01.02.2019 | Von Martina Benz

„Den Krieg kann man nicht fotografieren“

Im stark belasteten Alltag positive Momente schaffen und die Fähigkeit aufbauen, nach vorne zu blicken – das sind Ziele der Refugio Kunstwerkstatt in ihrer Arbeit mit Flüchtlingen. Mit Foto-, Musik- und Kunstworkshops werden inzwischen 700 Kinder und Jugendliche erreicht, viele traumatisiert.

Kunstwerkstatt
Mit Herz und Seele dabei: Verena Wilkesmann (rechts, Mitarbeiterin) und Margit Papamokos (Gründerin) setzen sich bei der Refugio Kunstwerkstatt täglich dafür ein, dass traumatisierte Jugendliche in der Kunst Hoffnung schöpfen und ihre Erlebnisse aufarbeiten können., Foto: Martina Benz

In der Natur unterwegs zu sein, ohne Angst zu haben, ohne vor etwas zu fliehen oder sich zu verstecken – das erleben manche der geflüchteten Ju­gendlichen bei der Refugio Kunstwerk­statt in München zum ersten Mal seit ih­ren traumatischen Kriegs- und Fluchter­fahrungen. Während das Beratungs- und Behandlungszentrum Refugio München Traumata psychologisch betreut, setzt die ihm angegliederte Refugio Kunst­werkstatt nicht bei den Problemen an. Stattdessen geht es darum, Erholung von Belastungen und unbeschwerte Mo­mente zu schaffen, um erlittene Trauma­ta zu verarbeiten und kurzzeitig zu ver­gessen.

Ein neuer Blickwinkel

Gerade die Fotoworkshops ermöglichen einen neuen Blickwinkel auf die Dinge. Und nicht nur das: „Wer mit einer guten Kamera durch die Stadt läuft, wird nicht mehr als Flüchtling, sondern als kunstin­teressierter Mensch wahrgenommen und kommt mit Leuten in Kontakt“, be­richtet Verena Wilkesmann, eine der festangestellten Mitarbeiterinnen der Kunstwerkstatt, die diese Workshops einmal die Woche leitet. Meistens sind sie draußen unterwegs.

Von besonderer Bedeutung seien auch die Selbstporträts. „Viele haben sich auf der Flucht selbst verloren“, ist Wilkesmanns Beobachtung. Projekte wie „My favorite place“, bei dem die Jugend­lichen an ihrem Lieblingsort in München fotografiert wurden, führten dazu, dass sie sich wieder fragten, wer sie sind und wer sie sein wollen. Und mit offenen Au­gen durch die Stadt gingen. Eine Stadt, die manche von ihnen bis dahin nur von unten, aus der U-Bahn, gekannt hätten.

Dem 18-jährigen Rafi hat sich in der Refugio Kunstwerkstatt die Welt der Fotografie eröffnet. Diese möchte er nun zu seinem Beruf machen. Foto: Refugio Kunstwerkstatt

Ein begeisterter Besucher der Foto­workshops ist Rafi, der alleine aus Afghanistan geflohen ist. Seit seiner An­kunft vor zweieinhalb Jahren in Deutsch­land, hat er sich bei der Kunstwerkstatt am Gitarrespielen und Fotografieren ver­sucht. Letzteres möchte er nun zu sei­nem Beruf machen und ist auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Fotogra­fie habe ihn auch in Afghanistan schon interessiert. „Aber den Krieg kann man nicht fotografieren“, berichtet der schlanke 18-Jährige. Seine Augen leuch­ten, wenn er davon erzählt, dass er am liebsten Menschen, Pflanzen und die schönen Häuser fotografiere – draußen, solange es nicht regne. Und dass man hier einfach alles ablichten dürfe – ganz anders als im Krieg. Er komme gerne in die Kunstwerkstatt, was ihm auch beim Erlernen der deutschen Sprache gehol­fen hat, die er schon recht gut be­herrscht. „Alles, was wir hier machen, macht Spaß, und wir sind unter Freun­den“, erzählt er. „Alleine zu Hause rum­zuhängen, ist langweilig. Und mit der Langeweile kommen irgendwann die Probleme im Kopf“, reflektiert er. „Es ist besser, etwas zu machen.“

Traumata mit Kunst verarbeiten

„Das Umfeld der Jugendlichen ist wichti­ger als die Schwere des vorher Erlebten, und wir wollen Teil eines liebevollen Auffangens sein“, erklärt die Gründerin der Kunstwerkstatt, Margit Papamokos. Ihr Ansatz, der die Resilienz der Jugend­lichen, also ihre psychische Wider­standsfähigkeit, stärkt, sei in vielen Fäl­len effektiver als eine therapeutische Be­handlung. „Es ist wichtig, dass die Ju­gendlichen das Erlebte akzeptieren und sehen, wie viel Stärke in ihnen steckt.“ Kreativitätsförderung sei dabei ein Kernaspekt. „Wer kreativ ist, kommt besser klar im Leben“, ist sie sich sicher.

