03.08.2018 | Von Stefan Dworschak

Seehaus – Prinzip Hoffnung einmal anders

Tobias Merckle könnte ein Jetset-Dasein führen. Doch er hatte früh andere Pläne und machte ein Projekt zu seinem Leben. Sein Verein Seehaus bietet straffällig gewordenen Jugendlichen eine zweite Chance. Und auch im Stiftungsbereich ist Merckle längst zu Hause.

Seehaus
Tobias Merckle lebt selbst im Seehaus Leonberg. Fotos: Dworschak

Rund einen Kilometer entfernt schieben sich auf der notorisch staugeplagten A8 die Autos und Lastwagen in Richtung Stuttgart oder Karlsruhe, doch das Seehaus wirkt wie eine Idylle. Es riecht nach Bauernhof, im Stall stehen Rinder, einen Steinwurf von der Einfahrt entfernt picken Hühner vor sich hin, spielen Kinder an Geräten. Der Mann, der das in 15 Jahren aufgebaut hat, trägt einen Pullover mit dem Seehaus-Logo. Dass er für sein Projekt lebt, ist im Fall von Tobias Merckle und seinem Seehaus keine Floskel. Er wohnt auf dem Hof und ist Teil dieser ungewöhnlichen Gemeinschaft.

In deren Mittelpunkt stehen 15 verurteilte, inhaftierte Jugendliche und junge Männer bis 23 Jahre. Sie erhalten im Seehaus eine zweite Chance – wenn sie das Regiment akzeptieren, das Merckle für sein Projekt festgelegt hat. Von 5.45 Uhr bis 22 Uhr dauert das Tagesprogramm und bedeutet für die Bewohner nicht nur Schule, Arbeit und Berufsvorbereitung – auch die Beschäftigung mit der Auswirkung von Straftaten auf die Opfer sowie das Thema Wiedergutmachung gehören zum Konzept.

Der „durchstrukturierte und harte Arbeitsalltag“, von dem der Internetauftritt ebenso freimütig erzählt wie der Gründer, ist kein Selbstzweck, sondern das Gerüst für eine Art von Normalität, die vielen der jungen Menschen zuvor fremd war. Zur Seehaus-Normalität gehören auch die Hauseltern und deren Kinder, die den jungen Inhaftierten ein familiäres Umfeld bieten. Die „Jungs“, wie Merckle sie nennt, schreinern zum Beispiel in den Werkstätten Möbel oder bauen Geländer – nicht zum Zeitvertreib, sondern für den Markt.

Vorbehalte überwunden

Natürlich habe es Vorbehalte gegeben, als es vor 15 Jahren losging, erinnert er sich. „Niemand ist begeistert, wenn straffällige Jugendliche in die Nachbarschaft kommen“, erinnert sich Merckle. „Doch die Menschen haben schnell gemerkt, dass das hier keine Monster sind und dass man hier freundlich begrüßt wird – und eigentlich nicht unterscheiden kann, wer Mitarbeiter und wer einer von den Jungs ist“, sagt er. Die sollen hier eine neue Perspektive erhalten. Der gläubige Christ Tobias Merckle spricht in diesem Zusammenhang häufiger von „Hoffnung“, allerdings ohne einen Hauch von Pathos, sondern in seiner ruhigen Art eher wie von einer praktischen, alltäglichen Notwendigkeit. Prinzip Hoffnung einmal anders.

Da verwundert es nicht, dass es die „Hoffnungsträger-Stiftung“ ist, mit der Merckle vor fünf Jahren in den Dritten Sektor einstieg. Auf die Frage, wie viel Geld darin steckt, lächelt er: „Es ist keine ganz kleine Stiftung.“ Schon die Gründung des Vereins wäre ohne Stiftung schwierig gewesen, wie er beschreibt: Die Baden-Württemberg-Stiftung ermöglichte den Start ebenso wie eine Bürgschaft von Merckles Vater, dem 2009 verstorbenen Ratiopharm-Gründer Adolf Merckle, sowie Spenden.

Rechtlich getrennt, sind Verein und Stiftung durch ihn personell verbunden. Hier Stifter und Stiftungsratsvorsitzender, da geschäftsführender Vorstand. „Wir arbeiten eng zusammen“, sagt Merckle. Die Stiftung sei eigentlich als Förderstiftung geplant gewesen, ist heute aber auch operativ tätig. So unterstützt sie nicht nur den Verein, sondern engagiert sich selbst in Deutschland im Asylbereich und international für die Kinder von Inhaftierten.

