22.11.2012 | Von Die Stiftung

Die Chance zur Klarheit vergeben


Quelle: panthermedia/Sascha SchlösserDass es ihn gibt, ist ein wichtiges und gutes Zeichen: Der Engagementbericht der Bundesregierung mit dem Schwerpunkt Unternehmensengagement er­hebt erstmals konkrete Angaben zu Form und Inhalt des gesellschaft­lichen Engagements der deutschen Wirtschaft. Einige der Handlungs­empfehlungen im Fazit bringen wichtige Aspekte richtig auf den Punkt. Doch ausgerechnet bei der Bewertung der Motivation von Unternehmen und der ethischen Herleitung von Corporate Social Responsibility springen die Autoren deutlich zu kurz.
Von Loring Sittler

„Der Deutsche Bundestag hat die Bundesregierung (
) beauftragt, einmal in jeder Legislaturperiode einen wissenschaftlichen Bericht einer jeweils neu einzusetzenden Sachverständigenkommission mit Stellungnahme der Bundesregierung vorzulegen, der sich neben einer allgemeinen Bestandsaufnahme des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland auf einen Schwerpunkt konzentriert. (
) Ein regelmäßig erscheinender Bericht wird dazu beitragen, die in der Gesellschaft vorhandenen Potenziale für bürgerschaftliches Engagement zu entfalten. Er soll den politischen Diskurs über aktuelle Entwicklungen und innovative Ansätze anregen, (
) Handlungsempfehlungen geben und den Wert von bürgerschaftlichem Engagement stärker in das öffentliche Bewusstsein rücken.“ So steht es am Anfang des mehr als 1.000-seitigen Ersten Engagementberichts der Bundesregierung, der Ende August öffentlich vorgestellt wurde.

Die Verfasser des Fazits (offenbar nicht identisch mit der ganzen Kommission) versäumen es in weiten Teilen, das gesell­schaftliche Engagement von Unternehmen hinreichend ethisch zu begründen. An­ders ausgedrückt: Einige Schlüsselsätze lassen die wichtige Abgrenzung des Unternehmensengagements von Marketingzwecken vermissen. Das birgt Gefahren.

Der eigenständige Beitrag zur Lösung eines gesellschaftlichen Problems ist für ein verantwortliches Unternehmen, das sein Engagement ernst nehmen will, der moralische Ausgangspunkt. Ein Gewinn an Reputation und Be­kannt­heit mag sich dabei irgendwann zusätzlich einstellen, ein entschei­dendes Motiv kann dieser Gewinn an Ansehen nicht sein.

Dies stellt der Bericht nicht klar. Und bedauerlicherweise zieht sich dieses Defizit wie ein roter Faden durch das Fazit des Berichts, mal abgesehen von der mehr als 1000 Seiten umfassenden Langfassung. So heißt es in Ziffer 13 auf Seite 13 der Zusammenfassung wörtlich: „Faktische Verantwortungsübernahme durch Unternehmen zählt, nicht das Motiv. Bürgerschaftliches Engagement kann von originär unternehmerischen Zielen bestimmt sein.“

Das ist wahr und richtig. Aber nur, wenn im gleichen Zusammenhang erwähnt wird, dass die „unternehmerischen Ziele“ eben nicht nur wirtschaftliche Er­folge umfassen. Dieser Hinweis unterbleibt. Und mit ihm unterbleibt eine fällige Kritik an der oft betriebenen Verkürzung und Verfälschung des gesell­schaftlichen Engagements von Unternehmen auf reine Marketing-Maß­nahmen sowie an der damit verbundenen Instrumentalisierung zivil­gesell­schaft­licher Partner für kommerzielle Zwecke.

