20.04.2020 | Von Die Stiftung

Gelebte Inklusion in Äthiopien

In Entwicklungsländern gilt Behinderung vielfach als Fluch, und nur ein Bruchteil der betroffenen Kinder geht zur Schule. Es gibt aber durchaus vorbildliche Beispiele von Inklusion – von denen deutsche Schulen sich eine Scheibe abschneiden könnten.

Inklusion
Sekina (links) und Aster bilden ein „Tandem“. Sekina hilft ihrer blinden Freundin im Schulalltag, wo immer sie kann. Foto: CBM

Inklusion auf einem Schulhof mitten in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba: Arm in Arm gehen Sekina und Aster in die Pause. Die beiden Teenager in der blau-gelben Uni­form tuscheln vertraulich, sie sind Freundinnen. Aster hat sich fest bei Seki­na untergehakt. Die 14-Jährige führt ihre Altersgenossin sicher über den lärmen­den Schulhof zur Essensausgabe, vorbei an einer Gruppe fußballspielender Jun­gen. Aster ist blind. Und Sekina hilft ihr, wo immer es geht im Schulalltag. Aber auch Sekina hat viel von ihrer blinden Freundin gelernt. „Sie zeigt mir jeden Tag, was man mit einem starken Willen alles erreichen kann“, sagt Sekina be­wundernd. „Denn sie selbst muss sich al­les so hart erkämpfen.“

An der German Church School in Ad­dis Abeba ist Inklusion täglich gelebte Praxis. Und das, obwohl es in einem Land wie Äthiopien alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist, dass Kinder mit und ohne Behinderung Kontakt ha­ben. „Häufig werden die Kinder von ih­ren Eltern versteckt“, erklärt Teklu Ta­fesse. Der Äthiopier ist seit 23 Jahren Di­rektor der Schule. „Behinderung wird vielfach leider noch immer als eine Stra­fe Gottes gesehen“, fügt er hinzu.

Inklusion
Gemeinsam Spaß haben, egal ob mit Behinderung oder ohne – das ist gelebte Inklusion. Foto: CBM

Weniger als zehn Prozent der betroffe­nen Kinder gehen in dem tief religiösen Land überhaupt zur Schule. Das will die German Church School ändern. Gegrün­det wurde sie vor 48 Jahren von der deutschsprachigen evangelischen Ge­meinde, zunächst für Kinder aus sehr ar­men Familien der umliegenden Slums. Später öffnete sich die German Church School, in der ausschließlich Äthiopier arbeiten, auch für blinde und sehbehin­derte Kinder. Sie wird von zahlreichen, auch deutschen, Nichtregierungsorgani­sationen unterstützt, darunter die Hilfs­organisationen Christoffel-Blindenmissi­on (CBM) und Kindernothilfe sowie die finnische Nichtregierungsorganisation Interpedia.

Kinder gegen Vorurteile

Knapp 500 Kinder besuchen derzeit die German Church School. Jedes Jahr wer­den 36 Schüler neu aufgenommen, acht von ihnen mit Behinderung. Die Schule richtet sich vorwiegend an blinde und sehbehinderte Kinder, aber neuerdings können dort auch Kinder mit anderen Behinderungen den Unterricht besu­chen. Am Anfang eines jeden Schuljah­res werden ein Kind mit und eines ohne Beeinträchtigung zu einem Team ver­bunden. Das dient zum einen der prakti­schen Hilfe im Alltag. Gleichzeitig för­dert es Freundschaften und Verständnis füreinander. Denn die Kinder entwickeln erst gar keine Berührungsängste. „Meist gehen sie selbst gegen bestehende Vor­urteile vor“, berichtet der Rektor stolz. „Sie erklären ihren Verwandten und Nachbarn zu Hause, dass ihre blinden Freundinnen und Freunde gar nicht an­ders sind, sondern dass der einzige Un­terschied darin besteht, dass sie nicht sehen können.“ Alle Kinder werden bis zur achten Klasse nach äthiopischem Lehrplan unterrichtet. Für die blinden und sehbehinderten Kinder gibt es au­ßerdem Spezialkurse, beispielsweise EDV-Trainings oder Unterricht in Braille­schrift. Regelmäßig besuchen die Sozial­arbeiter der Schule die Kinder und ihre Eltern zu Hause. Sie prüfen die familiäre Situation und helfen, die Lernsituation des Kindes zu verbessern.

