01.09.2015 | Von Die Stiftung

„Der Hauptfokus liegt in der Erfüllung des Stiftungszwecks“

Im Gespräch mit Patrick Deicher (BDO AG) über Chancen und Risiken von Schweizer Stiftungen

DIE STIFTUNG: Was glauben Sie, wo sind Stiftungen derzeit stärker herausgefordert: Auf der Einnahme- oder der Ausgabenseite?
Patrick Deicher: So pauschal lässt sich dies nicht sagen. Zu unterschiedlich sind die Stiftungen, ihre Strukturen und ihre Aufgaben. Es ist Aufgabe des Stiftungsrats, mit Weitblick allfällige Engpässe auf der Einnahmenseite vorauszusehen und die Tätigkeit der Stiftung entsprechend anzupassen oder Mittel zu generieren. Vor allem Stiftungen, die sich permanent refinanzieren müssen, sind im heutigen Markt stark unter Druck, neue Mittel zu erschliessen. Probleme auf der Ausgabenseite entstehen vor allem bei Stiftungen, die mit Unterstützungsgesuchen überrannt werden.

DIE STIFTUNG: Warum tun sich viele Stiftungen mit der Aufgabe „Management“ so schwer?
Deicher: Viele Stiftungen beziehen – zu Recht – ihre Legitimation nicht daraus, eine Aufgabe möglichst effizient zu erfüllen und zu managen. Der Hauptfokus liegt daher auch in der Erfüllung des Zwecks der Stiftung, insbesondere im Falle einer sozial-karitativen Organisation. „Management“ war lange Zeit nicht Teil des Selbstverständnisses der Stiftungen. Die Situation hat sich allerdings stark verändert! Zunehmend ist professionelle Führung auf operativer und strategischer Ebeneheute selbstverständlicher Bestandteil der Stiftungsarbeit. Sie wird zu Recht auch von Mittelgebern eingefordert.

DIE STIFTUNG: Ist mangelhaftes Management ggf. auch ein Haftungstatbestand?
Deicher: Nicht per se! Aber grundsätzlich besteht schon eine Haftung. Allerdings ist „mangelhaft“ eine etwas schwammige Kate gorisierung. Das schweizerische Stiftungsrecht geht hier viel weniger weit als beispielsweise das Aktienrecht. Liegen jedoch Widerrechtlichkeit, Verschulden, Kausalzusammenhang und vor allem ein Schaden vor, so besteht eine Haftung.

DIE STIFTUNG: Was sagen Sie einer Stiftung, die beispielsweise wesentliche Governance-Themen für sich ausklammert?
Deicher: Eine solche Stiftung geht sehr hohe Risiken ein, sowohl für die Organisation wie auch für die operativ und strategisch Verantwortlichen. Einerseits bestehen massive Reputationsrisiken und anderseits laufen Verantwortliche Gefahr, für die schlechte Amtsführung belangt zu werden. Zum Schutz der Personen und der Stiftung lohnt es sich, gute Governance bewusst zu planen und zu leben.

DIE STIFTUNG: Welches ist in Ihren Augen die wichtigste Herausforderung für Schweizer Stiftungen, auch aus rechtlicher Sicht?
Deicher: Aktuell sind neue Vorgaben zur Rechnungslegung aus rechtlicher Sicht die wichtigsten Herausforderungen. Daneben besteht jedoch auch zunehmender Druck zu Transparenz und zur Bekanntmachung der Existenz und Tätigkeit der Stiftung. Eine gemeinnützige Stiftung, die ihre potenziellen Nutzniesser nicht erreicht, erfüllt ihren Zweck nicht. Eine grosse Herausforderung ergibt sich auch aus der – eigentlich sehr erfreulichen – Zunahme an Stiftungen. Immer mehr Stiftungen decken thematisch ähnliche Zwecke  ab, sind aufgrund der begrenzten Grösse oft aber nicht in der Lage, wirklich nachhaltige Wirkung im Sinne des Stiftungszwecks zu erzielen. Im Verhältnis entsteht zu viel Aufwand für die Verwaltung der Stiftung.

DIE STIFTUNG: Wird es in der Schweiz einen Trend zur Auflösung bzw. Fusion von Stiftungen geben?
Deicher: Eine Auflösung von Stiftungen sehe ich nur, wenn die Mittel erschöpft sind, die Stiftung nicht mehr operativ tätig und der Stiftungszeck erfüllt ist. Den Trend zum Zusammenschluss von Stiftungen sehe ich noch nicht. Neben einer Fusion von Organisationen besteht auch die Möglichkeit der Bündelung und Vernetzung. Damit kann die kritische Grösse für eine nachhaltige Zielerreichung erlangt werden. Durch Zusammenlegung der operativen Aktivitäten wird beispielsweise das Verhältnis zwischen Aufwand und erzielter Wirkung verbessert.

 

BDO_DeicherPatrick Deicher ist Historiker und Betriebswirtschafter. Als Unternehmensberater leitet er den Bereich Non-Profit-Organisationen BDO AG Schweiz. Ehrenamtlich engagiert er sich als Stiftungsrat der Stiftung Luzerner helfen Luzernern und als Stiftungsrat des Panorama-Museums in Altötting/ Deutschland.

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