16.12.2019 | Von Alexandra Jarchau

Müllhalde Ozean: kleines Plastik, großes Problem

2050 könnte laut WWF mehr Plastik in unseren Meeren schwimmen als Fische. Doch nicht nur sichtbarer Müll verschmutzt die Ozeane und beeinträchtigt die Meereslebewesen. Was können Stiftungen gegen Geisternetze, Müllstrudel und Mikroplastik tun?

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Müllhalde Ozean: In den Meeren der Welt dümpeln bereits heute bis zu 150 Millionen Tonnen Plastikabfall. Foto: Cor Kuyvenhoven

Schildkröten, die an Strohhalmen ersticken, verschmutzte Strände, Inseln aus Müll – kaum eine Bedro­hung der Meere ist so sichtbar wie Plastik-Abfälle. Pro Jahr wandern bis zu zehn Millionen Tonnen Müll in die Meere. Umgerechnet etwa so viel, als würde jede Minute ein Las­ter seine komplette Ladung ins Meer kippen. Wie viel Abfall heute bereits in den Ozeanen dümpelt, ist schwer zu be­ziffern. Denn über zwei Drittel davon sinken auf den Meeresboden. Laut dem WWF sind es mittlerweile schätzungsweise 86 Millionen bis 150 Millionen Tonnen – ein schweres Problem also, dessen sich aber zahlreiche Stiftungen, Initiativen und Vereine annehmen.

Strudel aus Müll

Dort, wo in den Ozeanen verschiedene Strömungen aufeinander treffen, entstehen Oberflächenstrudel. In diesen sammeln sich große Mengen Plastik an, so dass regelrechte Inseln aus Müll entstehen. Inzwischen gibt es fünf dieser Müllstrudel. Der weltweit größte, der Great Pacific Garbage Patch, befindet sich im Nordpazifik zwischen Kalifornien und Hawaii. Forscher schätzen seine Größe auf rund 1,6 Millionen Quadratkilometer – das entspricht in etwa der Fläche Mitteleuropas.

Der 25-jährige Niederländer Boyan Slat hat sich mit seinem Projekt „The Ocean Cleanup“ zum Ziel gesetzt, die Meere von 90 Prozent der Plastikver­schmutzung zu befreien. Dafür hat sein 35-köpfiges Team ein spezielles Fangnetz entwickelt. Die bogenförmige Konstruktion soll durch die Strömung im Meer treiben, um Plastikmüll einzufangen. 2018 setzte das Team um Slat den Müllfänger in den Great Pacific Garbage Patch. Zu Beginn schwamm das Plastik noch durch die Konstruktion hindurch. Anfang Oktober dieses Jahres meldete Slat nach einigen Anpassungen schließlich erste Erfolge. Der Müllfänger habe erstmals große und kleine Plastik­teile eingesammelt. Konkrete Angaben über Menge und Art des Plastiks oder Beifang machte die Orga­nisation jedoch bisher nicht. Die Testphase soll noch bis Ende des Jahres laufen.

Plastik früher einsammeln

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Über Flüsse gelangt viel Plastik ins Meer.Der „Interceptor“ soll den Müll abfangen. Foto: The Ocean Cleanup

Ocean Cleanup startete unlängst ein weiteres Projekt: Schiffsähnliche Container sollen das Plastik schon auf den Flüssen sammeln, bevor es ins Meer gelangt. Im Testeinsatz sind die sogenannten Interceptoren bereits auf zwei stark verschmutzten Flüssen in Indonesien und Malaysia. Barrieren leiten den Müll in Richtung eines Auffanggeräts, das den Müll über ein Fließband in den Container befördert. Dort soll der Müll getrennt und im besten Fall sogar recycelt werden. Die Flüsse zu reinigen, wird als sinnvoller Ansatz angesehen. Jedoch kam eine Studie, die Boyan Slat mit realisierte, zu der Einschätzung, dass über Flüsse jährlich zwischen rund einer und zweieinhalb Millionen Tonnen Plastik ins Meer gelangen. Das entspricht zehn bis 25 Prozent des gesamten jährlich ins Meer gespülten Plastiks. Ob sich der Plastikmüll durch die beiden Projekte also wirklich um 90 Prozent reduzieren lässt, ist fraglich. Weitere Maßnahmen sind notwendig, um das globale Problem zu lösen.

