13.01.2015 | Von Die Stiftung

Eine moderne Reise in die Vergangenheit

Welche spannenden Lebensgeschichten und auch Zeitzeugnisse auf einem Friedhof zu finden sind, ist in der Regel nur Experten bekannt. Eine Berliner Stiftung will dies ändern. Ihre neue App „Wo-sie-ruhen“ lädt zu einer von einem Audioguide begleiteten, kunsthistorischen Reise über 37 deutsche Friedhöfe ein.

Zu dritt wagen wir uns in den Nieselregen, um die neue App auszutesten. Das Tablet schützen wir mit einem Schirm vor der Nässe.

Doch das Wetter ist bald vergessen, als Belschner mich spontan zu einem Grab führt, das nicht in der App auftaucht. Das Epitaph zeigt einen Elefanten. Einer der grauen Riesen im Mittelalter in Nürnberg? Handelsbeziehungen mit dem Orient seien der Grund für diese Darstellung, erklärt er, und man spürt wie viel Freude ihm die Arbeit mit diesen Unikaten bereitet.

„Die App wird leider Gottes auf berühmte Persönlichkeiten limitiert. Dabei sind es die originalen Epitaphen, die den Johannisfriedhof ausmachen.“ Aber wenn man die alle aufnehmen wollte, würde man nicht mehr fertig werden, muss er eingestehen. Immerhin sind es knapp 6.500 Gräber und Gruften.

„Der Friedhof ist ne Fundgrube. Auch ich finde manchmal noch Gräber, wo ich sag – toll!“ Meiers blaue Augen leuchten hinter seiner Brille, er trägt eine graue Mütze, die Hände hat er tief in die Taschen seiner schwarzen Jacke vergraben. Seit 14 Jahren widmet er sich Tag um Tag diesen Gedenkstätten. Er gibt dabei Menschen einen Ort der Trauer und lässt ihre Geschichte weiterleben. Bei neuartigen Bestattungsformen, wie beispielsweise der Aschestreuwiese, ginge dies verloren, kritisiert er.

Um einen Totenschädel ranken sich Legenden
Das erste Grab auf unserer App-Tour befindet sich ganz in der Nähe des Verwaltungsgebäudes: die Ruhestätte des Nürnberger Patriziers Andreas Georg Paumgartner. Das schwarze Barockepitaph bedeckt fast den ganzen Grabstein und wird ergänzt durch einen Totenkopf mit beweglichem Unterkiefer.

Gräber
Der Totenkopf, die Legende über den Tod von Andreas Georg Paumgartner und das prachtvolle Barockepitaph machen dieses Grab zu einem der berühmtesten des Friedhofs.

„Der Totenschädel weist an der Schläfe ein Loch auf, was zur Legende der Ermordung Paumgartners durch seine Ehefrau mithilfe eines Nagels führte“, erzählt uns Hans-Jürgen Schatz. Keine Neuheit für meine zwei Begleiter. Den Besitzer habe der Totenschädel schon mehrmals gewechselt, erzählen sie mir. Wo das Original ist, wisse keiner.

Weiter geht es zu William Wilson, dem Lokführer der ersten deutschen Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth. Dieses Grab versetzt uns für kurze Zeit ins 19. Jahrhundert. Damals war Wilson aus Nordengland gekommen und blieb schließlich bis kurz vor seinem Tod in Diensten der Nürnberg-Fürther Eisenbahn. Wegen eines Mädels sei er vermutlich geblieben, ergänzt Belschner die Erzählung der App und grinst.

Wilsons Epitaph befindet sich auf der Rückseite eines stehenden Grabsteins der Familie Nudinger. Wie diese Verbindung zustande gekommen ist und was es mit dem Name Nudinger auf sich hat? Diese Fragen lässt die App unbeantwortet. Erst der Friedhofsführer „Curiosa“, welcher für 7 EUR bei der Verwaltung zu erhalten ist, schafft Klarheit: Wilsons Tochter Anna hatte den Nürnberger Sebastian Nudinger geheiratet. Auch sie ist auf der Rückseite des Familiengrabsteines erwähnt.

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