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Inklusion ist gut für die Wirtschaft

Die Erfahrungen, die man in Addis Abe­ba mit der gelebten Inklusion gemacht hat, sind gut: Viele der Ab­solventen mit Beeinträchtigung schaffen den Sprung an die Universität. So wie Geletaw Mulu. Heute ist der 36-Jährige ein angesehener Anwalt. Der Sohn eines Bauern aus dem äthiopischen Hochland erblindete, als er acht Jahre alt war. Von Verwandten aus Addis Abeba erfuhr er damals von der German Church School. Der Junge wurde aufgenommen und ist bis heute ein Vorbild für viele. Denn er schloss nicht nur die Schule als bester Absolvent seines Jahrgangs ab. Er war auch der erste sehbehinderte Student, der an einer äthiopischen Universität Aufnahme fand. Doch es wurde ein stei­niger Weg. Zum Jurastudium schickte man Geletaw Mulu ins 900 Kilometer ent­fernte Mekele. „Damals gab es weder Materialien in Brailleschrift noch sonsti­ge Unterstützung für Menschen mit Be­hinderungen“, berichtet Geletaw Mulu.

Von dem Stipendium, das ihm die German Church School finanzierte, be­zahlte er andere Kommilitonen – sie la­sen ihm Unmengen von Texten vor, die er fürs Studium brauchte. Heute kann Geletaw Mulu als Anwalt seinen Lebens­unterhalt gut bestreiten, ist verheiratet und hat drei Kinder. Sein Beispiel zeigt, wie inklusive Bildung gerade auch in der Entwicklungsarbeit nicht nur das Leben der Betroffenen selbst, sondern die Ge­sellschaft als Ganzes bereichern kann. Denn Menschen mit Behinderungen, die – wie Geletaw Mulu – finanziell ein unab­hängiges Leben führen, verursachen ge­ringere Kosten für die Gemeinschaft und tragen selbst zur wirtschaftlichen Ent­wicklung bei.

Das belegt auch eine Untersuchung des „International Centre for Evidence in Disability“ an der London School of Hy­giene & Tropical Medicine. Die Studie trägt wesentliche Forschungsergebnisse zum Thema zusammen und schafft so erstmals eine solide Datengrundlage, um den bisher angenommenen Kreislauf von Armut und Behinderung zu unter­mauern.

Das Ergebnis zeigt: Inklusion zahlt sich auch wirtschaftlich aus. Denn die Betroffenen beanspruchen ihre Familien weniger, wodurch die Angehörigen mehr Zeit haben, einem Beruf nachzugehen. Das kommt der Gesellschaft insgesamt zugute, kann die Steuereinnahmen und das Bruttosozialprodukt steigern – in Ländern niedrigen und mittleren Ein­kommens sogar um bis zu sieben Pro­zent. Was es umgekehrt bedeutet, wenn Familienmitglieder, die Menschen mit Behinderungen zu Hause betreuen, nicht arbeiten gehen, zeigen Erhebungen etwa am Beispiel von Bangladesch. Dort be­trägt der jährliche gesamtwirtschaftli­che Einkommensverlust laut einem Be­richt der Weltbank durch solche Betreu­ungstätigkeiten rund 234 Millionen US-Dollar pro Jahr.

Modellschule für Äthiopien

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Auch der Sportunterricht findet an der German Church School gemeinsam statt. Foto: CBM

Inklusive Projektarbeit in Entwicklungs­ländern stößt allerdings immer wieder an Grenzen. Die German Church School in Addis Abeba ist davon nicht aus­ genommen: „Viele verlassen unsere Schule mit hervorragenden Abschlüs­sen“, sagt Rektor Tafesse. „Dann aber haben sie an den weiterführenden staat­lichen Schulen oft mit Schwierigkeiten zu kämpfen.“ Es fehle an inklusiven Un­terrichtsmaterialien, speziell ausgebil­deten Lehrkräften und Barrierefreiheit.

