29.01.2014 | Von Die Stiftung

Mitmachen statt alles selber machen

Der zunehmende Wunsch nach mehr gesellschaftlicher Wirkung auf der einen und sinkende Kapitalerträge auf der anderen Seite lassen für viele Stiftungen Kooperationen sehr attraktiv erscheinen. In der Tat können Organisationen, die gut harmonieren, auf diese Weise Ergebnisse erzielen, die größer sind als die Summe ihrer Teilnehmer. Eine Zusammenarbeit in der Vermögensanlage sollte dagegen gut überlegt sein.

Kräfte bündeln, um gemeinsam erfolgreicher zu sein
Noch sind Beispiele wie dieses selten in der insgesamt stark zersiedelten Non-Profit-Landschaft. Doch mit dem Wunsch, den Organisationszweck effektiv umzusetzen und eine größere Wirkung zu erzielen, wächst aktuell gerade bei Stiftungen das Interesse an Kooperationen, hat Jörg Martin beobachtet. „Stiftungen, die kooperieren, bündeln ihre Kräfte im Sinne ihres Stiftungszweckes, um gemeinsam erfolgreicher zu sein“, so der Geschäftsführer der Deutschen Stiftungsagentur mit Hauptsitz in Neuss. „Denken Sie nur an ein Auto, das im Morast steckengeblieben ist: Alleine kann man wenig ausrichten, aber wenn mehrere ziehen oder schieben, bekommt man das Auto frei.“ Tue obendrein jeder das, was er am besten könne, komme das gesamte Kollektiv schneller ans Ziel.

Nicht zu unterschätzen seien dabei Fragen der Koordination, meint Martin und erläutert auch dies anhand eines vierrädrigen Fortbewegungsmittels: „Bei einem liegen gebliebenen Auto hat es wenig Sinn, drei Reifenmonteure darum zu versammeln. Hilfreich wäre zunächst die Diagnose durch einen Spezialisten, dann der gezielte Einsatz eines Reifenmonteurs, eines Automechanikers oder eines Abschleppdienstes.“ Durchdachte Koordinationsarbeiten führten dagegen dazu, Ressourcen zu schonen, die vorhandenen gezielt einzusetzen und effizienter zu arbeiten.

Entscheiden sich Stiftungen für eine Kooperation, bedarf es allerdings deutlich mehr als den Entschluss, gemeinsam eine gute Sache zu verwirklichen. „Es ist unbedingt notwendig, die Arbeitsweisen und gemeinsamen Ziele abzugleichen, vertraglich die Zuständigkeiten – wer was wann macht – festzulegen und entsprechende Kommunikationsstrukturen aufzubauen“, betont der Stiftungsberater. „Darüber hinaus sollten Meilensteine definiert sowie ein übergeordnetes Controlling eingerichtet werden. Auch sollte schon im Vorfeld darüber gesprochen werden, ob es sinnvoll ist, die Kooperation und deren Ergebnisse zu evaluieren.“ Ebenso sei es wichtig, dass die Chemie zwischen den handelnden Personen stimme. Gerade dieser Aspekt werde jedoch häufig vernachlässigt.

Gut aufgehoben in den Programmen der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und ihrer Tochtergesellschaft Start-Stiftung gGmbH fühlt sich in jedem Fall Jürgen Sengpiel. Der Hamburger Schifffahrtskaufmann gründete im Jahr 2006 gemeinsam mit seiner Frau Hilde Suhr eine nach ihm benannte Stiftung zur Förderung der Ausbildung und Erziehung junger Menschen mit Migrationshintergrund in der Hansestadt. Auf einer Veranstaltung der ZEIT-Stiftung für Neustifter erfuhr er, dass bereits andere Organisationen zwei Projekte entwickelt hatten, die sehr gut zu seinem Stiftungszweck passten. Sengpiel entschied sich, bei beiden Programmen Kooperationspartner zu werden.

Zwei Drittel des Budgets für Programme anderer Stiftungen
So fördert die Jürgen Sengpiel Stiftung nun zum einen jährlich zehn bis zwölf Teilnehmer von „Horizonte“, einem zweijährigen Stipendienprogramm der Hertie-Stiftung für Lehramtsstudenten mit Migrationshintergrund, mit insgesamt 100.000 bis 120.000 EUR. Zum anderen finanziert die Organisation auch für die Start-Stiftung jedes Jahr mehrere Schülerstipendien für Jugendliche mit Migrationshintergrund in Höhe von zusammengerechnet 7.500 bis 17.500 EUR. Alles in allem gibt die Stiftung rund zwei Drittel des jährlichen Budgets für die Programme der beiden Organisationen aus, der Rest geht in einzelne Maßnahmen. Da das Grundstockvermögen von 1,5 Mio. EUR hauptsächlich aus einer Unternehmensbeteiligung stammt, kann dieses Förderniveau auch in der aktuellen Niedrigzinsphase aufrechterhalten werden.

Mit seiner Entscheidung, das philanthropische Rad gerade nicht neu zu erfinden und Juniorpartner zweier wesentlich größerer Organisationen zu werden, ist der Stifter sehr zufrieden. „Die Projekte waren bereits ausgearbeitet und hatten eine Infrastruktur, die ich nutzen konnte“, erzählt Jürgen Sengpiel. „Dadurch ist es möglich, die Mittel effizient einzusetzen und die Verwaltungskosten gering zu halten.“ Einer ehrenamtlich geführten Stiftung wäre es nie möglich gewesen, Verhandlungen mit Universitäten und Behörden zu führen, wie es die großen Partner getan haben. Ebenso wenig sei es denkbar, den Stipendiaten die Betreuung durch Tutoren sowie Seminare und Exkursionen anzubieten, von einem Alumni-Netzwerk ganz zu schweigen. „Auch eine Evaluation hätte ich selbst nie hinbekommen“, sagt der Stifter. „Im Alleingang hätte ich nur hier und da einzelne Projekte fördern können.“

Sorgen, dass seine Interessen nicht ausreichend vertreten sind, macht sich Sengpiel nicht: „Ich bin Mitglied der Auswahlgremien und habe auf diese Weise Einfluss auf die Zusammensetzung der Stipendiaten.“ Selbstverständlich erfordert diese Partnerschaft gewisse Kompromisse bei der Umsetzung des Stiftungszwecks. „Ein Stifter muss eben überlegen, ob er bereit ist, in Kooperationen nur 90% seiner Ideen zu verwirklichen, dafür aber 100% der Stiftungsmittel effizient einzusetzen“, meint der Hanseat.

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