01.08.2016 | Von Die Stiftung

„Ein Patentrezept gibt es nicht“

DIE STIFTUNG: Wie richtet man die Stiftung darauf aus, auch einen Generationswechsel zu überstehen?
Fasselt:
Ein Patentrezept, das sich in drei Sätzen zusammenfassen ließe, gibt es dazu nicht. Wichtig ist, dass ein Generationenwechsel in den Stiftungsorganen weder zu plötzlich noch zu umfassend erfolgen sollte. Stiftungen beispielsweise, deren einziges Vorstandsmitglied unvorhergesehen verstirbt oder und das kann aus Stiftungssicht noch schlimmer sein dauerhaft nicht mehr in der Lage ist, sein Amt auszuüben, treiben schnell wie ein Schiff ohne Steuer vor sich hin. Wie Rückmeldungen der Stiftungsbehörden zeigen, sind solche Fälle nicht so selten wie man vielleicht glaubt.
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Generationenwechsel gelingt, ist relativ hoch, wenn die Nachfolger in Stiftungsfunktionen noch durch die scheidenden Organmitglieder aufgebaut werden können, indem sie beispielsweise schon als Stellvertreter eingesetzt werden. Bei manchen Stiftungen dient auch das Kuratorium als Pool für zukünftige Vorstandsposten. Bei Kollegialorganen hat es sich bewährt, wenn Mitgliederwechsel planmäßig mittels eines rollierenden Systems erfolgen, indem etwa alle paar Jahre die Hälfte der Mitglieder wechselt.

DIE STIFTUNG: Wie findet man überhaupt Menschen, die die eigenen Idiosynkrasien in ein neues Zeitalter transportieren?
Fasselt:
Das ist eine der zentralen Fragen, über die sich viele Stifter nicht ausreichend Gedanken machen. Die erste Generation der Stiftungsorgane ist in der Regel noch relativ leicht zu finden und zu begeistern. Hier spielt der Stifter oft eine wichtige Rolle, weil er sein persönliches Netzwerk nutzen kann und persönlich für seine Stiftungsidee steht. Gelingt es ihm, seine Begeisterung zu transportieren, findet er meist auch im privaten oder beruflichen Umfeld Mitstreiter. Schon in der zweiten Generation wird es aber oft schwierig, fähige und zukunftsorientierte Organmitglieder zu finden.
Helfen kann es eventuell in der Satzung vorzusehen, dass zukünftige Organgenerationen nicht mehr zwingend ehrenamtlich tätig sind, sondern ein Entgelt erhalten können. Hilfreich können auch Satzungsregeln sein, nach denen ausscheidende Organmitglieder nach Möglichkeit Nachfolger vorschlagen sollen. Manche Stiftungen nehmen auch professionelle Recruiting-Agenturen in Anspruch.

DIE STIFTUNG: Wie viel Spielraum sollte man den nachfolgenden Organen dabei lassen?
Fasselt:
Hier muss man unterscheiden zwischen dem „Was“, dem „Wie“ und dem „Wer“. Das „Was“ betrifft die Grundentscheidungen des Stifters, vor allem die grundsätzliche Stiftungsidee. Hier sollte man den Spielraum eher begrenzen, um den Stiftungsgedanken nicht der Beliebigkeit preiszugeben. Viele Stifter wählen gerade die Rechtsform einer Stiftung um ihre Grundideen für einen längeren Zeitraum geschützt zu wissen, als sie das über andere rechtliche Wege könnten. Eine Dauertestamentsvollstreckung, mit der sich ebenfalls Grundentscheidungen bewahren lassen, ist beispielsweise stets zeitlich begrenzt.
Das „Wie“ betrifft die Umsetzung der Stiftungsidee, insbesondere also die konkrete Erfüllung der Stiftungszwecke. Hier sollte der Spielraum etwas größer sein, um zukünftigen Generationen die Möglichkeit zu geben, auf veränderte Rahmenbedingungen angemessen zu reagieren.
Vom „Wer“ kann abhängen, wieviel Spielraum beim „Was“ und beim „Wie“ eingeräumt werden sollte. Insbesondere kann es einen Unterschied ausmachen, ob der Stifter noch daran beteiligt ist oder zumindest nach seiner Meinung gefragt werden kann oder nicht. Unter anderem dieser Punkt, also die Frage, inwieweit dem Stifter nach Errichtung der Stiftung noch Spielraum bleiben soll, seine Grundentscheidungen zu ändern, ist derzeit Gegenstand von Überlegungen zur Reform des Stiftungszivilrechts.

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