18.03.2013 | Von Die Stiftung

Ein Jahr Zuhören lernen

Überall ist die Klage zu hören, dass langjährige Verpflichtungen für ein Ehrenamt kaum noch gewollt sind und Zeitspenden, die auf ein konkretes Projekt begrenzt sind, Hochkonjunktur haben. Nach dieser Logik müsste die Evangelische Telefonseelsorge schon längst geschlossen sein. Denn wer dort anfangen möchte, durchläuft zunächst eine einjährige Schulung und muss der Organisation anschließend für mindestens zwei Jahre die Treue halten. Und Treue halten bedeutet: Zwei Fünfstundenschichten im Monat, eine davon nachts, und weitere zwei Stunden Supervision.

Doch weit gefehlt: Der Stand der Telefonseelsorge gehörte zu den bestbesuchten auf der Münchner Freiwilligen Messe Ende Januar, aktuell hat die Organisation mehr Bewerber als sie aufnehmen kann. Das Team der Ehrenamtlichen besteht aus 120 Menschen, davon 100 Frauen. „Man gibt viel, aber man bekommt auch etwas zurück“, versucht sich Jürgen Arlt, Leiter der Münchner Telefonseelsorge, an einer Erklärung für die Popularität seiner Einrichtung. Schließlich sei die professionelle Ausbildung auch ein persönlicher Vorteil. Allerdings werde es in Zukunft wohl kaum noch Menschen geben, die – wie seine dienstälteste Mitarbeiterin – mehr als 40 Jahre für die Einrichtung tätig sind.

Die Selbstmordkandidaten, für die ursprünglich die Telefonseelsorge entwickelt wurde, haben abgenommen, bestätigen alle Ehrenamtlichen auf dem Termin voller Erleichterung. Dafür mehren sich die psychisch Kranken und Anrufer jeden Alters, die unter Einsamkeit leiden.

Seit rund drei Jahren gibt es auch die Möglichkeit, sich per Chat beraten zu lassen. Hiervon machen nicht nur sehr internetaffine Menschen Gebrauch, sondern auch jene, die über ihren Schmerz noch nicht sprechen, aber schon schreiben können. Es ist noch schwieriger, in diesen Situationen zu beraten, da die Stimme des Klienten nicht zu hören ist und oft auch Geschlecht und Alter unbekannt sind. Einige beispielhaft vorgestellte Zitate aus den Chats zeugen von Gewalterfahrungen, Entfremdung von der Gesellschaft, psychischen Grausamkeiten und Selbstverletzungen.

Haben die ehrenamtlichen Telefonseelsorger da schon den Glauben an die Menschheit verloren? Keineswegs, bekunden alle Anwesenden. „Es ist immer eine konkrete Situation und ein konkretes Gespräch dem ich mich annehme“, erzählt Eva Elsner, die seit 2006 zum Team gehört. „Das kann ich doch nicht so einfach verallgemeinern.“

Stiftung Evangelische Telefonseelsorge
ts@ebz-muenchen.de
www.evangelische-telefonseelsorge-muenchen.de

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