Im Netz gefangen

Eine in der Zeitschrift Nature veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass der Great Pacific Garbage Patch nicht – wie häufig angenommen – hauptsächlich aus Haushaltsmüll besteht. Die Hälf­te des Plastiks machten demnach Fischernetze aus. Wenn sich Netze von Schiffen losreißen, verbleiben sie als sogenannte Geisternetze in den Meeren – und fangen dort endlos weiter. Neben Fischen verheddern sich auch andere Tiere wie Wale, Rob­ben, Schildkröten und Vögel.

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Überall im Meer schwimmen Geisternetze. Foto: Giorgos Toumpaniaris

Healthy Seas führt regelmäßig Tauchprojekte durch, um Meerestiere zu befreien und die Netze einzusammeln. Seit der Gründung 2013 hat die Initiative nach eigenen Angaben bereits rund 500 Ton­nen Geisternetze aufgelesen. „In den meisten Fällen berichten uns Fischer und Taucher, wo sich Geister­netze befinden – dabei geben wir Meeresgebieten mit ausgeprägter ökologischer Bedeutung Vor­rang“, erklärt Veronika Mikos, Projektkoordinatorin bei Healthy Seas. Dafür arbeitet die Initiative mit der niederländischen Ghost-Fishing-Stiftung zusammen, die wiederum freiwillige Taucher beschäftigt. Beide finanzieren sich durch Spenden. Neben Ghost Fishing sind auch zwei Unternehmen Gründungsmitglieder: der italienische Polyamid-Hersteller Aquafil und der niederländische Sockenprodu­zente Star Sock. Das Ziel: Meeresschutz und Kreis­laufwirtschaft zu verbinden. „Wir stellen sicher, dass die zurückgewonnenen Fischernetze anschließend zu Garn verarbeitet werden. Daraus stellen unsere Partner dann neue nachhaltige Produkte her“, erklärt Mikos. Das sind zum Beispiel Socken, Bademode oder Teppiche.

Fast nicht zu sehen

Allerdings ist auch mit dem Aufsammeln der Netze das Problem nicht vollständig gelöst: Denn von den Geisternetzen lösen sich kleine Plastikfasern, die im Meer verschwinden. Plastikteile, die einen Durch­messer unter fünf Millimeter haben, werden als Mikroplastik bezeichnet. Sie entstehen auch durch den Zerfall von anderen Kunststoffprodukten, zum Beispiel durch Schuh- oder Reifenabrieb, oder wer­den gar zu Gebrauchszwecken produziert.

Marcella Hansch ist Architektin. In ihrer Ab­schlussarbeit an der RWTH Aachen hat sie sich mit der Plastikverschmutzung der Meere beschäftigt. Sie entwickelte eine 400 Meter lange kammähnliche Plattform, die die Strömungen beruhigen und so auch kleine Plastikteile filtern soll.

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Diese Plattform entwickelte Marcella Hansch, um auch kleine Plastikteile aus dem Meer zu filtern. Foto: Pacific Garbage Screening

„Zunächst war Pacific Garbage Screening nur eine theoretische Ar­beit“, sagt Hansch, „mehrere Experten hielten auch die praktische Umsetzung für möglich, deshalb habe ich mit anderen Studenten ein ehrenamtliches Projekt gestartet.“ Dieses ist schnell gewachsen. Seit Anfang des Jahres arbeitet Hansch Vollzeit für den 2016 von ihr gegründeten Verein und hat ein mehrköpfiges Team um sich. Finanziert wird Pacific Garbage Screening über Spenden und mit Hilfe von zwei Stiftungen: der niedersächsischen Tier-Um­welt-und-Naturschutz-Stiftung und der österreichischen Hermann-und-Marianne-Straniak-Stiftung. „Eigentlich ist der Stiftungszweck der Straniak-Stif­tung, die Menschenrechte zu fördern. Allerdings können Menschen natürlich nur existieren, wenn die Erde nicht zugrunde geht“, erläutert Hansch.