Damit wurde die Chance vertan, viele Missverständnisse und Vorbehalte gegenüber dem gesellschaftlichen Engagement von Unternehmen zu besei­tigen. Im folgenden Satz der Handlungsempfehlung Nr. 20 wird das deutlich: „Bürger­schaftliches Engagement von Unternehmen reflektiert die unver­meidbare gesellschaftliche Einbettung, und zwar besonders in Zeiten der Globali­sierung
Unternehmen sind angesichts der krisenbedingt ver­schärften Reputationszweifel gut beraten, sich in überzeugender Weise als Trä­ger gesellschaftlicher Verantwortung zu profilieren.“ (Seite 16)

Hier fehlt die unmissverständliche Klarstellung, dass das bürgerschaftliche En­ga­ge­ment (und damit die gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen) „unvermeidbar“ zur gesellschaftlichen Einbettung gehört – unvermeidbar kann nur heißen: unab­hängig von Reputationszweifeln, Globalisierung und Finanzkrisen. Ge­wollt oder nicht, reduzieren die Autoren die gesellschaftliche Verantwortung auf ein Instrument zur Bekämpfung von gerade aktuellen, wirtschaftlich schäd­­lichen Reputationszweifeln – sie stellen sie damit als eine Art Fortsetzung des Marke­tings mit anderen Mitteln statt als eine feste moralische Norm unternehmerischen Handelns dar.

Damit untergräbt diese Passage des Berichts genau die Glaubwürdigkeit, von der unternehmerisches gesellschaftliches Engagement lebt. Und sie spielt den Gegnern des marktwirtschaftlichen Systems damit voll in die Hände.

Auf die Spitze getrieben wird der Widerspruch, wenn es dann heißt: „Sie (die Unternehmen) sollten sich dabei nicht scheuen, ihre Legitimation unabhängig von bürgerschaftlichem Engagement zu sehen. Erst die selbstbewusste Positionierung als marktwirtschaftliche Akteure eröffnet den Zugang zu einem glaubwürdigen und überzeugenden Engagement in gesellschaftlich virulenten Fragen.“ (Seite 16)

Der zweite Satz des Zitats ist vollständig richtig: Die Positionierung als markt­wirtschaftlicher Akteur und ein glaubwürdiges gesellschaftliches Engagement gehören untrennbar zusammen, genauso wie die Marktwirtschaft als Teil der Freiheit zu betrachten ist. Wenn das stimmt, dann gibt es aber keine vom bürgerschaftlichen Engagement (oder besser: von der gesellschaftlichen Ver­ant­wortung des Unternehmens) unabhängige „eigentliche“ Legitimation unter­nehmerischen Handelns. Ein ungelöster Widerspruch in sich.

Kurz: Der Engagementbericht vergibt eine Chance. Die Chance, an ent­schei­dender Stelle den Begriff der unternehmerischen Verantwortung im Zu­sam­menhang mit gesellschaftlichem Engagement zeitgemäß zu definieren.

Immer wieder scheint ein Missverständnis hervor, das zu fehlender Klarheit im Bericht führt: In Handlungsempfehlung 17 wird als „der eigentliche Unter­nehmenszweck die Produktion von Gütern und Dienstleistungen“ (Seite14), der „den zentralen gesellschaftlichen Nutzen stiftet.“ (Seite 15) beschrieben. Im Umkehrschluss degradiert diese Definition die eigenständige, grund­sätz­liche gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen zu einer Art milder Bei­­gabe, zu einer großzügig – um nicht zu sagen gutsherrlich – gewährten Mit-Verantwortung, der man sich auch entziehen könnte, wenn man „überfordert“ (Ziffer 17, Seite 14) wird.