Wie heilend Kunst bei Traumata sein kann, erfuhr Margit Papamokos erstmals mit den Flüchtlingen des Kosovokriegs. „Die Kinder, die damals kamen, konnten über den Krieg nicht sprechen, malen konnten sie aber alles. Kunst schafft die wunderbare Möglichkeit, sich auszudrü­cken, wo Worte fehlen.“ Die Auseinan­dersetzung mit dem Erlebten sei für des­sen Verarbeitung unglaublich wichtig, berichtet Papamokos. Sonst bliebe es leicht ein Leben lang im Unterbewusst­sein hängen. Sprechen und Malen schaf­fe Distanz, und der Schöpfer eines eige­nen Werks zu sein, fördere zudem das Selbstbewusstsein.

Der Bedarf nach Ruhe und Konzentration ist zudem groß, ergänzt Wilkes­mann. Immer wieder wünschten sich die Kinder das „Leise-Spiel“. Die Regeln sind simpel: Während gemalt und gebastelt wird, darf kein Wort gesprochen werden. Die Pädagogin ist Teil eines interdiszipli­nären Teams aus Pädagogen, Kunstthe­rapeuten, Musikern und anderen Künst­lern, die die 7- bis 26-jährigen Teilneh­mer der Kunstwerkstatt begleiten.

Selbsthilfe unter Jugendlichen

Besonders wichtig ist es ihnen, auch die­jenigen zu erreichen, die es nicht aus ei­genem Antrieb schaffen, aktiv zu wer­den, sei es wegen Schlafstörungen, Mig­räne oder Depressionen. „Manche der Jugendlichen blühen regelrecht auf bei uns“, erzählt Wilkesmann. Dennoch sei die Gruppenarbeit „manchmal heftig“. Der Grund: „Die Jugendlichen kommen aus einem hoch belasteten Alltag zu uns. Druck in der Schule, Dolmetscherfunktion für die Eltern, der häufige Wechsel von Bezugspersonen – und all das nach einer meist traumatischen Flucht. Da­durch stecken eine gewaltige Energie und durchaus auch Aggressionspotential in den Gruppen.“ Umso wichtiger seien deshalb eine langfristige Bezie­hungsarbeit sowie klare Regeln und Wer­te. Das Schöne: „Die Gruppen regulieren sich selbst. Wer schon länger dabei ist, sorgt dafür, dass auch Neueinsteiger res­pektvoll handeln und sprechen“, sagt Wilkesmann. „Jugendliche aus Kriegsgegenden wollen in der Regel keine Ge­walt mehr.“ Und Papamokos ergänzt: „Das Vertrauen gegenüber den Erwach­senen ist nach all den Gewalterfahrun­gen gestört. Sich anderen Kindern zu öff­nen, fällt oft leichter.“ Neben der Kraft, mit schwierigen Situationen umzugehen, wofür die Mitarbeiter der Kunstwerk­statt auch in Deeskalation und Gewalt­prävention geschult würden, sei deshalb besonders wichtig, den Kindern Raum und Liebe zu schenken und sie dazu zu ermutigen, wieder an sich selbst zu glau­ben und nach vorne zu blicken.

Anmerkung der Redaktion

Was 1993 als komplett ehrenamtliche One-Woman-Show begann, ist heute eine Institution mit vier festangestellten und 28 Honorarmitarbeitern, die gemeinsam etwa 700 Kinder und Jugendliche dauerhaft erreichen – durch Kunsttherapiegruppen an Schulen und Kunstwerkstattgruppen in den inzwischen großzügigen eigenen Räumlichkeiten sowie in den Flüchtlingsheimen. Angetrieben von den verheerenden Bedingungen in den Unterkünften für Asylbewerber der 90er Jahre , initiierte Papamokos damals Gruppen in den Unterkünften und schloss ihre Kunstwerkstatt 1994, als Refugio München als Verein gegründet wurde, dem psychosozialen Zentrum an, das bis heute als Träger fungiert.

Inzwischen mehrfach ausgezeichnet, hat die Refugio Kunstwerkstatt 2015 den Alfred Fried Photography Award gewonnen: Porträts frisch angekommener Flüchtlinge hatten diese handschriftlich mit ihren Wünschen versehen (s. Foto oben). „Wir wollten so die Energie kurz nach der Ankunft einfangen, bevor diese von der Politik und den Warteschleifen hier in Deutschland zerstört wird“, fasst Verena Wilkesmann die traurige Realität zusammen – und kämpft weiter darum, diese Energie trotz des deutschen Asylsystems zu bewahren.

Dieser Beitrag erschien in DIE STIFTUNG 3/2018.

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