Ökosystem Plastik?

Genau wie Boyan Slat von The Ocean Cleanup hatte sie zunächst die Vision, die Plattform auf den Ozeanen einzusetzen und den großen Müllteppi­chen den Kampf anzusagen. Einige Biologen wür­den allerdings in Frage stellen, ob man das Plastik aus den Meeren überhaupt entfernen sollte: Da der Müll bereits ein Ökosystem gebildet habe, könne man die Folgen nicht abschätzen. „Das sehe ich kri­tisch“, sagt Hansch. „Fakt ist aber, dass viel Plastik über die Flüsse in die Ozeane gelangt.“ Deshalb hat auch Pacific Garbage Screening im letzten Jahr die Pläne geändert und will sich nun auf die Flüsse kon­zentrieren.

„Fakt ist, dass viel Plastik über die Flüsse in die Ozeane gelangt.“

Momentan hapere es noch an der Finan­zierung, sagt Hansch, sie sei aber zuversichtlich, dass 2020 erste Feldversuche auf Flüssen gestartet werden können. Ein modulares System soll zum Ein­satz kommen: So muss nicht für jeden Fluss eine neue Plattform entworfen werden. Der Unterschied zum Ocean Cleanup: „Unsere Konstruktion ist weni­ger aufwendig und deshalb günstiger. Außerdem wollen wir etwas tiefer gehen und nicht nur an der Oberfläche fischen.“ Sie sehe sich aber nicht in Konkurrenz mit dem niederländischen Projekt. „Im Gegenteil: Es ist wichtig, dass es viele unterschiedliche Projekte gibt. Unter diesen gibt es keine eierlegende Wollmilchsau – dafür ist das Problem zu groß.“

Klein anfangen

Auch zahlreiche lokale Projekte setzen sich gegen die Vermüllung der Meere ein. Mit „Mehrweg fürs Meer“ möchte der Nabu dem Problem entgegenwir­ken, bevor es entsteht: In der Ostsee soll kein Müll landen. Deshalb gibt es für Strandurlauber auf der Insel Fehmarn seit September 2016 bei einigen gas­tronomischen Einrichtungen umweltfreundliches Mehrweggeschirr. Das Pilotprojekt, welches die Veolia-Stiftung, gemeinnützige Unternehmensstif­tung des Umweltdienstleisters Veolia, unterstützt, soll zeigen: Ein Mehrwegsystem hilft, Abfall zu ver­meiden und Ressourcen zu schonen, und schützt so das Meer und seine Bewohner. In Zukunft möch­te der Nabu auch andere Kommunen und Betriebe überzeugen, Mehrwegalternativen anzubieten.

„Wir müssen noch einen Schritt früher anfangen.“

Pacific Garbage Screening hat ein weiteres Pro­jekt ins Leben gerufen, um das Plastikproblem an der Wurzel zu packen. „Wir müssen noch einen Schritt früher anfangen – und dafür sorgen, dass gar nicht erst so viel Plastik verwendet wird“, sagt Marcella Hansch. Das aktuelle Konsumverhalten der Menschen findet die Architektin katastrophal. Außerdem seien sich die wenigsten darüber be­wusst, was mit ihrem Müll passiert. In erster Linie müsse also eine Aufklärung stattfinden. Dafür ent­werfen Hansch und ihr Team Schulmaterialien und geben Workshops. „Man muss ja kein Zero-Waste-Konzept umsetzen – Jeder müsste nur ein bisschen bewusster konsumieren. Denn Müll, der nicht ent­steht, kann auch nicht im Meer landen.“

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