Quelle: panthermedia/Sarah StabenowDer aus dem vorletzten Jahrhundert stammende „antagonistische“ Gegensatz von Eigennutz und Gemeinnutz feiert fröhlich Urständ. Folgerichtig wird das ganze Unternehmensengagement auf eine bloße wirtschaftliche Funktion verengt: Es soll die „Erosion des Vertrauens in die soziale Marktwirtschaft, die Wirtschaft generell und die Unternehmen im Besonderen gestoppt werden“ (Seite15). Deutlicher geht es nicht: Unternehmensengagement als Arznei gegen die Vertrauenskrise. Das ganze wird durch einen Nachsatz verschärft, der das Unternehmensengagement dann auch noch mit einer „Weiterentwicklung der freiheitlichen und demokratischen Ordnung“ gleichsetzt und sozusagen politisch veredeln soll. Lassen wir die Kirche im Dorf: Eine Stärkung des Wettbewerbs hat mit der Weiterentwicklung der freiheitlichen und demokratischen Ordnung nichts direkt zu tun, im Gegenteil: Diverse Beschränkungen des Wettbewerbs sind im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft mehrfach zum Wohle aller vorgenommen worden und zwar zum Schutze des Einzelnen und des Wettbewerbs. Die gemeinte „Weiterentwicklung“ bezieht sich obendrein zweifellos ausschließlich auf den Bereich Staat und Politik, die aber heute gar nicht das primäre Problem sind. Es geht beim Engagement (und wünschenswerterweise auch bei der Produktion von Waren und Dienstleistungen!) vielmehr um Nachhaltigkeit und Gesundheit, um die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und um die Weiterentwicklung gesellschaftlichen (vor-staatlichen) Zusammenlebens, es geht um das in der Handlungsempfehlung 1 richtig beschriebene „ausgewogene und komplementäre Zusammenwirken“ der drei Sektoren Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Hier hätte man dem Bericht mehr konsequente Entschiedenheit und eine klarere Sprache gewünscht.

Wie kleinkariert und deutsch der Bericht daherkommt, wird auch daran deutlich, dass jeder Bezug auf die internationale Diskussion, z.B. um die Ausweitung der gesellschaftlichen Verantwortung auf das Kerngeschäft („shared value“) oder um das gezieltere gemeinsame Wirken und um die bessere Vernetzung aller Akteure zu einzelnen relevanten Themen („collective impact“) schlicht fehlt.

Gerade die im allgemeinen Teil des Berichts nachgewiesene, sehr deutliche Kurz- und Mittelfristigkeit sowie die lokale Gebundenheit und das weit­gehende Fehlen einer strategischen Ausrichtung des Unternehmens­engage­ments, hätte im Bericht auch zu einer Handlungsempfehlung an die Unter­nehmen führen müssen, ihr eigenes Engagement besser auszurichten und auch überregionale Infrastrukturen langfristig zu fördern.

Der Bericht beschränkt sich leider auf Empfehlungen an die Regierung, nicht an die anderen, fast gleich wichtigen Akteure Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Das wirkt unverständlich, zumal der Dreiklang der Sektoren die erste Hand­lungsempfehlung bildet: „Erst das ausgewogene, komplementäre Zusammenwirken von Aktivitäten des Staates, der Bürgergesellschaft und der Wirtschaft ermöglicht eine zeitgemäße Entwicklung des Gemeinwohls.“ (Ziffer 1, Seite 9)

Diese Aussage unterstreicht die wünschenswerte Abkehr von der bisher beanspruchten Dominanz der Politik im Verhältnis zu den beiden anderen Sektoren. Das ist richtig und wichtig.

Quelle: panthermedia/auremarUmso bedauerlicher wirkt es, dass die Bundesregierung in ihrer Stellung­nahme zu dem Bericht genau diese schon funktionierenden Kooperationen verschweigt und ausschließlich auf eigene Förderungen beispielsweise des Bundesnetzwerks Bürger­schaftliches Engagement (S.15), der Bundesarbeitsgemeinschaft der Frei­willigenagenturen (S.15), der Initiative Bürgerstiftungen (S.16), des Deutschen Engagementpreises (S. 18f.) des Forschungsvorhabens für Hochaltrige (S.30) hinweist. Offenbar fällt es der Bundesregierung nach wie vor nicht leicht, das Engagement der anderen Akteure in diesen Strukturen anerkennend zu würdigen.

