen und gleichzeitig persönlich bereichernd sein – mit der Konsequenz, dass eine Pro-bono-Beratung das Potenzial hat, für verschiedene Beteiligte gewinnbringend zu sein.

DIE STIFTUNG: Und wie soll ein Unternehmen mit dem Wunsch umgehen, dass ehrenamtliches Engagement nicht die Fortsetzung der Erwerbsarbeit mit anderen Mitteln sein soll?
Harms:
In der Tat könnte z.B. eine Pro-bono-Beratung so ausgelegt werden. Stehen aber bei einem sozialen Engagement mehr die Fähigkeiten eines Mitarbeiters im Vordergrund als seine eigentliche Tätigkeit, können eben diese in einem ganz anderen Kontext zur Geltung kommen. So könnte ein Vertriebler eine gesellschaftspolitisch aktive Organisation darin trainieren, überzeugend zu argumentieren und die eigenen Ideen zu präsentieren.

DIE STIFTUNG: Wir werden gespannt verfolgen, wie viele Unternehmen bereit sind, sich auf ein derart umfassendes Corporate Volunteering einzulassen. Frau Dr. Harms, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Gregor Jungheim.

 

Harms, DorliDr. Dorli Harms ist Studiengangskoordinatorin im MBA Sustainability Management, ein Studium für Führungskräfte zu CSR und Nachhaltigkeitsmanagement am Centre for Sustainability Management (CSM) der Leuphana Universität Lüneburg. Die Wissenschaftlerin lehrt und forscht zu unternehmerischer Verantwortung, Nachhaltigkeitsmanagement und nachhaltigen Lieferketten.

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