27.02.2018 | Von Martina Benz

„Obdachlosigkeit ist kein saisonales Phänomen“

Eisige Temperaturen in Deutschland – doch nicht jeder hat den Schutz einer warmen Wohnung. Der Verein „Freunde der Kölner Straßen und ihrer Bewohner“ ist sieben Tage die Woche mit seinem Kältebus unterwegs, um Obdachlose vor den lebensgefährlichen Temperaturen zu schützen.

Obdachlosigkeit
Der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Obdachlosigkeit entgegenwirken und Menschen auf der Straße helfen - das sind Ziele des „Freunde der Kölner Straßen und ihrer Bewohner e.V.“. Foto: Christina Bruns

Die Temperaturen gehen derzeit weit unter 0 Grad. Was bedeutet das für Menschen, die auf der Straße leben?
Arzu Mischkoff: Ein Mensch, der das ganze Jahr über auf der Straße wohnt, nimmt Temperaturen ganz anders wahr und weiß, wie er sich verhalten muss. Trotzdem können solche Extremtemperaturen  lebensgefährlich sein.

Wie reagieren Sie als Verein darauf?
Mischkoff: Derzeit ist es unser oberstes Ziel, die Leute für die Nacht zu versorgen und eine Unterkühlung zu vermeiden. Statt zweimal sind wir deshalb sieben Tage die Woche mit unserem Kältebus in den Abendstunden unterwegs. Nicht immer mit frischem Essen – das nur zu unseren zwei regulären Terminen an festen Orten und den angefahrenen Schlafplätzen. Die restlichen fünf Tage verteilen wir während unseres Bereitschaftsdienstes je nach Bedarf „Fünf-Minuten-Terrinen“, Heißgetränke und vor allem Schlafsäcke und Isomatten. Wo möglich, versuchen wir die Leute davon zu überzeugen, Notschlafstellen aufzusuchen. Doch manche Menschen sind auf der Straße, weil sie das so wollen. Fehlende Informationen sind eher selten der Grund.

Viele offene Augen und Ohren für die Obdachlosigkeit

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Bis in die Nacht hinein können Passanten Obdachlose an den Verein melden. Foto: Freunde der Kölner Straßen und ihrer Bewohner e.V.

Woher wissen Sie, wo Sie gerade gebraucht werden?
Mischkoff: Über den Tag verteilt erhalten wir etwa 20 Anrufe von Passanten, die uns melden, wo ein Obdachloser Hilfe benötigen könnte. Darüber freuen wir uns sehr – unser Bereitschaftsdienst funktioniert nur, weil wir so eine große Zahl an Augen und Ohren über die Stadt verteilt haben. Wir freuen uns aber auch über jeden, den wir nicht antreffen. Denn das zeigt, dass er eine Notschlafstelle oder ein anderes Angebot aufgesucht hat.

Das klingt nach einem ziemlich aufwändigen Ehrenamt. Wie viel Zeit nimmt es bei Ihnen momentan in Anspruch?
Mischkoff: Das vergangene Wochenende war proppenvoll. Samstag habe ich den Telefondienst für die Kollegen übernommen, die von sieben Uhr abends bis drei Uhr nachts mit dem Bus unterwegs waren. Gestern stand ich drei Stunden lang im Namen des Vereins bei uns in der Kirche, um Spenden entgegenzunehmen. Abends bin ich dann den Bereitschaftsdienst gefahren und war erst gegen viertel vor zwei zu Hause. Der Wecker klingelt aber trotzdem um sechs Uhr.

Ist der Einsatz immer so intensiv?
Mischkoff: Nein. Den Bereitschaftsdienst halten wir nur solange aufrecht, wie uns die Situation Sorgen macht. Mehr ist mit unseren Kapazitäten gar nicht durchzuhalten. Wenn die Temperaturen nicht mehr bedrohlich sind, rücken wir nur noch zweimal die Woche aus – das dafür zehn Monate im Jahr.