Leicht folgen lässt sich den meisten engagementpolitischen Feststellungen und Handlungsempfehlungen. Die wichtigsten seien hier kurz aufgeführt und kommentiert:

• „In diesem Sinne geht es um eine Politik der Ermöglichung („enabling“) zivilgesellschaftlicher Infrastruktur und bürgerschaftlichen Engage­ments, und zwar durch einen Staat, der fruchtbare Voraussetzungen dafür schafft. Dazu können individuelle Anreize gehören, insbesondere aber
die kontinuierliche Verbesserung der Rahmenbedingungen und vor allem die Förderung nachhaltiger engagementförderlicher Infrastrukturen.“ (Ziffer 5, S.10)

Das heißt übersetzt: Weg von der reinen Projektförderung und hin zum Aufbau einer nachhaltigen Infrastruktur. So richtig und unterstützenswert diese Aussage ist, so weit ist sie von der Realität entfernt. Noch immer herrscht bei der öffentlichen Hand, aber auch bei Unternehmen und Stiftungen, die zeitlich begrenzte Förderung von Einzelprojekten vor. Die Unterstützung beim Aufbau nachhaltiger und professioneller Strukturen in Organisationen und beim Transfer von „Best Practice“ kommt nach wie vor zu kurz. Es bleibt zu hoffen, dass die staatliche Seite die klare Handlungsempfehlung seiner Kommission als erste beherzigt.

• „Transparenz in der Zivil- beziehungsweise Bürgergesellschaft erhöhen“


Eine derartige Transparenz sollte künftig eine wichtige Entscheid­ungs­grundlage für die rechtliche und förderpolitische Begünstigung des jeweiligen Engagements bilden und ein Auswahlkriterium für gesell­schaftlich engagierte Unter­nehmen bei der Suche nach geeigneten Kooperationspartnern offerieren.“ (Ziffer 6, S.11)

Ein berechtigter und keinesfalls neuer Wunsch. Nach wie vor gibt es keine verbindlichen Vorschriften zur Offenlegung der Bilanzen gemeinnütziger Orga­nisationen. Obwohl diese ein Steuerprivileg in Anspruch nehmen, ver­stecken viele sich immer noch hinter dem angeblichen Steuergeheimnis, um umfassende Offenlegungspflichten zu verhindern. Es fehlt darüber hinaus an einer Vergleichbarkeit derjenigen Angaben, die heute schon veröffentlicht werden.

• „Bildung stärkt Engagement“

„Die Kommission betont die Bedeutung der Bildungspolitik für die nachhaltige Stärkung bürgerschaftlichen Engagements. Die zuneh­mende Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure (zum Beispiel Vereine oder Initiativen) in das allgemeinbildende Schulwesen bildet einen relevanten Eckpfeiler, um bürgerschaftlichem Engagement im Bildungs­wesen einen höheren Stellenwert zu geben. Angesichts einer im öffentlichen wie politischen Diskurs über die Aufgaben allgemeinbilden­der Schulen mitunter verengten Kompetenz­per­spektive ist aber darauf hin­zuweisen, dass die Sozialisation und damit die Befähigung zu bürger­schaftlichem Engagement ebenso selbstverständlich Teil des Bildungs­konzepts einer demokratischen Gesellschaft sein muss.“ (Ziff. 7, S.11)

Auch hierbei handelt es sich um eine richtige und äußerst wichtige Aussage, an deren umfassender Verwirklichung noch sehr beharrlich gearbeitet werden muss, um die für die gesamte Gesellschaft wichtige Qualität schulischer Bil­dung zu verbessern.

Völlig zu recht weist die Kommission auf die Notwendigkeit hin, zivilge­sellschaftliche Akteure stärker und systematischer in das staatliche Bildungs­system zu integrieren.