Die German Church School unter­stützt ihre ehemaligen Schüler daher auch weiterhin. Zum Beispiel bietet sie ihnen jeden Samstag persönliche Bera­tung an. Sie gilt als Modellschule für ganz Äthiopien. Ein Vorzeigeprojekt, das die Verantwortlichen gerne ausweiten möchten.

Hürden der Projektarbeit

Die Realität der meisten Menschen in Äthiopien, einem der ärmsten Länder der Welt, aber ist eine andere. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Land: „Und dort gehen häufig 60 bis 70 Kinder in eine Klasse“, berichtet Fran­cesco Giulietti, der das Landesbüro der CBM in Äthiopien leitet. „Unter solchen Bedingungen ist es nahezu unmöglich, Kinder mit Behinderungen einzuglie­dern, vor allem, wenn es sich um schwe­re oder Mehrfachbehinderungen han­delt.“

Bei der Umsetzung von Projekten vor Ort gibt es jedoch auch andere Hürden: Die CBM erreicht mit ihrer Arbeit die Ärmsten der Armen, ist daher vor allem in abgelegenen Gebieten tätig. „In sol­chen Regionen ist es grundsätzlich be­sonders schwierig, qualifizierte Mitar­beitende zu finden und zu halten“, be­richtet Giulietti. Häufig sei es so, dass diese nach dem absolvierten Trainings­programm in größere Städte abwander­ten, wo sie bessere Jobperspektiven sä­hen.

Die lokalen Partner, mit denen man zusammenarbeite, seien zudem unter­schiedlich stark. „Sie alle sind sehr gut, wenn es darum geht, Projekte vor Ort zu implementieren, die das Leben von Men­schen mit Behinderungen verbessern“, sagt er. Einige der Partner aber hätten große Schwierigkeiten, den Anforderun­gen, die CBM an das Reporting stellt, ge­recht zu werden.

Barrieren im Flüchtlingslager erschweren Inklusion

Auch ethnische Konflikte können in ei­nem Vielvölkerstaat wie Äthiopien das Wirken von NPO beeinträchtigen – zum Beispiel weil sie die Reisetätigkeit im Land einschränken. Besonders schwie­rig gestaltet sich inklusive Bildungsar­beit jedoch in Flüchtlingsgebieten. Denn in den Camps sind die Barrieren für Men­schen mit Behinderungen oft noch um ein Vielfaches größer. Sie können sich auf dem unwegsamen Gelände beson­ders schlecht bewegen. Bei vielen von ihnen kommen auch psychische Beein­trächtigungen hinzu – ausgelöst durch den Verlust der Heimat oder durch Trau­mata vor oder auf der Flucht. Das gilt be­sonders für Kinder. Zahlen der UN über afghanische Flüchtlingskinder in Pakis­tan zeigen: Nur ein Viertel der Kinder mit psychischen Beeinträchtigungen geht zur Schule. Der Anteil bei den Kin­dern ohne Behinderung ist doppelt so hoch. Deshalb legt die CBM etwa bei ih­ren Projekten für Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch großen Wert darauf, dass auch die Bildungsangebote inklusiv sind.

Wieder Kind sein dürfen

In einem von CBM betriebenen „Child Friendly Space“, einer Art Kindertages­zentrum, finden derzeit 105 Kinder mit und ohne Behinderungen einen sicheren Raum, in dem sie spielen und ihre trau­matischen Erlebnisse verarbeiten kön­nen. Viele von ihnen haben Gewalt er­lebt oder gesehen, wie Familienmitglie­der gestorben sind. Einfache Dinge wie mit anderen teilen oder in einer Reihe stehen sind für diese Kinder deshalb echte Herausforderungen. Schrittweise lernen sie in diesen Zentren, wieder ge­meinsam zu spielen, Regeln zu befolgen und zuzuhören: wichtige Voraussetzun­gen für den Schulbesuch – und um wie­der Kind sein zu können.

Zur Autorin: Cornelia Derichsweiler ist Pressereferentin der Christoffel-Blindenmission (CBM) Deutschland.
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