Werden Sie denn auch im Sommer gebraucht?
Mischkoff: Obdachlosigkeit ist kein saisonales Phänomen, die meisten Menschen identifizieren sich bei Kälte nur mehr mit denjenigen, die auf der Straße leben. In Wirklichkeit verlagern sich die Problematiken im Frühjahr oder Sommer nur. Statt Kälte wird Durst zu einem Problem. Ein Grundbedürfnis aber ist die Kommunikation. Und die ist temperaturunabhängig. Das Essen, das wir verteilen, ist oftmals nur ein Türöffner für Gespräche.

Können Sie einen Ihrer Versorgungsgänge mit dem Bus skizzieren?
Mischkoff: In einer normalen Woche stehen wir zweimal, sowohl montags als auch mittwochs, um 20 Uhr mit unserem Bus am Breslauer Platz am Hauptbahnhof, wo in der Regel bereits 40 bis 80 Menschen auf uns warten. An Bord haben wir 30 Liter Suppe, zehn Kilo Obst, Süßigkeiten, Kleidung, Hygieneartikel und Schlafsäcke. Zwei kleine Tische vor dem Bus dienen als Kaffee- und Teetheke. Wir haben dann 45 bis 60 Minuten für das Verteilen der Güter und gegebenenfalls das ein oder andere Gespräch. Dann geht es weiter an den Deutzer Bahnhof. Dort geht es in der Regel etwas ruhiger zu, und man hat Zeit, sich intensiver mit den Menschen auszutauschen.

Der Obdachlosigkeit mit dem Bollerwagen begegnet

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Mit dem Kältebus werden Essen, Trinken, Schlafsäcke und Hygieneartikel genau dorthin gebracht, wo sie benötigt werden. Foto: Christina Bruns

Lief das schon immer so ab?
Mischkoff: Angefangen haben wir ganz klein. Das erste Mal sind wir mit fünf Leuten, Kaffee und Tee losgezogen. Zusammengefunden hatten wir uns über Facebook. Danach war mir klar: Das sollten wir öfter und vor allem regelmäßig machen. Und mit selbst gekochtem Essen. Neujahr 2015 sind wir daraufhin mit einem Thermotopf und einem Bollerwagen los und haben Essen verteilt, das wir an Silvester frisch gekocht hatten. Unseren Bus haben wir seit Oktober 2016.

Wie kamen Sie auf die Idee, einen umgebauten Bus zu verwenden?
Mischkoff: In den meisten Großstädten gibt es solch einen Kältebus. Dass wir in Köln keinen hatten, fand ich beschämend. Also haben wir die Idee aufgegriffen.

Ihr Verein ist in den letzten Jahren stark gewachsen und Sie haben Ihre Tätigkeit ausbauen können. Woran denken Sie liegt das?
Mischkoff: Köln ist eine hilfsbereite Stadt und wir haben mit unserer Initiative eine Lücke gefüllt. Viele Menschen wollen Obdachlosen helfen, trauen sich alleine aber nicht. Meistens halten persönliche Schranken – die Angst vor Ablehnung zum Beispiel – Menschen davon ab, einen Obdachlosen auf der Straße anzusprechen. In der Gruppe ist das einfacher. Und es ist toll zu beobachten, wie Helfer und Gäste miteinander sympathisieren. Inzwischen sind wir ein bunter Mix von etwa 50 Helfern unterschiedlichsten Alters, Berufs und Herkunft. Ich glaube, wir sind deshalb so funktionsfähig, weil wir ultraflexibel sind. Ein bisschen chaotisch sind wir auch, aber davon leben wir, und gerade das macht uns flexibel und liebenswert.

www.fdks-obdachlosenhilfe.de

Arzu Mischkoff ist Initiatorin und Vorstandsvorsitzende des „Freunde der Kölner Straßen und ihrer Bewohner e.V.“.

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