• „Engagementpotenzial älterer Menschen mobilisieren“

„Bürgerschaftliches Engagement stellt ein Handlungsfeld dar, das in zwei­facher Hinsicht sozialintegrativ für ältere Menschen wirken kann: Aus der Per­spektive individueller Bedürfnisse könnten sich ältere Menschen in einem bürger­schaftlichen Engagement individuell verwirklichen;

aus der Perspektive gesellschaftlicher Erfordernisse könnten sie zugleich gesellschaftlich nützliche Aufgaben übernehmen. Politik, soziale Dienstleistungsträger, aber auch nicht berufliche Hilfesysteme von Familie und Nachbarschaft sollten deshalb alles tun, was älteren Menschen den Weg zur Selbstverantwortung wie zur Mitverantwortung im öffentlichen Raum eröffnet. Einen möglichen Ansatz dafür bieten Projekte, die Ältere als soziale Ressource begreifen.“ (Ziff. 10 S.12)

Hier bleibt unverständlich, warum die gesellschaftliche Perspektive auf „gesellschaftlich nützlich“ verengt wird. Damit droht die oft beschworene Gefahr einer Instrumentalisierung der engagierten Älteren als preiswerte Ko-Produzenten sozialer Dienstleistungen. Sicher bleibt es richtig, dass sich Ältere, die sich freiwillig entsprechend engagieren wollen, dies auch tun sollten und dass die älter werdende Gesellschaft diese Ressourcen dringend braucht, mitsamt der schon erwähnten Ermöglichungsstruktur.

Zu einer wohlverstandenen „gesellschaftlichen Perspektive“ gehört allerdings auch jede Menge regierungskritischen Engagements, auch und gerade in der politischen Partizipation. Eine solche politische Teilhabe kann auch zur Belebung und Glaubwürdigkeit der Demokratie erheblich beitragen und damit nützlich sein. Diese Dimension des Engagements ist im Bericht vermutlich nicht gemeint und wird dort grundsätzlich zu wenig beachtet.

• „Bürgerschaftliches Engagement von Personen mit Zuwanderungsge­schichte würdigen und unterstützen.“ (Ziff. 11, S.12)

Diesen Handlungsvorschlag werden alle Demokraten unterstützen.

• „Gewinnung und Bindung des Ehrenamts im Vereinswesen verbessern“

„Die Kommission empfiehlt der Bundesregierung, der Bedeutung und Rolle von Funktionsträgerinnen und Funktionsträgern eine höhere Auf­merksamkeit zukommen zu lassen, da diese Akteure das Rückgrat der selbstorganisierten, zivilgesellschaftlichen Infrastruktur speziell in Form der Vereine vor Ort sind.“ (Ziff. 12, S. 12f)

An diesem Punkt stellt sich die Frage, was mit „höherer Aufmerksamkeit“ gemeint ist. Denn mehr Schulterklopfen genügt nicht. Vielmehr gilt es, gezielte Akquisitionsbemühungen der zivilgesellschaftlichen Organisationen um Führ­ungs­kräfte im Ehrenamt auch finanziell und beratend zu fördern. Dies wäre ein wichtiger Schritt zum Aufbau der bereits erwähnten Infrastruktur. Falls die Handlungsempfehlung so konkret und praktisch gemeint ist: volle Unter­stützung dafür!