Den Kreislauf durchbrechen

Damit schlägt die Stiftung die Brücke zu jenem Schlüsselerlebnis, das die Keimzelle von Merckles Projekte wurde: Der Blick hinter die Gefängnismauern bei einem sozialen Jahr mit Drogenabhängigen in den USA. „Das ist den Jugendlichen nicht zuzumuten“, habe er sich gedacht. „Aber das ist auch der Gesellschaft nicht zuzumuten. Denn diese Menschen kommen irgendwann wieder zurück.“ Die Hoffnungsträger-Stiftung arbeitet mit Prison Fellowship International zusammen.

Seehaus
Das Seehaus bietet 15 jungen Häftlingen ein Zuhause, Gemeinschaft und berufliche Perspektiven.

Während sich die Nichtregierungsorganisation um eine Verbesserung der Zustände in Gefängnissen etwa in Kolumbien kümmert, hat Merckles Stiftung die Kinder der Inhaftierten im Blick. „In vielen Ländern ist es so, dass Kinder, wenn der Vater im Gefängnis ist, keinerlei Lebensgrundlage mehr haben. Sie versuchen dann oft, sich über Diebstahl, Prostitution oder Drogenhandel über Wasser zu halten – und landen dann selbst im Gefängnis“, sagt der diplomierte Sozialpädagoge. Diesen Kreislauf wolle man durchbrechen.

„Sie sollen eine andere Perspektive bekommen, Hoffnung haben – und selbst vielleicht irgendwann zu Hoffnungsträgern werden“, sagt Merckle. Er berichtet von einer jungen Frau in Kolumbien, die selbst im Patenschaftsprogramm unterstützt wurde und nun Mitarbeiterin von Prison Fellowship International ist. Gerade in dem vom bewaffneten Konflikt zwischen Staat, Paramilitärs und Guerillas geprägten südamerikanischen Land unterstütze man viele Projekte zur Resozialisierung und Versöhnung. Das Programm „Opfer und Täter im Gespräch“ funktioniert analog zu den Bemühungen im Seehaus in Leonberg.

Und das wird nicht das einzige Seehaus bleiben. In Leipzig ist für Mai die Eröffnung einer weiteren Einrichtung geplant. Und auch in anderen Städten ist Merckle aktiv – wiederum mit seiner Stiftung. Sie steht hinter integrativen Wohnprojekten für Flüchtlinge und Einheimische, zum Beispiel in Bad Liebenzell im Nordschwarzwald, wo Studierende mit den Asylbewerbern zusammenleben. Für diese „Hoffnungshäuser“ hat die Stiftung gemeinsam mit Partnern ein kostengünstiges Baukonzept entwickelt. „Man kann sich darüber streiten, wer nach Deutschland kommen darf“, sagt Merckle. „Aber die, die in Deutschland sind – für die haben wir eine Verantwortung. Da müssen wir vom ersten Tag an alles auf Integration ausrichten.“

Hoffnungsvoller Dienstleister

Bei den bisherigen Projekten wird es nicht bleiben. Tobias Merckle hat Dienstleistungen im Blick. „Viele Unternehmer wollen etwas Gutes tun“, sagt er, „haben allerdings oft nicht die Zeit. Hier können wir Projektauswahl und Reporting anbieten. Wenn sich etwa jemand in sozialen Brennpunkten engagieren möchte, können wir eine Vorauswahl leisten.“ Auch das Thema Treuhandstiftungen will er angehen. „Mit unserer Größe können wir anders anlegen und auch in Anlageklassen gehen, die kleinere Stiftungen nicht nutzen können.“

Was als Seehaus gestartet ist, erlebt also eine professionelle Diversifizierung. „Ich bin natürlich in einer Unternehmerfamilie aufgewachsen“, sagt Merckle auf die Frage, wie groß die Projekte noch werden sollen – und betont zugleich, dass er seine Zeit selbst begrenzt hat. Bis 67, also noch 20 Jahre, werde er aktiv sein, dann ziehe er sich aus dem aktiven Wirken zurück. Prinzip Hoffnung? Eher nicht. Die Projekte, sagt er, laufen im Grunde heute auch schon ohne ihn.

hoffnungstraeger.de

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