Quelle: panthermedia/Andre HelbigDass der Bericht für eine Kultur der Mitverantwortung eintritt und einen „breiten Diskurs über die Bedeutung, die Bedingungen und die Herausforderungen der Bürger- beziehungsweise Zivilgesellschaft“ empfiehlt, ist fast schon eine Pflichtübung. Wir haben aber kein Erkenntnisproblem. Wir haben ein Problem mit einer weitverbreiteten, falschen Haltung gegenüber unserem eigenen Staat, die in einem obrigkeitsstaatlichen Verständnis von Partizipation gipfelt. Dies wird in folgenden Satz überdeutlich: „Welche Rahmen­be­ding­ungen können geschaffen werden, dass sich die Bürgerinnen und Bürger früh­zeitig mit politisch und administrativ geplanten Projekten identifizieren, sich beteiligen und für deren erfolgreiche Realisierung auch verantwortlich fühlen?“ (Seite 10) Immer noch sollen die Bürger vor den staatlichen Karren gespannt werden. Der Raum für unbequemen partizipativen Widerstand einiger Bürger gegen schlecht kommunizierte staat­liche Vorhaben ist keine Er­wäh­­nung wert. Auch keine Aussage ist eine Aus­sage.

Die meisten der geforderten Maßnahmen sind nicht „vordringlich“, vielmehr gibt es bereits zahllose „Anlaufstellen, bei denen Unternehmen unbürokratisch praxisrelevante Informationen zu Engagementformen, Förderungsmöglichkeiten, möglichen Partnern, Unterstützern etc. erhalten.“ Es gibt bereits eine „Förderung von regionalen Netzen, in denen Unternehmen voneinander lernen, sich Anregung für ihr eigenes Engagement holen und Partnerschaften bilden können.“ Und es gibt auch „Schnittstellen zwischen Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen“. Richtig dagegen ist die Feststellung, dass „Nach wie vor kaum erforscht ist, welche Erfolgsfaktoren für bürgerschaftliches Engagement maßgeblich sind.“ Die entsprechende Handlungsempfehlung ist in der Ziff. 2 (Verbesserung des Wissenstandes über bürgerschaftliches Engagement) abgebildet. Leider fehlt bei beiden Stellen die Forderung, dass über die regelmäßige empirische Erfassung des bürgerschaftlichen Engagements von Unternehmen hinaus auch die Wirksamkeit des Engagements untersucht gehört.

Wenn in der Handlungsempfehlung 20 schließlich steht: „Die Erfahrungen und Analysen belegen, dass es dafür (für die Profilierung der Unternehmen als Träger gesellschaftlicher Verantwortung, LS) hinreichend Wege und Möglichkeiten gibt.“ fragt man sich, wieso in Handlungsempfehlung 18 „primär drei Probleme, die Unternehmen von einem gesellschaftlichen Engagement abhalten“ angesprochen werden. Angeblich „erkennen Unternehmen nicht immer einen sichtbaren Bedarf für ein bürgerschaftliches Engagement in ihrem Umfeld“. Die Wahrheit ist: Die Unternehmen fühlen sich „politisch“ nicht zuständig und erkennen deswegen nichts, denn sehen können sie alle ihr gesellschaftliches Umfeld. Angeblich „fehlen Unternehmen Informationen über die Handlungsmöglichkeiten, bestehende Strukturen sowie interessante Partner.“ Wenn das so wäre und es ein Handlungsbedürfnis gäbe, würden sie sich ganz schnell die Informationen beschaffen, wie in jedem anderen Geschäftsbereich auch. Angeblich „fehlen ihnen Kenntnisse über Formen des Engagements“ (alles Ziff. 18, S.15) – auch diese lassen sich ganz leicht beschaffen, wenn man denn wollte. Es ist zum Heulen: Wir sind nicht schuld, nur Opfer der undurchschaubaren Gesellschaft. Und Vater Staat soll’s richten – das ist kein unternehmerischer Ansatz in unseren Augen.

Loring Sittler ist Leiter des Generali Zukunftsfonds Deutschland, einem Instrument zur Wahrnehmung der Unternehmensverantwortung der Versicherungsgruppe Generali Deutschland. Zur ethischen Begründung der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen hat er bereits an anderer Stelle publiziert und wirkt auch in der Unternehmensinitiative „WIE – Wirtschaft-Initiative-Engagement“ an der weiteren Diskussion mit.

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